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Deutschland / Welt Angela Merkel begründet bei Trauerfeier den Einsatz in Afghanistan
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Angela Merkel begründet bei Trauerfeier den Einsatz in Afghanistan
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22:15 09.04.2010
Von Dirk Schmaler
„Sie haben den höchsten Preis gezahlt, den ein Soldat bezahlen kann“: Bundeskanzlerin Angela Merkel in Selsingen.
„Sie haben den höchsten Preis gezahlt, den ein Soldat bezahlen kann“: Bundeskanzlerin Angela Merkel in Selsingen. Quelle: dpa
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Als die Trompete über den Kirchplatz tönt, spricht niemand mehr. Hunderte Soldaten heben die Hand zum Gruß an ihre Stirn, die drei Särge, getragen von jungen Soldaten in Uniform, bahnen sich den Weg aus der St.-Lamberti-Kirche, vorbei an den Kameraden im Spalier, bis hinaus zu den schwarzen Leichenwagen. Die Trompete spielt ein Lied, das trotz seiner gefühlvollen Melodie kein Soldat gern hört. Es heißt: „Ich hatt’ einen Kameraden.“ In den Särgen, die von schwarz-rot-goldenen Fahnen umhüllt sind, liegen die Leichname von drei Soldaten, die am Karfreitag vergangene Woche in der Nähe des afghanischen Kundus durch einen Angriff aus dem Hinterhalt getötet worden sind. Sie gehörten zum Fallschirmjägerbataillon 373 aus dem niedersächsischen Seedorf. Seit Karfreitag sind es 39 deutsche Soldaten, die ihr Leben am Hindukusch lassen mussten, 20 davon wurden beim Gefecht getötet.

Die Region im Landkreis Rotenburg/Wümme ist ans Militär gewöhnt. In Seedorf sind seit 2006 rund 3000 Fallschirmjäger stationiert, vorher prägten jahrzehntelang niederländische Truppen das Bild. Und doch ist der Krieg im einige Tausend Kilometer entfernten Afghanistan gewissermaßen erst jetzt in der niedersächsischen Provinz angekommen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die eigens ihren Osterurlaub für die Trauerfeier unterbrochen hat, drückt ihr „tiefes Mitgefühl“ für die Angehörigen aus. Mit ernster Miene schreitet sie vor der Trauerfeier an der Seite von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg durch die kleine Kirche, ganz in Schwarz. Dort sitzen die Hinterbliebenen der toten Soldaten, trauernd. Es ist das erste Mal, dass sie in ihrer Amtszeit eine solche Trauerfeier besucht. Doch diesmal waren es wohl auch der öffentliche Druck und die bröckelnde Zustimmung zum Afghanistan-Einsatz, die sie kurzfristig dazu bewogen hat, in Selsingen Gesicht zu zeigen. „Unser Einsatz in Afghanistan verlangt von uns Politikern, den Wahrheiten ins Auge zu sehen“, sagt sie. Es sei immer wieder wichtig, sich klarzumachen, „warum wir junge Männer und Frauen nach Afghanistan schicken“. Hierzu gehöre auch, dass man Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Einsatzes zulasse, sagte sie. Und sie benutzt, genauso wie auch zu Guttenberg, das Wort Krieg im Zusammenhang mit dem Einsatz in Afghanistan. Das Völkerrecht bewerte die Lage in Afghanistan als nicht internationalen bewaffneten Konflikt, sagt sie zu den 600 Besuchern in der Kirche und fügt hinzu: „Die meisten Soldaten nennen es Bürgerkrieg oder einfach Krieg. Ich verstehe das gut.“ Gleichzeitig verteidigt die Kanzlerin abermals die Entscheidung für die Entsendung der Bundeswehr in den Einsatz. Afghanistan dürfe nie wieder von Taliban und Al-Qaida-Terroristen beherrscht werden. Allerdings sei der Einsatz schwieriger als zu Beginn vor acht Jahren gedacht, sagte Merkel.

Zum Abschluss ihrer Ansprache wendet sich die Kanzlerin mit ernster Miene an die toten Soldaten: „Ich verneige mich vor Ihnen. Deutschland verneigt sich vor Ihnen.“ Die drei getöteten Soldaten sind, in von schwarz-rot-goldenen Fahnen umhüllten Särgen, in der Kirche aufgebahrt. Einer von ihnen wohnte in Hannover. Er hieß Martin Augustyniak, war Hauptgefreiter bei den Seedorfer Fallschirmspringern und wurde nur 28 Jahre alt. Nach einem Hauptschulabschluss wechselte er aufs Gymnasium und studierte nach dem Zivildienst Pädagogik. Erst am 1. Januar 2008 trat er als Zeitsoldat in die Bundeswehr ein und wurde zum Fallschirmjäger ausgebildet. Es war sein erster Auslandseinsatz. Augustyniak machte in seiner Freizeit gern Kampfsport und hinterlässt in seiner Heimatstadt einen dreijährigen Sohn und eine Ehefrau. Man könne an seinem Lebenslauf erkennen: „Er wollte den Menschen helfen“, sagte Verteidigungsminister zu Guttenberg in seiner Traueransprache.

Bei den beiden anderen im Kampf getöteten Soldaten handelt es sich um den Stabsgefreiten Robert Hartert aus dem Sächsischen Freital und um den 35-jährigen Hauptfeldwebel Nils Bruns aus Selsingen, der eine Frau und zwei Kinder hinterlässt. Der 25-jährige Hartert hatte geplant, nach dem Auslandseinsatz mit seiner Freundin in Sachsen eine gemeinsame Wohnung zu beziehen.

„Wir stehen erschüttert, tieftraurig und viele auch fassungslos hier“, sagt zu Guttenberg als oberster Dienstherr der Soldaten. Um sie trauere ein ganzes Land, „nicht verschämt, sondern gottlob offen“, sagte der Verteidigungsminister. Er warb um Verständnis für den Einsatz in Afghanistan und erzählte den Angehörigen eine nahezu private Begebenheit – die wohl auch die Wertschätzung für die Soldaten zum Ausdruck bringen sollte. Seine Tochter habe ihn nach dem Anschlag gefragt, erzählt er, „ob die drei jungen Männer Helden unseres Landes waren“, und ob sie stolz auf sie sein dürfe. „Ich habe beide Fragen – gar nicht politisch – mit Ja beantwortet.“ Zumindest in Selsingen und Umgebung dürften das viele ähnlich sehen. An den Ortsschildern sind Trauerflore angebracht, die Fahnen rund um die St.-Lamberti-Kirche hängen auf halbmast. Eine Videoleinwand überträgt die Trauerfeier für Anwohner und Soldaten aus der Kirche nach draußen. „Die Särge machen uns plötzlich wieder klar, wie ernst die Lage dort eigentlich ist“, sagt eine Selsingerin. Ihr Mann sei ebenfalls Soldat, wie so viele hier, erzählt sie: „Manchmal wünsche ich mir, er wäre es nicht.“ Kurze Zeit später sieht auch sie die Särge und wie sie von den Soldaten in die Leichenwagen getragen werden. Die Trompete spielt ein letztes Mal, danach fahren die schwarzen Autos im Schritttempo durch die Hauptstraße des kleinen Ortes, Am Brink. Links und rechts der Straße stehen Hunderte Soldaten Spalier. Einer nach dem anderen wendet den Kopf schneidig von links nach rechts, als die Wagen an ihnen vorbeifahren. Sie blicken dabei ernst und so entschlossen, wie das eben möglich ist. Was ihnen wirklich durch den Kopf geht, wissen sie nur selbst. Unter den trauernden Soldaten aus Seedorf gibt es viele, die schon bald wieder an den Hindukusch verlegt werden sollen.

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