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Deutschland / Welt Die Grünen misstrauen ihrer neuen Stärke
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Die Grünen misstrauen ihrer neuen Stärke
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07:00 12.11.2018
Geschafft: Das Spitzenduo Annalena Baerbock und Robert Habeck ist am Ende des Parteitags offensichtlich mit sich selbst im Reinen.
Geschafft: Das Spitzenduo Annalena Baerbock und Robert Habeck ist am Ende des Parteitags offensichtlich mit sich selbst im Reinen. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
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Leipzig

Es sollte ein „Arbeitsparteitag“ sein. So hatte die Grünen-Spitze das Treffen vom Wochenende angekündigt und den im Wort mitschwingenden Eindruck von Langeweile einkalkuliert. Es galt, Hunderte Änderungsanträge zum Europa-Wahlprogramm abzuarbeiten und über Dutzende Kandidaten abzustimmen. Vor allem aber galt es, den großen Zuspruch, den die Partei zuletzt in Landtagswahlen und in Umfragen erfahren hat, nicht zu gefährden – nicht durch Übermut und schon gar nicht durch Streit. Also beugte man sich über die Tagesordnung, bis tief in die Nacht. Doch der demonstrative Arbeitseifer vermochte nicht das große Fragezeichen zu vertreiben, das über der Leipziger Messehalle hing: Wie nachhaltig ist die neue Stärke der Grünen?

Nach den Wahlerfolgen war ein Parteitag der Selbstbeglückwünschung zu erwarten. Doch in die Freude über die neue Stärke mischen sich Zweifel. Die Grünen misstrauen dem Gerede von der neuen Volkspartei. Sie spüren Erwartungen, die sie schon bald enttäuschen könnten.

„Europa. Darum kämpfen wir“ – der Slogan schmückte die Parteitagsbühne. Dabei stellt die Europa-Wahl im Mai 2019 das geringste Problem für die Grünen dar; die Lage auf dem Kontinent treibt ihre Anhänger um, sie müssen nicht erst mobilisiert werden. So wunderte es nicht, dass viele Redner ihre Worte unter das Motto „Ostdeutschland – darum kämpfen wir“ gestellt zu haben schienen. In Brandenburg, Sachsen und Thüringen finden in einem Jahr Landtagswahlen statt. Dort sind die Grünen kaum verankert. Für viele Ostdeutsche verkörpern sie typische Besser-Wessis: überheblich, reich, bekümmert nur von Luxussorgen. Nun sprechen ostdeutsche Spitzengrüne plötzlich über ihre Wende-Erfahrungen. Eine politische Strategie ist das nicht.

Neben Europa und dem Osten war ein weiterer Winkel der Erde präsent auf dem Parteitag: Jamaika. Auf der Bühne fiel das Wort nicht – ganz so, als wollte man einen bösen Geist durch Beschweigen fernhalten. Umso häufiger aber kreisten die Gespräche in den Gängen um die Möglichkeit eines vorzeitigen Endes der Großen Koalition und die Wiederaufnahme von Sondierungen mit Union und FDP. Die Grünen wollen regieren – aber nicht auf Basis der kümmerlichen 8,9 Prozent, die sie bei der Bundestagswahl holten. Sollten aber ausgerechnet sie nach Neuwahlen rufen, wäre das Bild von der staatstragenden Partei schwer aufrechtzuerhalten.

Das Dilemma zeigt: Die Stärke der Grünen gründet auf ihrer Ferne von der Macht. Solange sie nichts entscheiden müssen, taugen sie als frisches Gegenbild zur GroKo. Weil sie jedoch regieren wollen, wissen sie um die Vergänglichkeit des Glücksmoments. Also hält die Partei die Luft an, verdrängt Konflikte und hofft, dieser Moment möge andauern.

Von Marina Kormbaki