Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Deutschland / Welt Wiederaufbau von Notre-Dame: Keine Zeit, kein Geld, kein Plan
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Wiederaufbau von Notre-Dame: Keine Zeit, kein Geld, kein Plan
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:07 06.07.2019
Flammen und Rauch: Die Kathedrale Notre-Dame am 15. April. Quelle: dpa/AP
Paris

Gestresst wirkt der Cafébesitzer nicht gerade, brummig ist er trotzdem. Kein Gast sitzt auf der Terrasse des Cafés, auch keiner im Innenraum. An seinem Tresen zählt er Münzen und blickt kurz hoch, als doch jemand sein Café betritt. Doch wer Fragen stellt anstatt ein Getränk zu bestellen, ist hier nicht willkommen. „Ich habe anderes zu tun“, knurrt der Gastwirt grimmig. „Merci, auf Wiedersehen!“

Er muss eigentlich auch gar keine Fragen beantworten – man sieht an jeder Ecke, dass sich auf der Seine-Insel Île de la Cité nach der großen Katastrophe im April eine weitere Katastrophe im Kleinen abspielt. Keine Gäste, keine Kunden, nicht im Café, nicht beim Crêpe-Verkäufer, nicht bei der Souvenir-Verkäuferin. Das Feuer im Dachstuhl der Kathedrale Notre-Dame hat große Teile eines der bedeutendsten Bauwerke der Menschheitsgeschichte zerstört. Drei Monate später zwingt es einen Stadtteil in die Knie.

Und keiner scheint zu wissen, wann und wie Notre-Dame wieder aufgebaut wird – und mit welchem Geld.

Rund 13 Millionen Menschen waren es zuletzt, die jedes Jahr zu dem touristischen Höhepunkt der französischen Metropole gepilgert sind, dem am häufigsten besuchten Gebäude Frankreichs – noch vor der Basilika Sacré-Coeur am Montmar­tre und dem Eiffelturm. Ein paar Neugierige kommen auch jetzt noch. Aber keine Massen. Es gibt ja nicht mehr viel zu sehen.

Notre-Dame – wuchtig, aber nicht unverwüstlich

Vor allem eine gelbliche Metallabsperrung fällt ins Auge, über der Stacheldraht angebracht ist – dahinter baut sich Notre-Dame auf. Wuchtig, immer noch, aber eben nicht unverwüstlich, wie man seit dem 15. April weiß.

Notre Dame. Quelle: dpa/AP

Notre Dame – das sind die Schäden

Zerstörungen

Etwa 1300 Eichenbalken des hölzernen Dachstuhls brennend eingestürzt

Etwa 250 Tonnen Bleieindeckung geschmolzen beziehungsweise zum Teil verdampft

Turm über der Vierung brennend eingestürzt

Turmuhr zerstört

Teile des Kreuzrippengewölbes eingestürzt

Schäden

Hitzeschäden am Stein des Mauerwerkes der Gewölbe

Dachgiebelwand zwischen den Westtürmen durch Feuer beschädigt, die Figur des Engels auf der Giebelwand stark beschädigt

Giebelwand der Nordfassade am Querschiff in kritischem Zustand

Ruß- und Bleiablagerungen auf Oberflächen und Ausstattung im Innenraum

Chororgel beschädigt, nahezu zerstört

Chorgestühl versengt

Hauptorgel auf der Westempore durch Staub und Ruß verschmutzt und stellenweise von Löschwasser getroffen, aber sonst unbeschädigt – sie muss wegen Beschädigungen der Empore aber möglicherweise demontiert werden

Rosettenfenster aus dem 12. und 13. Jahrhundert erhalten geblieben, lediglich Fenster aus dem 19. Jahrhundert teilweise beschädigt

Nur auf Höhe des Haupteingangs gibt ein Gitter den Blick frei – auf Arbeiter mit Baustellenhelmen, die zwischen sauber aufgereihten Gerüstteilen gestenreich miteinander diskutieren. Touristen sammeln sich an diesen Metallstäben, versuchen mit ihren Kameras möglichst viel von der Kathedrale einzufangen. Von der berühmten Rosette, über der jetzt ein Loch klafft. Von den beiden Zwillingstürmen und den weltberühmten Figurenportalen – zumindest sie haben dem verheerenden Brand standgehalten. Einen großen Teil des Daches und das Balkengewölbe aber haben die Flammen aufgefressen. Riesige Holzpfeiler stützen die Giebel.

Das ganze Ausmaß der Zerstörung ist vom Platz hinter dem Gitter kaum zu ermessen. Davon zeugen Bilder des demolierten Innenraums voller Schutt. Und vor allem die Videos vom Flammeninferno über der gotischen Kathedrale und dem erschütternden Moment, als der schlanke Vierungsturm in die Tiefe stürzte. „Wir haben das Drama zu Hause vor dem Fernseher miterlebt“, sagt ein amerikanisches Paar, das Paris besichtigt und dem 850 Jahre alten Gotteshaus so nahe wie möglich kommen wollte. „Es hat uns sehr schockiert. Notre-Dame ist das Juwel von Paris!“

Macron: „Die Kathedrale wird schöner als je zuvor“

Am Tag nach der Katastrophe hat Präsident Emmanuel Macron in einer Fernsehansprache seinen Landsleuten versprochen, die Kathedrale würde „noch schöner als zuvor“ wieder aufgebaut – in nur fünf Jahren. Wahrscheinlich hatte er mit dieser Zielsetzung die Olympischen Sommerspiele im Blick, die Paris 2024 ausrichtet. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die auf ihre Wiederwahl im März 2020 hofft, äußerte sich ähnlich ambitioniert.

Hohe Absperrungen und ein Blick durch einen Zaun: Touristen haben nur eine sehr eingeschränkte Sicht auf Notre-Dame. Quelle: Birgit Holzer

Rasch lancierte die Regierung einen internationalen Architektenwettbewerb zum Wiederaufbau des Spitzturms, der aus dem 19. Jahrhundert stammte. Gilt es, ihn mit etwas Zeitgenössischem zu ersetzen oder ihn originalgetreu zu rekon­struieren?

Während sich sowohl die Unesco, die Notre-Dame auf ihrer Weltkulturerbeliste führt, als auch die Mehrheit der Bevölkerung für den Wiederaufbau ausspricht, machten Architektenbüros abenteuerliche Vorschläge für weitreichende Neuerungen – vom Glasdach über ein Schwimmbad bis zu einem Treibhaus. Verschwendete Zeit und Mühen?

Parallel zum Wettbewerb streiten die beiden Parlamentskammern um ein Gesetz, mit dem die Regierung Bauregeln, Umwelt- und Denkmalschutznormen aussetzen will, um die Arbeiten zu beschleunigen. Während die Nationalversammlung zustimmte, in der die Regierungspartei über eine Mehrheit verfügt, lehnte der mehrheitlich konservative Senat die Ausnahmeregelungen ab. Das parlamentarische Armdrücken geht über die Sommerpause weiter.

Zweifel am knappen Zeitplan

Etliche Architekten, Denkmalschützer und Bauspezialisten bezweifeln inzwischen, dass der knappe Zeitplan sinnvoll ist. In einem offenen Brief an Macron riefen 1170 französische und internationale Persönlichkeiten dazu auf, „sich Zeit für die Diagnose zu nehmen und den Experten zuzuhören“. Kulturminister Franck Riester versicherte, die Qualität des Wiederaufbaus gehe vor Schnelligkeit: „Das Ziel sind fünf Jahre, man kann es überschreiten oder darunter bleiben. Was zählt, ist, dass es gut gemacht wird.“

Vieles zerstört: Trümmerteile und verkohlte Holzbalken liegen im Inneren der Kathedrale Notre-Dame. Quelle: EPA POOL

Noch scheint sowieso an einen Baubeginn gar nicht zu denken zu sein; die Untersuchungen durch Experten, die die Zerstörung durch Feuer und Löschwasser analysieren, dauern an. Die Stützungsarbeiten laufen bereits. Der Stiftung ­Notre-Dame zufolge besteht „einer der komplexesten Aspekte“ allein schon darin, das vor dem Brand errichtete Baugerüst abzubauen, das 50 000 Röhren zählt, die das Feuer auf mehr als 800 Grad erhitzt hatte. Das Gerüst war für Renovierungsarbeiten aufgestellt worden. Vier Monate sind jetzt für seine Entsorgung eingerechnet.

9 Prozent der versprochenen Spenden sind tatsächlich eingetroffen

Auch die Finanzierung ist noch nicht geklärt. Innerhalb von wenigen Tagen sammelten Stiftungen, Vereine sowie der französische Staat nach dem Brand 850 Millionen Euro ein – zunächst in Form von Versprechen. Tatsächlich überwiesen wurden bis heute 80 Millionen, also nur rund 9 Prozent. Die Bereitschaft der französischen Geldelite, für ein historisches Gebäude so viel Geld freizugeben, während im Land heiße Diskussionen über soziale Ungleichheit laufen, sorgte für Kritik.

In der Nachbarschaft der Kathe­drale hofft man dennoch auf schnelles Voranschreiten.

„Es ist gar kein Vergleich zu früher“, sagt die Besitzerin eines Souvenirladens namens „Lutèce“, der nicht weit vom Westeingang liegt. Ratlos steht sie vor ihrer Boutique und blickt in Richtung Notre-Dame. „Früher war oft der gesamte Vorplatz voller Leute.“ Jetzt ist er menschenleer. Ihre Paris-Taschen und -Tassen, die Eiffelturm-Schlüsselanhänger und Kochschürzen finden wenig Absatz, obwohl schon Urlaubs- und Hochsaison ist.

Wie soll es künftig aussehen? Streit um Wiederaufbau von Notre-Dame. Quelle: AP

Ähnliches berichtet Aline, Verantwortliche für die Eisdiele einer großen Kette ein paar Meter weiter, die den Rückgang der Kunden auf rund 30 Prozent gegenüber Normalzeiten schätzt. „Davon abgesehen müssen wir wegen der Partikel in der Luft alle unser Blut testen lassen“, sagt die junge Frau mit der großen, runden Brille, „und auch das Gebäude wurde untersucht, denn es könnte gefährliche Bleirückstände geben.“ Rund 250 Tonnen Blei waren auf der Turmabdeckung und auf dem Dach verbaut. Über Stunden schmolzen sie bei dem Brand dahin. Wegen der Bleiwerte ist der Vorplatz der Kathedrale seit Monaten gesperrt.

War eine Zigarette schuld?

Zu vielfältig sind die Probleme, als dass die Arbeiten an der Kathedrale bald beginnen könnten. Eins davon: das der fehlenden Handwerker mit passender Expertise. Man geht davon aus, dass 100 Steinmetze, 150 Zimmerleute und 200 Dachdecker eingestellt werden müssen, um das Balkenwerk wieder aufzubauen, das völlig verbrannte und den Spitznamen „Wald“ trug – es bestand aus 1300 Eichen aus dem 13. Jahrhundert. Die französische Handwerkskammer hat den Schreiner Régis Penneçot damit beauftragt, eine Rekrutierungstour durch Frankreich zu machen, um junge Leute zu finden, die sich für Handwerksberufe interessieren. „Wir sind nicht sexy genug”, bedauert er – und sieht die Brandkatastrophe als Chance, in Verruf geratene Metiers wieder aufzuwerten: „Der Wiederaufbau von Notre-Dame muss eine Vitrine für das französische Handwerk sein – eine Vorzeigebaustelle.”

So scheint der Aktivismus, der an den Tag gelegt wird, bisweilen im Widerspruch zum Machbaren zu stehen. Noch lange hinziehen dürften sich auch die Ermittlungen zur Brandursache: Experten gehen von mehreren Jahren aus. Ende Juni bestätigte die Pariser Staatsanwaltschaft, dass es auch nach 100 Zeugenbefragungen, darunter vieler Arbeiter an der Baustelle im Dachstuhl, für Brandstiftung „keinerlei Hinweise“ gebe. Als wahrscheinlichste Ursachen nannte sie eine weggeworfene Zigarette, einen Kurzschluss oder eine Störung des elektrischen Warnsystems. Inzwischen nahmen drei Untersuchungsrichter Ermittlungen gegen unbekannt wegen „mutwilliger Sachbeschädigung“ und Verletzung der Sicherheitsvorschriften auf.

Die historische Uhr kann rekonstruiert werden

Mittlerweile wurde eine Liste erstellt mit den Schätzen, die verloren gingen, und jenen, die gerettet wurden. Dazu gehören die drei Rosettenfenster, wertvolle Reliquien wie die heilige Dornenkrone, ein Splitter und ein Nagel des Kreuzes Christi, die Tunika Saint-Louis sowie die weltberühmte Orgel. Zerstört wurde hingegen das große Uhrwerk, das sich unter dem Vierungsturm befand. Da ein Bauplan fehlte, drohte die Neuanfertigung zunächst schwierig zu werden. Doch dann geschah etwas, das der Uhrmachermeister Jean-Baptiste Viot als „riesiges Glück“ bezeichnet: Bei der Inventur in der Kirche Sainte-Trinité wenige Kilometer nördlich von Notre-Dame entdeckte er ein fast identisches Uhrwerk mit einer ähnlich aufwendigen Zahnradmechanik – gefertigt ebenfalls im Jahr 1867 und in derselben Werkstatt von Armand-François Collin, einem der großen Pariser Uhrmacher des 19. Jahrhunderts. „Es ist, als fände man eine andere Ausgabe eines Buches, das verbrannt ist“, sagt Viot. Das erlaube die Arbeitsbasis für die originalgetreue Rekonstruktion des komplexen Mechanismus.

Es braucht noch Geduld, bis die Glocken von Notre-Dame erneut läuten. Aber irgendwann werden sie es wieder tun – und der Brand vom 15. April 2019 ein Ereignis sein, das zu ihrer langen, bewegten Geschichte gehört.

Von Birgit Holzer/RND

Mit seiner Panzerparade hat Trump seine Anhänger begeistert. Reicht das schon für eine zweite Amtszeit? Noch tun sich die US-Demokraten schwer, eine Taktik gegen ihn zu finden – auch, weil sie in einer Zwickmühle stecken, kommentiert Karl Doemens.

06.07.2019

Im Atomkonflikt zwischen dem Iran und den USA spricht nun auch ein einflussreicher geistlicher Führer des Irans erste Drohgebärden aus. Während er den US-Präsident vor einem Angriff warnt, plädiert Luxemburgs Außenminister auf die Vernunft.

06.07.2019

Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt schrieb am CDU-Wahlprogramm für die sächsische Landtagswahl mit. Bevor er offiziell für die Union tätig war, plädierte er für eine Koalition mit der AfD. Das tut er jetzt nicht mehr – doch er will die Rechten einbinden, erzählt er im RND-Interview.

06.07.2019