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Deutschland / Welt Die neue Angst vor der Mogelpackung
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22:49 08.04.2009
Die strengen Verpackungsvorschriften für viele Lebensmittel fallen weg. Quelle: Martin Oeser/ddp
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Die Versuchung ist süß, schmeckt nach Vollmilch oder Haselnuss und wiegt 100 Gramm. So war es jedenfalls bisher. Denn noch schreibt ein Gesetz exakt vor, welche Größen bei Schokolade erlaubt sind. 100 Gramm sind legal, 85 auch. Aber nicht 95. Am Sonnabend ändert sich dies. Die strengen Verpackungsvorschriften für viele Lebensmittel fallen weg. Dafür sorgt eine Regelung der Europäischen Union. Bei Zucker, Mineralwasser, Fruchtsäften, Milch und Bier dürfen die Hersteller ihre Kartons und Flaschen künftig so groß oder winzig wählen, wie sie es möchten. Nur noch für Wein, Sekt und Spirituosen bleiben die gewohnten Standardwerte vorgeschrieben. Verbraucherschützer befürchten, dass sich Kunden im Supermarkt auf viele neue Größen einstellen müssen.

Bald könnte es also 900 Gramm Zucker im Regal geben. Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg warnt vor versteckten Preiserhöhungen: „Anbieter können ab sofort die Menge reduzieren und den Preis unverändert lassen. Das öffnet Tür und Tor für Mogelpackungen.“ Der Verbraucherschützer kann viele Produkte aufzählen, bei denen die Füllmengen schon in den vergangenen Jahren immer kleiner wurden, der Preis aber gleich blieb. „Für Anbieter hat das sicherlich Vorteile, jedoch nicht für die Verbraucher“, sagt Valet.

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Trotz der strengen Richtlinie räumt die EU den Mitgliedstaaten bei Milch und Zucker Übergangsregelungen für bestehende Packungsgrößen ein. „Nach Befragung der betroffenen Wirtschaft und von Verbraucherschutzverbänden sahen wir keinen Anlass, von diesen Spielräumen Gebrauch zu machen“, sagt ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums.

Gelassen blickt die Nordmilch AG, die Marken wie Milram vertreibt, dem Wegfall der Verpackungsvorschrift entgegen. Bislang ist in Bremen keine Umstellung der Größen geplant. „Uns liegen keine Anfragen unserer Handelspartner vor“, sagt Unternehmenssprecherin Godja Sönnichsen.

Merkwürdige Verpackungsgrößen wie beispielsweise 113 Gramm Butter oder 900 Milliliter Milch hält auch der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels für unrealistisch. „Ich glaube nicht, dass sich der Wegfall der Vorschrift negativ für die Kunden auswirkt“, sagt Sprecherin Ulrike Hörchens. Eher sei das Gegenteil der Fall. Die Deregulierung biete viel Raum für Marketingaktionen.

Doch gerade bei vermeintlichen Schnäppchen sollten Kunden nach Ansicht der Verbraucherschützer wachsam sein. „Um Lebensmittelpreise genau vergleichen zu können, ist ein Blick auf die Grundpreisangabe am Regal immer sinnvoll“, sagt Valet. Dort steht auch künftig der Preis pro Kilo, Liter oder Gramm – oftmals jedoch in winziger Schrift und nicht auf Augenhöhe.