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Deutschland / Welt Was wirklich hinter dem Ergebnis der Landtagswahl in Bayern steckt
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18:54 15.10.2018
Skeptische Blicke: Verstehen die Parteien den Wählerwillen richtig? Quelle: Michel Kappeler/dpa
Berlin

 Mit Erklärungen für ihr Wahlergebnis waren die Parteien auch nach der Bayern-Wahl schnell zur Hand – oft genug spricht da aber der Wunsch oder das Bauchgefühl. Anhand der Daten von Infratest-dimap und der Forschungsgruppe Wahlen lässt sich empirisch nach Erklärungen suchen.

Die stärkste Kraft …

unter allen knapp 9,5 Millionen Stimmberechtigten war nicht die CSU, sondern die Gruppe der Nichtwähler – trotz gestiegener Wahlbeteiligung. Bezieht man die 28 Prozent der Wahlberechtigten, die der Urne fernblieben, in die Stimmanteile der Parteien ein, landet die Union nur noch bei 26,9 Prozent, die Grünen bei 12,7 und die SPD bei 6,9 Prozent aller möglichen Stimmen.

Wahlentscheidende Themen …

waren für die meisten Wählern vor allem die Schul- und Bildungspolitik (für 52 Prozent), bezahlbarer Wohnraum (51), Umweltpolitik (49) und mit etwas Abstand die Flüchtlingspolitik (33). Dabei führte das Asylthema unter AfD-Wählern klar die Prioritätenliste an (für 78 Prozent), gefolgt von innerer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit. Unter denen, die letztlich CSU gewählt haben, waren Flüchtlinge nur für 33 Prozent „sehr wichtig“ – wobei die Sorge um die „deutsche Kultur“ auch 61 Prozent der Wähler von CSU und für 68 Prozent der Freien Wähler umtreibt – sowie 100 Prozent der AfD-Wähler. Unter Grünen-Wählern hat nur jeder fünfte diese Sorge.

Die Partei der Großstädter …

sind nun eindeutig die Grünen: mit einem Anteil von 30 Prozent unter Einwohnern von Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern überholte die Ökopartei dort sogar die CSU. Die SPD brach dort um 17 Punkte auf nur noch 13 Prozent ein. Insgesamt wurde belohnt, dass die Grünen auf ihre Kernthemen wie Umwelt- und Naturschutz setzten, die ihnen die Bürger durchweg zuordneten, und die am Sonntag vielen wichtig waren. Über die Parteigrenzen hinweg kam auch ihre klare Haltung zur Flüchtlingspolitik an: 59 Prozent aller Stimmberechtigten lobten, dass sich die Grünen für eine humane Asylpolitik einsetzen.

Mehr Männer als Frauen …

gewann ausschließlich die AfD. Während die Wählerschaft aller anderen Parteien geschlechtsmäßig ausgewogen ist, wählten nur acht Prozent der Frauen, aber 14 Prozent der Männer AfD. Einzige weitere Ausnahme: Die Grünen mit einen Frauenvorsprung von drei Prozentpunkten. Bei jungen Frauen unter 30 sind sie mit 27 Prozent sogar knapp stärkste Kraft vor der CSU.

Die meisten ihrer Wähler von 2013 …

verlor die CSU, weil sie schlicht verstorben sind. Die Überalterung bleibt ein Problem für die Partei: Auch 2018 war sie unter der ältesten Wählergruppe (60 plus) mit einem Anteil von 45 Prozent mit Abstand stärkste Kraft, während weniger Jüngere nachkommen: bei den unter 60-Jährigen erreichte die CSU nur 31 Prozent, bei Jung- und Erstwählern liegt auf Augenhöhe mit den Grünen.

Das größte Problem der SPD

war ihr unscharfes Profil: Selbst in ihren Kernthemen wie soziale Gerechtigkeit schreiben ihr die Stimmberechtigten insgesamt keine hohe Kompetenz mehr zu. 80 Prozent sagen, der SPD fehlt ein zentrales Thema, mit dem sie die Menschen begeistern kann. So wurde sie Opfer der Polarisierung der Wählerschaft – und verlor in alle Richtungen: nach rechts zu CSU, Freien Wählern und AfD insgesamt 200.000 Stimmen und ebenso viele an die Grünen. Auch junge Wähler verfehlt sie: Zweistellig ist die SPD nur noch in der Generation 60 plus. Selbst ihre klassische Klientel hat sie verloren: Unter Arbeitern und Angestellten war die Union mit 34 und 36 Prozent stärkste Kraft, während nur acht Prozent SPD wählten. Die zweitstärkste Partei unter Arbeitern war die AfD, gefolgt von Freien Wählern und Grünen.

Zerrieben wurde auch die CSU

denn auch sie verlor an Grüne, Freie Wähler und AfD in fast gleicher Höhe: jeweils knapp 200.000 Stimmen. Das lässt sich so interpretieren, dass die CSU-Taktik falsch war, aggressiv auf rechte Themen wie die Kritik an der Asylpolitik zu setzen: Wer ihre Meinung teilte, bestrafte ihre fehlende Durchsetzungskraft und wählte AfD – die netto gegenüber 2013 von allen Parteien Stimmen gewann, mit Abstand am meisten von der CSU (160.000 Wähler). Wer dagegen konservativ denkt, aber die schrillen Töne ablehnte, wechselte zu den Freien Wählern. Und die liberaleren CSU-Wähler flohen zu den inzwischen verbürgerlichten Grünen. Dafür spricht, dass zwar die Hälfte aller bayrischen Wähler mit der Arbeit von Angela Merkel zufrieden sind – aber nur ein Drittel mit der von Horst Seehofer. Und dass nur die Hälfte der CSU-Wähler von 2013 es begrüßten, dass sich Seehofer gegen Merkel stellt.

Der Krach in der Bundesregierung

schadete aber nicht nur der CSU. Auch SPD-Bundeschefin Andrea Nahles hat recht, wenn sie am Sonntag einräumte, die schlechte „Performance“ der großen Koalition habe zum Absturz in Bayern beigetragen. Dem stimmen nicht nur 76 Prozent aller bayrischen Wähler zu: Sie finden, die SPD im Bund müsse sich in der Opposition erholen – wobei diese Sicht unter den verbliebenen SPD-Wählern sogar noch verbreiteter ist (88 Prozent).

Von Steven Geyer

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