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Panorama Sextäter gesteht und bekommt dafür Straferlass
Nachrichten Panorama Sextäter gesteht und bekommt dafür Straferlass
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20:04 14.01.2011
Von Dirk Schmaler
Quelle: Tim Schaarschmidt (Symbolbild)
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Als Carsten B. das Wort ergreift, ist seine Stimme fest und sachlich. Es ist das erste Mal seit dem ersten Prozesstag im Dezember, dass sich der Mann auf der Anklagebank erklären will. Er streicht seine dunkle Krawatte auf dem weißen Hemd glatt, das schwarze Sakko ist an den Schultern zu groß. Die „überaus sachlich vorgetragenen Ermittlungsergebnisse“, setzt der 65-Jährige an, seien „im Großen und Ganzen zutreffend“. So nüchtern kann ein Geständnis eines geradezu monströs klingenden Verbrechens ausfallen.

Der 65-jährige Carsten B. aus Celle hat von 2005 bis 2009 Hunderte Male gegen Bezahlung Sex mit Kindern und Jugendlichen in Thailand gehabt – ungeschützt, obwohl er seit 1997 wusste, dass er HIV-infiziert ist. Das hat er am Freitag vor dem Landgericht Lüneburg grundsätzlich eingeräumt. 85 Prozent der Vorhalte in der Anklageschrift stimmten, sagte er.

1995 sei er zum ersten Mal in die Sextourismus-Hochburg Pattaya gereist. Seitdem machte er dort regelmäßig Urlaub, bis er 2003 ein Appartement und später ein Haus anmietete. Von Anfang an habe er dort Prostituierte für Sex bezahlt, oft zwei- oder dreimal am Tag. Er berichtet von Kontaktanbahnungen an Strandpromenaden, davon, dass man in Thailand „viel Freude für kleines Geld“ bekomme. Und wie die Maßstäbe verloren gingen, in einem Ort, wo Kinderprostitution zur Tagesordnung gehöre.

Es ist ein erstaunlicher Blick in die Gedankenwelt eines Sextouristen. Mit manchen der minderjährigen Thailänderinnen lebte er monatelang zusammen, sogar von einer geplanten Heirat einer Prostituierten spricht er. Nach und nach seien die Prostituierten, die ihm zugeführt wurden, immer jünger geworden und seine Hemmungen immer kleiner. Die jüngsten waren 11 Jahre alt. Die Mädchen hätten ihm zudem das Gefühl gegeben, ihn wirklich zu mögen. „Ein Mann über 50 fühlt sich geschmeichelt, wenn er sich von jungen Mädchen begehrt fühlt.“

Doch Carsten B. belässt es nicht bei allgemeinen Erklärungen seiner Taten. Wie schon seine mehrere Kartons umfassenden sauber beschrifteten Videos und akribisch geführten Tagebücher mit Sexlisten nahelegen, hält er in diesen Dingen viel von Korrektheit. Und so geht Carsten B. in die Details.

Es ist eine etwas bizarre Situation. Wie ein pedantischer Wirtschaftsprüfer geht der Angeklagte Punkt für Punkt der 403 Fälle umfassenden Anklageschrift durch, macht aus 13-jährigen Opfern 14-jährige, beschreibt die Schwierigkeiten der Altersbestimmung von Asiaten („Ich bin anthropologisch nicht geschult“) und betont, mit einer Zwölfjährigen sei es „erst nach zwei Jahren“ zum Geschlechtsverkehr gekommen. In mehreren Fällen fügt er sogar zu seinen Ungunsten Fälle hinzu, die in der Anklageschrift fehlten, „obwohl die auch auf den Videos und in den Kalendern dokumentiert“ seien.

Nicht zu sprechen kommt er auf einige weitere Verdachtsfälle von Kindesmissbrauch in Deutschland in den neunziger Jahren. Entsprechende Ermittlungen gegen ihn sind bisher nicht zur Anklage gekommen, obwohl sie womöglich dazu geeignet wären, Carsten B.s Selbstbild vom von der Kinderprostitution verführten Sextouristen erheblich zu hinterfragen.

Doch dazu wird es in dem Prozess nun wohl nicht mehr kommen. Denn obwohl das Urteil noch aussteht, liegt das Strafmaß längst auf dem Tisch. Die Kammer hatte dem Angeklagten im Falle eines umfassenden Geständnisses zugesagt, dass die Haftstrafe nicht mehr als neun Jahre betragen wird, und die Fälle aus Deutschland nicht weiter verfolgt werden. Außerdem empfiehlt ein vorläufiges Gutachten, ihn statt ins Gefängnis zu sperren, in einer psychiatrischen Anstalt zu therapieren. Auch die Anordnung einer Sicherungsverwahrung hält Richter Axel Knaack für unwahrscheinlich, Das Geständnis soll am 20. Januar fortgesetzt werden. Ein Urteil wird Ende Februar erwartet.

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