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06:58 05.05.2014
Von Marina Kormbaki
Foto: Nicht die Bundesrepublik ist hinter dem Zaun, sondern die gesicherten Hochleistungspumpen zur Förderung des Rohöls, das unter dem Acker von Freek und Fenna Ensink lagert. Die Grenzregion birgt das größte Erdölvorkommen des westeuropäischen Festlands.
Nicht die Bundesrepublik ist hinter dem Zaun, sondern die gesicherten Hochleistungspumpen zur Förderung des Rohöls, das unter dem Acker von Freek und Fenna Ensink lagert. Die Grenzregion birgt das größte Erdölvorkommen des westeuropäischen Festlands. Quelle: Kormbaki
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Schoonebeek

Das Wasser will nicht weichen an diesem Nachmittag. Unablässig fällt es vom wolkengrauen Himmel. Als Regen, als Niesel, als Schauer, als Guss. Ein Glücksfall, denkt man beim Blick hinaus durch das hohe Sprossenfenster. Denn solange es regnet, bleibt der Kartoffelbauer Freek Ensink auf seinem Lieblingssessel sitzen. Es ist ja doch zu nass, um Kartoffeln zu pflanzen auf dem gefurchten Acker. So finden Freek und Fenna Ensink die Zeit, die es braucht, um ihre Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die 100 Jahre in die Vergangenheit reicht und 800 Meter in die Tiefe.

Holz glimmt im Kamin. Fenna Ensink kommt mit einem Teller aus der Küche, blumenverziertes Porzellan, darauf ein Stück Rha­baberkuchen. „Ich ziehe die holländische Art des Auftischens der deutschen vor“, sagt sie. Man fragt sich, was wohl der Unterschied ist, da erklärt Fenna Ensink: „Die Deutschen stellen den ganzen Kuchen auf den Tisch, und man nimmt sich. Die Holländer portionieren.“ Manche Eigenheiten offenbaren sich wohl erst aus dem Blickwinkel des Auswanderers.

Fenna Ensink, 61, ist gebürtige Deutsche. Ihr Ehemann Freek Ensink, 63, ist Niederländer. Könnte man sagen. Ist jedenfalls nicht falsch – sagt aber auch nicht besonders viel aus. Denn oft verblasst das Gefühl nationaler Zugehörigkeit mit der Nähe zu einer Landesgrenze, weil Traditionen und Erfahrungen sich oft wenig um Grenzverläufe scheren. Freek Ensink sagt: „Ich bin kein echter Holländer, und meine Frau ist keine echte Deutsche.“

Das niederländische Schoonebeek und den Ort Echteler in der Grafschaft Bentheim, die Geburtsorte der Ensinks, trennen 16 Kilometer. Schon vor 109 Jahren, als der Großvater von Freek Ensink der Liebe wegen aus dem Emsland übersiedelte und den Hof übernahm, den die Ensinks heute bewirtschaften, verlief dazwischen die Grenze. Aber ihr zum Trotz gab es in all der Zeit eine muntere Völkervermischung. Die Ensinks schätzen, dass fast die Hälfte aller Einwohner des 5000-Seelen-Ortes Schoonebeek wie sie Familie in der niedersächsischen Grafschaft Bentheim haben.

Das hat konfessionelle Gründe – die altreformierte Kirche hat zu beiden Seiten des Grenzverlaufs eine lange Geschichte –, aber auch wirtschaftliche. So teilten sich die Hirten von Schoonebeek und des deutschen Emlichheims Weiden und Ställe für das Jungvieh, Kartoffelacker erstreckten sich über den Grenzbach Schoonebeeker Diep hinweg. Und Sprachbarrieren gab es auch keine. Hier spricht ohnehin jeder Platt.

In all den Jahren, die Fenna und Freek Ensink in dieser Gegend leben, war der Grenzverlauf mal mehr, mal weniger sichtbar. Fenna Ensink erzählt, wie sie als Kind einmal mit ihren Eltern rübergefahren war, für einen Ausflug in den Zoo des Städtchens Emmen, und um Haaresbreite hätte die Familie die Nacht im Ausland verbringen müssen, denn schon um neun Uhr abends ging die Schranke runter, und die Familie war spät dran. Als Fenna und Freek Ensink Anfang der siebziger Jahre in Schoonebeek heirateten, beantragten sie bei der Behörde im emsländischen Meppen, den Schlagbaum ein paar Stunden länger oben zu lassen. Die Hochzeitsgäste der Braut sollten nicht gleich nach Beginn der Feier schon wieder zurück nach Deutschland aufbrechen müssen.  

Schlagbäume und Grenzkontrollen nehmen in der Erinnerung der Ensinks  eine wichtige Rolle ein – sie beherrschen sie aber nicht. Da ist noch etwas anderes: Menschen, die plötzlich von fern nach Schoonebeek strömen, Aufbruchstimmung, Wohlstand – kurzum: all jenes, was das Erdöl im porösen Bentheimer Sandstein in die Region gespült hat.

Der Krieg war kein Jahr her, da nahm die niederländische Erdölgesellschaft NAM 1946 die Förderung des kurz zuvor entdeckten Ölvorkommens auf. Es war die Zeit, in der Niederländisch-Indien in die Unabhängigkeit entlassen wurde – viele einstige holländische Statthalter brauchten Arbeit und fanden sie in Schoonebeek, mit ihnen auch einige Indonesier. „Die Menschen aus aller Welt machten das bis dahin eher zurückgezogene Schoonebeek  zu einer weltoffenen Gemeinde“, sagt Freek Ensink. Die erste Ölpumpe im Ort stand auf Ensinks Acker.

Sein Vater zögerte 1946 keinen Augenblick lang, als die Männer von der NAM ihn fragten, ob er sein Land verpachten wollte, damit sie ihre schwingenden Pferdeköpfe darauf platzieren. „Die Leute sagten damals: ,Die Pferdeköpfe sind die besten Melkkühe‘“, erzählt Ensink.
Das wächserne Schoonebeeker Rohöl war ein Schmiermittel der besonderen Art. Die NS-Besatzung hatte tiefen Hass gesät zwischen Niederländern und Deutschen. Wo sie familiär miteinander verbandelt waren, fanden die Menschen am Schoonebeeker Grenzstreifen recht bald wieder zueinander. Und wo nicht, half das Öl nach, denn auch das schert sich ja nicht um kartografierte Grenzverläufe. „Hier nahm das Leben schnell wieder seinen Gang“, sagt Freek Ensink.

Östlich der Grenze, westlich der Grenze – alle packten mit an, um das Öl aus 800 Metern Tiefe sprudeln zu lassen, verlegten Leitungen, verbanden Bohrtürme mit Straßen aus Asphalt, legten das moorige Land trocken. „Es war eine ziemlich unkomplizierte Zeit“, sagt Freek Ensink im vergnügten Ton, der im Niederdeutschen mitschwingt.

Dann nahm der Einfluss der Texaner bei der NAM zu, erzählt Fenna Ensink. „Schneller, schneller pumpen“, hätten sie gefordert, und dann, 1996, ging nichts mehr. Immer noch lag unter Schoonebeek das größte Erdölvorkommen des westeuropäischen Festlands – 120 Millionen Kubikmeter –, aber dessen Förderung lohnte nicht mehr. Die Technik war veraltet. „Ein Schock“, sagt Freek Ensink. Und: „Ich hätte nie erwartet, dass die NAM zurückkommt.“

Aber der Planet dürstet nach Öl, der Ölpreis stieg, und die NAM kam zurück, vor zwei Jahren, mit neuer Technik: „Sie müssen sich das vorstellen wie bei einem fast leeren Becher Milchshake“, sagt Fenna Ensink: „Wenn sie mit der langen Seite des Strohhalms den Becherboden absuchen, aber doch nichts hochkommt. Was tun?“, fragt sie und antwortet mit einiger Begeisterung: „Sie drehen den Strohhalm um, und die kürzere Seite des Strohhalms dringt bis zum Rand des Bechers vor. Horizontalbohrung nennt sich das.“ Die Ensinks sind zufrieden mit der Informationspolitik der NAM.

Man kann sich irgendwo auf dem brettgeraden Land von Schoonebeek mit geschlossenen Augen im Kreis drehen – sobald man die Augen öffnet, weiß man, auf welcher Seite Deutschland liegt und auf welcher die Niederlande: In Deutschland stehen Windräder, was in den Augen der Holländer nur „Horizontverschmutzung“ ist; und dort sind auch noch die rostigen Pferdekopf-Pumpen im Einsatz. Die Niederländer haben dagegen 15 Meter hohe, neue Hochleistungspumpen, eine davon steht auf dem Acker der Ensinks. Dicke, olivgrüne Pipelines führen oberirdisch von ihr weg, entlang der Kartoffelfelder, der Kuhweide, dem Obstgarten. Ob er keine Angst davor hat, dass das Öl hier mal hochquillt? Alles sicher, sagt Herr Ensink. Und die NAM fahre ja hier stets Patrouille. Die Zuversicht aus Jugendtagen haben sich die Ensinks bewahrt.

Nun ist nicht überall entlang der Grenze das deutsch-niederländische Verhältnis ein so herzliches wie auf dem Hof der Ensinks. Zumindest aber gehen heute, 65 Jahre nach Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, beide Völker recht entspannt miteinander um, pragmatisch. Wegen der hohen Immobilienpreise zu Hause beziehen immer mehr Niederländer ihr Eigenheim im Emsland und in Bentheim, Deutsche verbringen ihren Urlaub gern in Holland. Und gleich hinter der Grenze, im deutschen Emlichheim, parken vor Lidl und Aldi sehr, sehr viele Autos mit niederländischem Kennzeichen.

„Holland will nicht 17. Bundesland sein“

Nachgefragt bei Prof. Friso Wielenga vom Zentrum für Niederlande-Studien Münster

Wie steht es um das niederländisch-deutsche Verhältnis?
Lange Zeit warf die deutsche Besatzung der Niederlande während der NS-Jahre ihre Schatten auf das niederländisch-deutsche Verhältnis. Aber dieses Erbe ist abgetragen, die Beziehung beider Länder hat sich längst normalisiert – was aber nicht bedeutet, dass sie spannungsfrei ist. Schließlich grenzt hier ein großes Land mit großem Einfluss auf die Entwicklung Europas an ein kleines Land, das sich um seine Identität sorgt und auf keinen Fall als 17. deutsches Bundesland wahrgenommen werden möchte.

Warum sorgen sich die Niederländer um ihre Identität? Sie gelten doch als locker und liberal – ist doch ein prima Image.
Darauf haben sich die Niederländer auch lange ausgeruht – bis sie vor zehn, zwanzig Jahren in den Spiegel schauten und feststellten, dass sie und die Welt einem Klischee aufsaßen. Die verbreitete Kollaboration mit den Nazis ließ sich da angesichts einer Vielzahl von Beweisen nicht mehr leugnen. Zudem erschrak die Beliebtheit rechter Politiker wie Pim Fortuyn und Geert Wilders viele Niederländer – ebenso wie die Tatenlosigkeit niederländischer Blauhelmsoldaten während des Massakers im bosnischen Srebrenica. All das passt nicht zum lange gehegten Selbstbild vom heldenhaften, guten Niederländer. Das hat die Gesellschaft selbstkritischer gemacht. Das kritische Selbstbild hat auch zu einem nuancierteren, durchaus anerkennenden Blick über die Ostgrenze nach Deutschland beigetragen. 

Wachsen die niederländische und die deutsche Gesellschaft an der Ostgrenze zusammen?    
Ich würde nicht so weit gehen und behaupten, dass da eine gemeinsame Identität entsteht. Es ist wohl eher eine Selbstverständlichkeit, die den Umgang miteinander im Alltag prägt. 

Ist der Blick auf die deutschen Nachbarn im Grenzgebiet ein anderer als in den entfernteren niederländischen Regionen?
Na ja, die Holländer im Westen blickten immer schon etwas herablassend auf das aus ihrer Sicht recht provinzielle Treiben im Osten. Erst allmählich begreifen die politischen und wirtschaftlichen Eliten in Den Haag, Amsterdam und Rotterdam, dass die Grenzregion ein wichtiges Stück Europa ist und es nicht immer klug ist, niederländische Belange in Berlin anzusprechen. Schließlich fallen sehr viele für die Niederlande relevante Entscheidungen in den Landeshauptstädten Hannover und Düsseldorf. 

Interview: Marina Kormbaki

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