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Deutschland / Welt „Peinlich für Deutschland“: Expertin verurteilt Wildtierhaltung im Zirkus
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09:27 03.05.2019
Zwei Elefanten auf dem Weg in einen Truck des Zirkus Krone. Viele Wildtiere in deutschen Zirkussen leiden unter den Haltungs- und Transportbedingungen. Quelle: Fred Dott
Berlin/Hamburg

„Wildtiere wie Giraffen gehören nicht in den Zirkus“ heißt es in einer Erklärung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Grund für die Stellungnahme war eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen Mitte April an die Regierung zum Thema „Haltung der Bundesregierung zu Wildtieren im Zirkus“.

Politiker wie die Grünen-Abgeordnete Renate Künast werfen Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner vor, sich nicht für das Wohl der Tiere zu interessieren und ein Verbot der Haltung von Zirkustieren zu behindern. Mit der Erklärung widerspricht das Ministerium dieser Darstellung. Man plane vielmehr, künftig die Haltung einiger Tierarten in Zirkussen ganz zu verbieten.

Was ein Leben im Zirkus für Wildtiere bedeutet, weiß Charlene Wolf, Expertin und Campaignerin für Wildtiere bei der Tierschutz-Stiftung „Vier Pfoten“ in Hamburg. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) hat mit ihr gesprochen.

Frau Wolf, gibt es einen Unterschied zwischen der Haltung von Wildtieren und Haustieren im Zirkus?

Ja. Wildtiere gehören nicht in den Zirkus, weil sie im Gegensatz zu Haustieren nicht seit Jahrhunderten domestiziert wurden. Sie können sich den Bedingungen in der Gefangenschaft nur schwer oder gar nicht anpassen. Bei Haustieren ist es moralisch eher vertretbar, wobei auch sie unter den Strapazen leiden.

Welche Art von Strapazen meinen Sie?

Besonders der Transport macht den Tieren zu schaffen. Meist müssen sie, eingepfercht in enge Käfige, stundenlang an einem Fleck bleiben. Gerade für große Tiere ist das eine Qual. Giraffen zum Beispiel können sich nicht hinlegen und stoßen sich die Hörner, wodurch sie oft Gehirnerschütterungen erleiden. Nicht wenige sterben an den Langzeitfolgen der Transporte.

Wie sind die Bedingungen für Wildtiere im Zirkus?

Das ist nicht überall gleich. Leider gibt es nur unzureichende Richtlinien für die Haltung der Tiere, anders als in Zoos, wo eine Säugetier-Richtlinie existiert. Oft sind die Käfige zu klein und es fehlen regelmäßige Kontrollen, die die Zustände überprüfen. Den Großteil des Tages sind die Tiere beschäftigungslos und nicht ausgelastet, wider ihrer Natur. Erschwerend hinzu kommen Dressur und Training.

Sorgt das nicht für die nötige Auslastung?

Nein. Ein Elefant macht ja nicht freiwillig einen Kopfstand. Löwen und Tiger begegnen sich nicht in freier Wildbahn. Im Zirkus machen sie zusammen Kunststückchen. All das erfordert hartes Training und verursacht Schmerzen. Psychischen Stress haben sie bei Auftritten: Licht, laute Geräusche, Menschenmassen – das hinterlässt seine Spuren.

Was heißt das konkret?

Zebras zum Beispiel haben häufig Missbildungen und Verhornungen an den Hufen. Nicht selten entwickeln Tiere Verhaltensstörungen. Elefanten fangen an nervös mit dem Kopf zu wackeln. Einige werden aggressiv und greifen ihre Trainer an oder brechen aus.

Also stellen Wildtiere im Zirkus ein permanentes Sicherheitsrisiko für Menschen dar?

Generell unterliegt ein Zirkus festen Sicherheitsauflagen, damit Tiere eben nicht ausbrechen und Menschen angreifen. Aber Garantien gibt es nie. Und wenn sie draußen sind, ist es sehr schwierig, sie wieder einzufangen. Ein panisches Nilpferd ist gefährlich für Menschen und lässt sich kaum bändigen. Zumal Polizisten für solche Fälle nicht geschult sind.

Ihre Stiftung hat auf ihrer Website eine Liste mit Ländern veröffentlicht, welche Wildtiere in Zirkussen komplett oder zumindest teilweise verbieten. Deutschland ist eines der wenigen Länder, das nicht auf dieser Liste steht. Wie bewerten Sie diesen Umstand?

Das ist peinlich für ein Land, das Vorreiter in Sachen Tier- und Artenschutz sein will. Trotzdem glaube ich, dass ein Umdenken stattfindet. Bei einer Studie, die wir in Auftrag gegeben haben, kam heraus, das zwei Drittel der Leute keine Wildtiere im Zirkus mehr sehen wollen. Meist sind es Ältere und Konservative, die sich diesem positiven Trend entgegenstellen. Zudem ist die Zirkus-Lobby sehr gut organisiert. Tierschützer werden bei Treffen mit der Politik meist außen vor gelassen.

Wie weit sind die Haltung und der Handel von Wildtieren überhaupt noch verbreitet in Deutschland?

Der Markt für den Kauf und Verkauf von Tieren existiert weiterhin. Zirkusse können auf legalem Weg Wildtiere bei Züchtern kaufen und Nachwuchs eigener Tiere verkaufen. Einen illegalen Markt gibt es vor allem bei Wildkatzen. Inwieweit sich deutsche Zirkusse daran beteiligen, kann ich nicht sagen.

Welche Wildtiere werden hauptsächlich im Zirkus gehalten?

Derzeit leben etwa 150 Raubkatzen in deutschen Zirkussen. Sie machen den Großteil der Wildtiere aus. Giraffen und Elefanten gibt es zum Glück seltener.

Ein komplettes Wildtierverbot in Deutschland von heute auf morgen ist unwahrscheinlich. Was wäre der erste Schritt, den die Bundesregierung in diese Richtung unternehmen müsste?

Es müsste ein Nachzuchtverbot durchgesetzt werden. Außerdem sollte man den Kauf neuer Wildtiere verbieten. So könnten sich die Zirkusse langsam umstellen. Mit dem Tod der letzten Zirkustiere würde das Ganze allmählich auslaufen.

Mehr zum Thema: Streit um Haltungsverbote von Wildtieren im ZirkusKlöckner kündigt Konzept an

Von Flemming Goldbecher/RND

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