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Deutschland / Welt IG BCE feiert ihre Sonderrolle
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22:22 13.10.2009
Von Mathias Philipp
Der neue Vorsitzende der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE): Michael Vassiliadis.
Der neue Vorsitzende der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE): Michael Vassiliadis. Quelle: ddp
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Konnte das gut gehen? Da beschließt ein Gewerkschaftschef für sich Jahre im Voraus, wer sein Amt nach ihm ausüben soll, präsentiert vor der Wahl eine Bilanz ohne nennenswerte Selbstkritik und verordnet dem Nachfolger dabei freundschaftlich, aber unverhohlen, seinen Kurs fortzusetzen. Wie würde der Gewerkschaftskongress reagieren?

Die Delegierten des höchsten Beschlussgremiums der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) gaben am Dienstag eine Antwort, die keinen Raum mehr für Fragen ließ. Sie feierten ein Fest der Geschlossenheit und Harmonie, wählten Michael Vassiliadis mit 334 von 349 Stimmen zum neuen Vorsitzenden – und verabschiedeten Hubertus Schmoldt mit nicht enden wollenden Ovationen. „Danke, Hubertus!“ stand auf der einen Seite der zu Hunderten verteilten Fanklatschen, „Rock it, Michael!“ auf der anderen. Für 30 Minuten wurde der Kongress unterbrochen, damit auch wirklich jeder Delegierte dem neuen Vorsitzenden gratulieren konnte.

Die IG BCE vollzieht im hannoverschen Kongresszentrum den Generationswechsel an der Spitze ohne Bruch, ja ohne Diskussion. Der Wandel beschränkt sich weitgehend auf den persönlichen Stil. Es geht der in beinahe jeder Hinsicht moderate, hanseatische Liebhaber des Modelleisenbahnbaus, es kommt der lässige Mittvierziger aus dem Ruhrgebiet, ein Hobbymusiker, der in der Klausurtagung auch schon mal die Gitarre rausholt und einen „Sozialpartnerschaftsblues“ zum Besten gibt. Die großen Linien aber bleiben die gleichen. Der 64-jährige Schmoldt übergab am Dienstag an Vassiliadis das Steuerrad, das er 1995 bei seinem Amtsantritt als Chef der Vorgängergewerkschaft IG Chemie, Papier, Keramik von Hermann Rappe übernommen hatte – als Symbol der Kontinuität.

Der 45-jährige Vassiliadis, Sohn eines aus Griechenland eingewanderten Chemiearbeiters und einer deutschen Hausfrau, lässt keinen Zweifel daran, dass er genau wie Rappe und Schmoldt den Konflikt weder mit Arbeitgebern noch mit der Politik sucht, sondern konsensorientiert die besten Lösungen für die einzelnen Arbeitnehmer, aber auch für den Industriestandort Deutschland als Ganzes erreichen will: „Wenn man die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft ernst nimmt, begegnet man allen, die redlich an ihr mittun, mit Respekt“, sagte das SPD-Mitglied am Dienstag.

Oft genug hat diese betont staatstragende Rolle der IG BCE andere Gewerkschafter genervt – etwa wenn Schmoldt die Delegierten des DGB-Bundeskongresses 2006 rüffelte, sie hätten Bundespräsident und Kanzlerin als Gäste nicht höflich genug begrüßt und Angebote zur Mitgestaltung in ihren Reden nur unzureichend beachtet. In dieser Sonderrolle sonnt sich die IG BCE auch in diesen Tagen: Man verschmerzt es, dass die große „Schwestergewerkschaft“ ver.di keinen Vertreter zur Kongresseröffnung entsandte, und ist stolz darauf, dass die Würdigung Schmoldts zu dessen Abschied nach 14 Jahren Gewerkschaftsvorsitz am Dienstag Bundespräsident Horst Köhler übernahm. Heute will die Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel zu den Delegierten sprechen. Die statteten am Dienstag bei der Wahl des von sechs auf fünf Köpfe verkleinerten geschäftsführenden Hauptvorstands nicht nur Vize Ulrich Freese, Edeltraud Glänzer und den neuen Tarifexperten Peter Hausmann mit hervorragenden Ergebnissen aus, sondern mit mehr als 80 Prozent auch das CDU-Mitglied Egbert Biermann.

Ehrengast Köhler revanchierte sich am Dienstag für Schmoldts Fürsprache in den vergangenen Jahren. „Eine gewerkschaftliche Strategie, die vor allem auf Verweigerung setzt, ist zum Scheitern verurteilt“, sagte der Bundespräsident und folgerte: „Ich bin froh, dass es Gewerkschaftsführer wie Sie gibt.“ Schmoldt habe sich nicht nur um seine Gewerkschaft, sondern „um Deutschland verdient gemacht“. Köhler dankte auch Werner Bischoff, dem wie Schmoldt aus Altersgründen ausscheidenden Tarif-Vorstand, für dessen Beitrag „zu einer zukunftsorientierten Weiterentwicklung von Tarifautonomie und Flächentarifvertrag“. „Passgenau und flexibel“ seien die Tarifverträge der IG BCE, innovativ das Miteinander der Gewerkschaft mit dem Bundesarbeitgeberverband Chemie.

Dort sieht man der Zusammenarbeit mit dem neuen Gewerkschaftschef entspannt entgegen. Mit BAVC-Präsident Eggert Voscherau ist Vassiliadis lange bekannt, die Chemie stimme, heißt es. „Eine Ehre“ nannte es Voscherau, Gast des Festaktes am Dienstag der IG BCE zur Feier der Sozialpartnerschaft (und ihrer selbst) sein zu dürfen.

Heute Morgen wird Vassiliadis seine erste Grundsatzrede als IG-BCE-Chef halten. Einen Vertrauensvorschuss hat er gestern nicht nur von den Delegierten seiner Gewerkschaft erhalten, sondern – fast ein wenig väterlich – auch von Horst Köhler. „Ich denke, Sie packen das schon“, sagte der Bundespräsident.