Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Deutschland / Welt Europas Neid auf Super-Deutschland
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Europas Neid auf Super-Deutschland
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:00 18.01.2012
Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Ich bin noch auf der Suche nach dem, was wir genau mehr tun sollen.“
Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Ich bin noch auf der Suche nach dem, was wir genau mehr tun sollen.“ Quelle: drtr
Anzeige
Berlin

Auf diesem Ohr hört die Kanzlerin nicht so gut. Als Angela Merkel beim Treffen mit Bulgariens Ministerpräsident Boiko Borissow darauf angesprochen wird, ob die von Investoren umgarnte Wirtschafts-Supermacht Deutschland angeschlagenen EU-Partnern nicht stärker unter die Arme greifen sollte, antwortet sie leicht schnippisch: „Ich bin noch auf der Suche nach dem, was wir genau mehr tun sollen.“

Der Neid in Rom, Paris oder Madrid wächst. Während die Südländer heftig sparen müssen und hohe Arbeitslosigkeit die Menschen dort beunruhigt, werden trotz fünf Jahren Finanzkrise noch nie so viele Deutsche einen Job haben. Dazu kommt deutlich mehr Netto vom Brutto. Die Sozialkassen stehen gut da, der Bund muss weniger neue Schulden machen. Die deutsche Exportwirtschaft profitiert von der Schwäche der Nachbarn und baut ihre dominante Stellung weiter aus.

Das alles zahlt sich an den Finanzmärkten aus. Dort reißen sich die verunsicherten Anleger darum, Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zu Mini-Zinsen frisches Geld zu geben. Kürzlich zahlten Investoren sogar drauf, um Deutschland Kapital leihen zu dürfen - „negative Rendite“ heißt das im Fachjargon. Das hilft Schäuble zusätzlich beim Sparen.

Deutsche Schuldpapiere gelten in der Vertrauenskrise des Euro-Raums als sicherer Hafen. Dagegen müssen Italien, Frankreich und weitere Länder viel höhere Zinsen anbieten, um Abnehmer für ihre Anleihen zu finden. Dazu kommt die jüngste Demütigung durch die Rating-Agentur Standard & Poor’s für Frankreich, Italien & Co. - die Deutschen aber durften ihre Topnote „AAA“ behalten.

Nicht von ungefähr facht Berlusconi-Nachfolger Mario Monti nun die Deutschland-Debatte in Interviews richtig an. Der italienische Premier fordert mehr Anerkennung für seine gewaltigen Einschnitte, die er seinen Landsleuten zumutet - und warnt Merkel unverhohlen vor anti-europäischen und anti-deutschen Protesten.

So fragte vorige Woche ein italienischer Journalist beim Monti-Besuch in Berlin die Kanzlerin, ob es nicht an der Zeit sei, dass Deutschland als Dankeschön für die Wiedervereinigung dem Rest Europa etwas schulde. Merkel konnte mit diesem Gedankengang nichts anfangen. Es gehe nicht darum, für das Glück der Einheit etwas zurückzugeben. Ihre Motivation sei es, Europa stark und wettbewerbsfähig zu machen und nicht dem Rest des Kontinents den deutschen Sparwillen aufzudrücken.

Was die Kanzlerin über die Forderungen Montis und anderer Staatschefs wirklich denkt, darüber gibt später ihr Sprecher Steffen Seibert Einblick. Das Vorziehen des dauerhaften Rettungsschirms ESM sei ja wohl gelebte europäische Solidarität.

Deutschland wird mit fast 22 Milliarden Euro den mit Abstand größten Anteil in den ESM-Kapitalstock von 80 Milliarden Euro einzahlen. Es könnten sogar 100 Milliarden werden. Bei der Finanzierung, über die am Montag die Finanzminister in Brüssel beraten, könnte Berlin gönnerhaft für andere Länder in Vorleistung gehen, weil es im Haushalt ausreichend Puffer gibt.

In der Koalition wird auch darauf verwiesen, dass Deutschland zusätzlich das Scheckbuch zücken muss, wenn in Washington beim Internationalen Währungsfonds (IWF) die Kriegskasse um bis zu 500 Milliarden US-Dollar aufgefüllt werden sollte. Am IWF ist Deutschland mit rund sechs Prozent beteiligt.

Monti wird das wohl nicht überzeugen. Er will niedrigere Zinsen haben, wenn Italien bald wieder Milliarden an den Märkten einsammeln muss. Mittelfristig läuft das alles wieder auf die Grundsatzfrage hinaus: Eurobonds Ja oder Nein?

Merkel sieht gemeinsame europäische Staatsanleihen, bei denen Deutschland einen Teil seines Zinsvorteils zugunsten anderer Länder aufgeben würde, allenfalls am Ende des langen Weges zur neuen Stabilitätsunion in Europa.

Doch schon die ersten Schritte dorthin sind holprig. Die Verhandlungen über den Fiskalpakt mit schärferen Haushaltsregeln und Sanktionen gehen nur mühsam voran. Nicht alle in Europa sind derzeit der Kanzlerin so freundlich gesonnen wie ihr Gast aus Sofia. „Wir alle müssen so viel arbeiten wie die Deutschen“, meinte Borissow.

dpa

Mehr zum Thema

Nach zwei Boomjahren wird die deutsche Wirtschaft 2012 nach Einschätzung der Bundesregierung nur noch um 0,7 Prozent zulegen. Das geht aus dem neuen Jahreswirtschaftsbericht hervor, den Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) am Mittwoch in Berlin vorlegte.

18.01.2012

Die Finanzmärkte trotzen der Herabstufung des Rettungsfonds EFSF. Der erwartete Schritt der US-Ratingagentur Standard & Poor’s hielt Anleger am Dienstag nicht davon ab, in den EFSF zu investieren: Bei einer Auktion von Geldmarktpapieren flossen dem europäischen Krisenfonds wie angestrebt 1,5 Milliarden Euro zu.

17.01.2012

Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat die Kreditwürdigkeit des Euro-Rettungsschirms EFSF abgestuft. S&P senkte das Rating von der Bestnote „AAA“ auf „AA+“, wie der Fonds am Montagabend in Luxemburg mitteilte. Dieser Schritt war nach der Abstufung - unter anderem von Frankreich - erwartet worden.

16.01.2012