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Deutschland / Welt Chinese erhält Friedensnobelpreis - Peking tobt
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20:41 08.10.2010
Liu sitzt wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“ im Gefängnis.
Liu sitzt wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“ im Gefängnis. Quelle: dpa
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„Chinesen, dies ist der glücklichste Tag in den letzten 60 Jahren. Von heute an können wir in die Zukunft schauen.“ Mit dieser Twitter-Nachricht feierte der kritische Künstler Ai Weiwei am Freitag die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Demokratieaktivisten Liu Xiaobo. „Danke Norwegen, du hast dem chinesischen Volk eine Chance für eine glänzende Zukunft beschert“, schrieb der Blogger Michael Anti und lud zum „Trinken bis zum Bankrott“ ein, obwohl er noch immer von Weinkrämpfen geschüttelt werde. Der Web-Intellektuelle Isaac Mao kommentierte derweil: „Liu Xiaobos Sieg ist der Sieg der chinesischen Internetbenutzer und sozialen Medien.“

Zehntausendfach verbreitete sich die Euphorie gestern im chinesischen Netz – allerdings nur bei der kleinen Minderheit derer, die sich den Zensurmechanismen zu entziehen wissen, mit denen Chinas Kommunistische Partei zu kontrollieren versucht, was ihr Volk weiß und was nicht. Dass zum ersten Mal ein chinesischer Staatsbürger einen Nobelpreis gewonnen hat, gehört nach Ansicht der Regierung zu den gefährlichsten Informationen, die seit Jahren zirkulierten.

Es war um Punkt 17 Uhr chinesischer Ortszeit, als im fernen Oslo Komiteechef Thorbjørn Jagland vor die Presse trat und erklärte, dass die diesjährige Ehrung an den derzeit in China inhaftierten Initiator des Demokratiemanifests „Charta 08“ gehe. Damit werde Lius „langer und gewaltloser Kampf für fundamentale Menschenrechte in China“ gewürdigt, sagte Jagland und erhob harte Vorwürfe gegen die chinesische Regierung.

„China bricht mehrere internationale Abkommen, die es unterzeichnet hat, desgleichen eigene Bestimmungen zu politischen Rechten“, erklärte er. Obwohl Chinas Verfassung Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit sowie das Recht auf Prozessionen und Demonstrationen gewährleiste, habe sich „in der Realität gezeigt, dass diese Rechte für die Bürger Chinas eindeutig eingeschränkt“ seien.

Fast genauso preiswürdig ist die Standhaftigkeit, mit der das Nobelpreiskomitee Pekings diplomatischen Druck ignorierte. Gleich zwei chinesische Spitzenpolitiker, Vizeaußenministerin Fu Ying und Politbüromitglied He Guoqiang, waren in den vergangenen Monaten mit scharfen Warnungen nach Oslo gereist. Am Freitagabend kommentierte Chinas Außenministerium knapp, die Entscheidung „könnte den chinesisch-norwegischen Beziehungen schaden“.

Es war der einzige Kommentar, den die kommunistische Regierung am Freitag zu dem Thema übrig hatte. Dabei traf die Ehrung den Propagandaapparat nicht unvorbereitet. Schon Stunden vor der Bekanntgabe nahmen chinesische Suchmaschinen das chinesische Wort für Nobel nicht mehr an. Kaum war Liu gekürt, mussten alle Webportale ihre gesamte Berichterstattung zu allen Nobelpreisen löschen. Auch Mobilfunkdienste blockierten Handynachrichten mit dem Namen des Dissidenten. Doch die Internetbenutzer behalfen sich mit einem Codenamen: Unter der Bezeichnung „Dynamit-Preis“ verbreitete sich die Meldung trotzdem. „Glückwunsch – China hat den Dynamit-Preis gewonnen“, schrieb einer. „Der Dynamit-Preis ist mächtig genug, um den Wind aus den größten Segeln zu nehmen“, lautete ein anderer Kommentar.

Die Regierung steht vor einem Dilemma: Wenn sie das Thema wie bisher weiter totschweigt, überlässt sie das Feld den Liu-Fans im Internet – und die werden ihre Wege finden, die Nachricht auch an der offiziellen Zensurmaschine vorbei zu verbreiten. Geht die Partei jedoch in die Offensive und greift das Nobelpreiskomitee öffentlich an, weist sie die Menschen selbst auf ein Thema hin, von dem sie bisher nichts wussten. Denn für viele Chinesen ist Liu Xiaobo ein Unbekannter. „Ein Klassenkamerad hat mir davon erzählt, aber ich habe noch nie von Liu Xiaobo gehört“, sagt ein Pekinger Student. Was er von der Preisverleihung halten solle, wisse er nicht. „Aber ich werde versuchen, im Internet herauszufinden, wer er ist.“

Zu entdecken gibt es die Geschichte eines aufrichtigen Intellektuellen und überzeugten Demokraten: Geboren wurde Liu Xiaobo 1955 im nordchinesischen Changchun; seine Jugend war geprägt von Maos verheerenden Sozialexperimenten, dem „Großen Sprung nach Vorn“ (1958–1961), der in einer katastrophalen Hungersnot endete, und der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ (1966–1976), während derer die Familie aus der Stadt auf eine Volkskommune in der Inneren Mongolei geschickt wurde. Als der Spuk mit Maos Tod endete, war Liu zwanzig und begann an der Universität seiner Heimatstadt Literatur zu studieren. Dort machte er sich einen Namen als Essayist, obwohl er eigentlich lieber Dichter sein wollte. Nach dem Abschluss ging er zur Promotion an Pekings pädagogische Hochschule, und von dort als Gastwissenschaftler nach Hawaii, New York – und Oslo.

Sein Leben änderte sich, als Liu im Frühsommer 1989 von den USA zurück nach Peking reiste. In seiner Abwesenheit hatten Pekings Studentendemonstrationen für Demokratie begonnen, die Stadt befand sich im Ausnahmezustand. Während er in Tokio auf seinen Anschlussflug wartete, erwägte er kurz, zurück nach New York zu fliehen, doch dann bestieg er doch die Maschine in die chinesische Hauptstadt und schloss sich dem Hungerstreik auf dem Platz des Himmlischen Friedens an.

Dies Engagement bezahlte Liu mit seinem ersten Gefängnisaufenthalt: Nach der blutigen Niederschlagung des Protests wurde er wegen „konterrevolutionärer Propaganda und Anstiftung“ zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Doch die Härte des Systems brach nicht seinen Willen, sondern schärfte nur den Blick des Literaten für Chinas soziale und politische Probleme. Nach seiner Freilassung begann er, seine Überlegungen dazu aufzuschreiben und war bald einer der Protagonisten der chinesischen Untergrundintellektuellen. Die Partei sah Lius Wortgewalt als Gefahr und verurteilte ihn 1996 wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ erneut zu drei Jahren Arbeitslager.

Als Liu 1999 freikam, hatte sich in China vordergründig vieles geändert, der Wirtschaftsboom hatte seine volle Kraft entfaltet. Doch an der politischen Erstarrung hatte sich nichts geändert. Liu glaubte, dass der neue Wohlstand und die technische Neuerung des Internets den Chinesen die Möglichkeit verschaffen könnten, effektiver für ihre Freiheitsrechte einzutreten – solange nur genügend Mutige vormachten, dass der Kampf mit dem System nicht aussichtslos war. 2003 übernahm er den Vorsitz des in China illegalen Schriftstellerverbandes PEN – ein direkter Imageangriff auf den offiziellen Autorenverband, dessen Mitglieder größtenteils Gehälter von den Propagandabehörden beziehen.

Doch das war nur ein kleiner Schritt verglichen mit der Aktion, an der Liu im Frühjahr 2008 zu arbeiten begann.

Während die Kommunistische Partei die Olympischen Spiele als nationales Erweckungserlebnis und Neulegitimation ihrer Herrschaft inszenierte, verfasste Liu mit Gleichgesinnten ein Demokratiemanifest mit dem Namen „Charta 08“. Darin forderte er, dass universelle Freiheits- und Menschenrechte auch in China gelten müssten, dass das Gesetz über der Partei zu stehen habe und die Chinesen ihre eigene Regierung wählen sollten. Die Kommunistische Partei habe durch Korruption und Gesetzlosigkeit jeden Herrschaftsanspruch verloren. „Der Verfall des gegenwärtigen Systems hat einen Punkt erreicht, an dem es keine andere Möglichkeit mehr gibt als einen grundlegenden Wandel“, schrieb Liu. Mehr als 300 prominente Intellektuelle unterschrieben die „Charta 08“.

„Liu Xiaobo wusste, worauf er sich einließ“, sagt der Schriftsteller Liao Yiwu, einer seiner ältesten Freunde. „Aber er hat sich nicht davon abbringen lassen, zu tun, woran er glaubte.“

Die Vorbereitungen waren den Sicherheitsbehörden nicht verborgen geblieben, und am 8. Dezember 2008, wenige Stunden vor der geplanten Veröffentlichung, wurde Liu in seiner Wohnung festgenommen. Lius Frau erzählte später, ihr Mann habe einen Wutanfall bekommen, als die Beamten ihm den Haftbefehl zeigten, auf dem keine Begründung für die Festnahme eingetragen war – ein klarer Verstoß gegen chinesische Gesetze. Ein Jahr später wurde Liu wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ zu elf Jahren Haft verurteilt.

Das scharfe Urteil sollte Chinas Intellektuelle einschüchtern und der Welt Pekings Stärke demonstrieren. Doch im Internet verbreitete sich die „Charta 08“ trotzdem weiter. Zehntausende Chinesen haben sie inzwischen gelesen, Tausende haben sie namentlich unterzeichnet. „Ich glaube, Pekings Gerichte hätten sich nicht träumen lassen, dass ein von ihnen verurteilter Angeklagter den Friedensnobelpreis gewinnen würde“, schrieb am Freitag der Anwalt Liu Xiaoyuan. „Der Fall wird einmal ein Klassiker in der chinesischen Justizgeschichte werden.“

Liu Xiaobos Frau Liu Xia erklärte am Freitag vor Journalisten: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass Liu Xiaobo den Nobelpreis bekommen würde.“ Sie habe sich nur Worte für den Fall zurechtgelegt, dass ihr Mann nicht gewinnen werde. „Dieser Preis ist für alle Dissidenten, die wie Liu Xiaobo noch im Gefängnis sitzen“, sagte sie. „Morgen werde ich ihn treffen und ihm das als Erstes sagen, und ich werde ihn fest umarmen.“

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

Bernhard Bartsch