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Deutschland / Welt Tütensuppenfreund und ewiger Merkel-Gegenspieler: Horst Seehofer wird 70
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07:11 04.07.2019
Der letzte Live-Rock’n’Roller der bayerischen Politik: Horst Seehofer. Quelle: Henning Kaiser/dpa
Berlin

Die Szene in der vorigen Woche war typisch. Nachdem Horst Seehofer – gemeinsam mit Thomas Haldenwang, dem Chef des zuständigen Amtes – den Verfassungsschutzbericht vorgestellt hatte, war er im Haus der Bundespressekonferenz noch immer von Journalisten umringt, die mal dieses und mal jenes wissen wollten. Der Bundesminister des Innern gab in seinem oberbayerischen Singsang bereitwillig Antwort. Und er tat es gern, so wie meistens. Ja, man hat den CSU-Politiker über die Jahre immer mal wieder in Journalisten-Mengen baden sehen – so wie niemand anderen in Berlin.

Dem letzten Journalisten an jenem Vormittag erklärte Seehofer, dass er vor seinem Geburtstag untertauchen werde, um nach seinem Geburtstag wieder aufzutauchen. Auch das ist typisch. Legendär sind die Erzählungen von Parteifreunden, wonach sich „der Horst“ in brenzligen Situationen gern in seine Wohnung zurückgezogen habe, mit Tütensuppen und sonst gar nichts.

Dieser Horst Seehofer wird nun am Donnerstag 70 Jahre alt. Und weder in Berlin noch in München oder Ingolstadt wird es irgendwelche Empfänge geben. Der Jubilar wollte es so.

Keine Empfänge, nirgends

Lange Zeit war dieser Seehofer – der als Gesundheitsminister amtierte, als bayerischer Ministerpräsident und 3739 Tage als CSU-Chef – ein vor allem bei Linken geschätzter Politiker. Das hatte mit seinem Charme, dem besagten oberbayerischen Singsang und seiner Politik zu tun. Seehofer engagierte sich im Sozialverband VdK, hielt von Gerhard Schröders Agenda 2010 nicht viel und zog sich im November 2004 vom Amt des stellvertretenden Unionsfraktionsvorsitzenden zurück, weil er Angela Merkels geplante „Kopfpauschale“ in der Krankenversicherung nicht mittragen wollte. Die hätte einen Chefarzt genau so viel einzahlen lassen wie eine Krankenschwester. Noch bei seinem Abschied als Parteichef mahnte Seehofer: „Vergesst mir die kleinen Leute nicht!“

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Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) beklagte nach dem Kopfpauschalen-Streit, Seehofer reiße „mit seinem Rücktritt ein großes Loch, das ohne weiteres nicht zu schließen sein wird". Grünen-Chef Reinhard Bütikofer sagte, ohne Seehofer habe die Union „niemanden mehr, der das Soziale groß schreibt“. Dass der Mann aus einfachen Verhältnissen, der 2021 aufhören will, so dachte wie sie, schätzten die Linken ebenso wie die Tatsache, dass er den eigenen Truppen widerstand.

Im Rückblick scheint beides unvorstellbar. Zwar kann Seehofer unverändert sehr charmant sein. Nach 2004 hat er freilich auch demonstriert, wie man Parteifreunde kalkuliert aus dem Weg räumt, hat angekündigt, „bis zur letzten Patrone“ gegen mehr Zuwanderung kämpfen zu wollen, und Angela Merkels Flüchtlingspolitik als „Herrschaft des Unrechts“ bezeichnet. Ja, Seehofer amüsierte sich im Plauderton darüber, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Flüchtlinge abgeschoben worden seien – ohne dass ihm der Zynismus auffiel.

Spärliche Glückwünsche

Linke erschraken, Christdemokraten und -soziale kaum weniger. War das noch der Seehofer von früher? Oder hatte man diese Seite nur übersehen? Norbert Blüm – der spätere CDU-Kabinettskollege, bei dem Seehofer als Parlamentarischer Staatssekretär anfing – sagte im Sommer 2018: „Seehofer hat große Verdienste. Aber was er jetzt gemacht hat, war kein Meisterstück.“ So sehr der Minister sozialpolitisch eher links steht, so deutlich steht er migrationspolitisch rechts. Das Kontinuum blieb der Konflikt mit Merkel.

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Die lange Laufbahn, dieser Charme, der beiläufig manche Gemeinheit hervorzubringen weiß, und der Eigensinn, mit dem er konträre Positionen vertritt, machen Horst Seehofer zu einem Unikat, das je länger, desto mehr aus dem Berliner Politikbetrieb herausragt. Sein Eigensinn scheint mit dem Alter eher noch zuzunehmen.

In der CSU fallen die Glückwünsche übrigens spärlich aus. „Da wünsch mer ihm Gesundheit und ein langes Leben“, sagt der langjährige Bundesfinanzminister Theo Waigel am Telefon. Mehr sagt er nicht. Andere bleiben ähnlich wortkarg. Der bei Bedarf gesellige Einzelgänger Horst Seehofer, so darf man vermuten, hat nichts anderes erwartet.

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Von Markus Decker/RND

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