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Deutschland / Welt Erneut Millionenprotest in Frankreich gegen Rentenreform
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Erneut Millionenprotest in Frankreich gegen Rentenreform
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20:30 19.10.2010
Die Proteste sind nicht immer friedlich: In Le Mans wurde eine Schule angezündet.
Die Proteste sind nicht immer friedlich: In Le Mans wurde eine Schule angezündet. Quelle: afp
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Es brennt. Vor dem Joliot-Curie-Gymnasium der Pariser Vorstadt Nanterre schlagen Flammen aus parkenden Autos. Eben noch hat sich eine schwarze Phalanx von ein-, zweihundert Schülern vor dem Betonbau die Allee hinaufgewälzt. Aber auf einmal ist da auch eine Phalanx von Polizisten. Die Jugendlichen stieben auseinander, schleudern mit Benzin gefüllte Flaschen in parkende Autos, legen Feuer, zertrümmern die Glaswände der Buswarteinseln. Wo eine Protestkundgebung gegen die Rentenreform und die geplante Heraufsetzung des Pensionsalters von 60 auf 62 Jahre angekündigt worden war, waltet nur noch Zerstörungswut.

Vor der östlich von Paris gelegenen Raffinerie Grandpuits brennt es auch. Stéphane Mastio sorgt dafür, dass das Feuer vor dem Fabriktor nicht ausgeht. Er schleppt Holzstiegen und Autoreifen herbei, wirft sie in die Flammen. Schwarzer Rauch steigt auf, entzieht das sich dahinter ausbreitende Labyrinth aus Schloten und Rohren den Blicken.

„Hier kommt kein Tankwagen mehr durch“, sagt der 35-jährige Schichtarbeiter. Ohnehin sei die Produktion durch den Streik längst zum Stillstand gekommen. Die Rente mit 62 sei mit den Raffineriearbeitern nicht zu machen. Viele seien in der Fabrik Fluorhydridsäure und anderen gefährlichen Chemikalien ausgesetzt. „Anderswo mag die Lebenserwartung gestiegen sein, bei uns ist sie es nicht“, versichert Mastio. Da krepierten die Leute mit 65. Sie bis 62 arbeiten zu lassen, sei einfach brutal. Der Mann greift sich einen neuen Reifen, schleudert ihn in die Flammen – was der Gesundheit bekanntlich auch nicht gerade förderlich ist.

Die Feuer von Nanterre und Grandpuits – zwei von Hunderten sind es, die in Frankreich lodern. Wie soll Nicolas Sarkozy sie bloß austreten? In Le Mans ist eine Schule in Flammen aufgegangen. Nach Angaben des Bildungsministeriums werden 400 Gymnasien bestreikt, nach Darstellung von Schülergewerkschaften sind es sogar 1200. In den zwölf Raffinerien des Landes ruht die Arbeit. 2500 Tankstellen haben keinen Treibstoff mehr. Lkw-Fahrer blockieren Fernstraßen. Millionen von Demonstranten gehen gegen die Rentenreform auf die Straße.

Noch zeigt sich der Staatschef unbeeindruckt. Die Reform sei für Frankreich essenziell, er werde sie in die Tat umsetzen, versichert er. Wenn es nur um die Rentenreform ginge – er hätte eine Chance. Dass auch die Franzosen länger arbeiten müssen, wenn sie sich bei höherer Lebenserwartung gleich hoher Renten erfreuen wollen, ist offenkundig. Sicherlich sind Teile der Reform angreifbar. So ist es ungerecht, dass früh ins Erwerbsleben startende Schulabgänger länger in die Rentenkasse einzahlen sollen als spät startende Universitätsabsolventen. Auch muss sich die Reform den Vorwurf gefallen lassen, dass sie einem auf Baustellen Schwerstarbeit verrichtenden Mann die gleiche Lebensarbeitszeit zumutet wie einem mit Papieren hantierenden Schalterbeamten, dessen Lebenserwartung deutlich höher ist als die des Bauarbeiters.

Aber was in Frankreich allseits aufflammt und sich zum Flächenbrand auszuweiten droht, ist eben nicht nur der Zorn auf eine unausgewogene Rentenreform. Zunehmend gilt der Protest auch anderen wirklichen oder vermeintlichen Ungerechtigkeiten und einem sich davon wenig beeindruckt zeigenden Staatspräsidenten.
In Nanterre hat die Polizei Dutzende von Schülern festgenommen. Marc, Dikoum und Kilsowe sind noch einmal davongekommen. Sie stehen am Straßenrand, betrachten das in der Sonne funkelnde Scherbenmeer und ein von Ruß und pastellfarbenen Lackschlieren übersätes Autowrack. In einem Werbespot für ein weltoffenes Frankreich gäben die Drei bestimmt eine gute Figur ab: Marc, blond und blauäugig, daneben der aus dem Maghreb stammende Dikoum, scharf geschnittene Nase, brauner Teint, schließlich Kilsowe, Sohn kongolesischer Eltern, schwarze Hautfarbe, schwarze Augen, schwarze Haarkrause.

Der 17-jährige Kilsowe ist der Wortführer des Trios. „Die Rentenreform geht nicht durch, was zu viel ist, ist zu viel“, sagt er. Nicht genug damit, dass ihm als Dunkelhäutigem immer wieder Geringschätzung entgegenschlage, dass ihn nach der Schule anstatt eines ordentlichen Arbeitsplatzes miserabel bezahlte Praktika erwarteten. Jetzt solle er auch noch arbeiten, bis er 60 sei. Die Kumpel korrigieren. „Bis 62“, sagt Marc. „Umso schlimmer“, meint Kilsowe.

Ob er es besser fände, wenn die in diesem Jahr bereits ein Defizit von 32 Milliarden Euro ausweisenden Rentenkassen weitermachten wie bisher und seiner Generation 2050 einen auf 110 Milliarden gestiegenen Schuldenberg aufbürdeten? „Mit 60 ist man doch fast schon tot, da kann man nicht mehr arbeiten“, antwortet Kilsowe.

In der zwischen Gymnasium und Raffinerie liegenden Rue Vaillant-Couturier brennt nichts, im Gegenteil. Dort ist der Brennstoff zur Neige gegangen. An der Total-Tankstelle mustern zwei Angestellte im Overall an der Kasse ausliegende Schokoriegel. Seit die Männer am Morgen die Einfahrt mit einer Metallkette abgesperrt und die digitalen Preisanzeigen für sämtliche Kraftstoffe auf null gestellt haben, sind sie unter sich. „Tankstellen ohne Benzin sind trostlos“, bemerkt einer der beiden. „Die Regierung tut das einzig Richtige, sie beruhigt die Menschen, damit keine Panik ausbricht“, antwortet der Kollege. Im Radio ist François Fillon zu hören. Es gebe keine Treibstoffknappheit, sondern nur Schwierigkeiten bei der Belieferung einzelner Tankstellen, sagt der Premier.

Die Konkurrenz auf der anderen Straßenseite hat noch Diesel. Vor der Zapfsäule staut sich der Verkehr. Eine kilometerlange Warteschlange hat sich gebildet. Das heißt, nach ein paar Hundert Metern ist es keine Warteschlange mehr, weil die Autofahrer dort nicht wissen, warum sich der Verkehr staut. „Vermutlich eine dieser Lkw-Blockaden“, sagt ein Fahrer.

Der Mann lässt den Arm aus dem Autofenster baumeln, blinzelt in die Sonne. Wie die meisten Franzosen hat er seinen Frieden damit gemacht, dass im Land nicht mehr viel vorangeht. 71 Prozent der Bevölkerung halten Streiks, Proteste und Blockaden für gut.

Mehr als die Hälfte hat zwar eingesehen, dass eine Rentenreform überfällig ist. Aber da ist eben auch das Gefühl, dass sie ungerecht ist und dass es überhaupt eine Menge Ungerechtigkeit gibt in Frankreich.

Axel Veiel