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Deutschland / Welt Chemnitz-Prozess: Gericht äußert sich zu TV-Interview
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14:33 21.08.2019
Alaa S. wird vor Beginn der Fortsetzung des Prozesses am Landgericht Chemnitz in den Verhandlungssaal geführt. Quelle: Robert Michael/ZB/dpa
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Chemnitz/Dresden

Kurz vor dem Ende des Prozesses um den gewaltsamen Tod von Daniel H. in der Nacht zum 26. August 2018 in Chemnitz hat der Angeklagte Alaa S. erstmals sein Schweigen gebrochen. Er weist jede Beteiligung von sich. Vor Gericht hat Alaa S. sich nicht zur Sache eingelassen. Jetzt aber führte er ein Telefon-Interview aus der Justizvollzugsanstalt Waldheim mit der ZDF-Sendung "Frontal 21". Dort sitzt der 23-Jährige seit einem Jahr in Untersuchungshaft.

"Kaum Hoffnung auf ein faires Urteil"

"Ich schwöre bei meiner Mutter, ich habe ihn nicht angefasst. Ich habe überhaupt nicht das Messer angefasst", sagte S. im Interview. Er sei aus einem Döner-Imbiss hinausgelaufen, weil er Rufe gehört habe. " Alaa S. sagte im Gespräch mit Frontal 21, dass er nach einem Jahr Untersuchungshaft kaum noch an ein faires Urteil glaube. "Ich habe Angst vor jedem hier, ich habe Angst vor den Mitgefangenen, ich habe Angst vor den Beamten. Ich habe sogar Angst vor dem Gericht."

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Nach dem Tod von Daniel H. wurde Chemnitz von Demonstrationen und rechtsextremen Übergriffen auf Polizei und Gegendemonstranten erschüttert. Ein Freispruch könnte zu einem neuen Aufflammen des Unmuts führen. Alaa S. hofft, dass das Gericht sich davon nicht leiten lässt: "Wir sind nicht in Syrien oder in Afghanistan oder im Irak. Ich bin in Deutschland, in einem demokratischen Land."

Am Donnerstag könnte das Urteil gefällt werden

Ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod des Chemnitzers Daniel H. steht der Prozess wegen Totschlags vor dem Abschluss. Die Staatsanwaltschaft forderte am Montag eine Haftstrafe von zehn Jahren für den angeklagten Syrer Alaa S., wie eine Sprecherin des Chemnitzer Landgerichts auf Anfrage sagte. Am Donnerstag folgen demnach die Plädoyers der zwei Verteidiger. Direkt im Anschluss könnte das Urteil verkündet werden, sagte die Sprecherin.

Das TV-Interview soll laut Gericht keinen Einfluss auf die Urteilsfindung haben. Dafür seien laut Strafprozessordnung allein die im Laufe der Verhandlung durch die Kammer gewonnenen Erkenntnisse entscheidend, teilte das Landgericht Chemnitz auf dpa-Anfrage mit. „Als Mittel für die Gewinnung der Überzeugung darf vom Gericht alles verwertet werden, was zum Gegenstand der Hauptverhandlung - vom Aufruf zur Sache bis zu den Schlussvorträgen und dem letzten Wort des Angeklagten – gemacht worden ist“, erklärte eine Sprecherin. Der angeklagte Syrer hatte in einem Telefoninterview des ZDF-Magazins „Frontal21“ seine Unschuld beteuert. Er bestritt, für den Tod des 35-jährigen Daniel H. am 26. August 2018 mitverantwortlich zu sein.

Die Staatsanwaltschaft plädierte nach Angaben der Gerichtssprecherin auf zwei Einzelstrafen über neun Jahre Haft wegen Totschlags und weitere zwei Jahre wegen gefährlicher Körperverletzung. Dies habe der Staatsanwalt zu einer Gesamtforderung von zehn Jahren Haft verbunden, erklärte die Sprecherin. Ursprünglich waren in dem Prozess, der aus Sicherheitsgründen in Dresden stattfindet, Termine bis Oktober vorgesehen.

Keine Spuren des Verdächtigen an der Tatwaffe

Alaa S. muss sich wegen der Messerattacke seit März vor Gericht verantworten. Gemeinsam mit dem flüchtigen Iraker Farhad A. soll er Daniel H. erstochen haben. Eine Verteidigerin des Syrers hatte nach einer Tatortbegehung Anfang Juni Medienberichten zufolge keinen dringenden Tatverdacht mehr gesehen und beantragt, S. aus der Haft zu entlassen. Das Gericht lehnte das ab.

Alaa S. sagte gegenüber "Frontal 21", ihn habe die Konfrontation mit der Mutter und der Schwester des Getöteten im Gerichtssaal besonders belastet. "Danach konnte ich nicht mehr schlafen. Der den Sohn getötet hat, dem wünsche ich lebenslang. Ich schwöre auf Allah, ich habe damit nichts zu tun", sagte er im Telefoninterview und fügte hinzu, er könne die Trauer der Mutter nachvollziehen, da er eine Schwester verloren habe und die Gefühle seiner Mutter erlebt habe.

Von Jan Sternberg/RND