Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Panorama Seeräuber erpressen Lösegeld und investieren es in Nachbarländern
Nachrichten Panorama Seeräuber erpressen Lösegeld und investieren es in Nachbarländern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:19 22.04.2009
Piraten vor der Küste Somalias Quelle: Bundeswehr/ddp
Anzeige

Wer in Kenias Hauptstadt Nairobi derzeit ein Haus kaufen möchte, der beeilt sich besser, damit es ihm nicht so geht wie Peter Mwangi. Der Bankangestellte hatte bereits einen Vorvertrag unterzeichnet und freute sich auf sein neues Luxushaus auf ummauertem Wohngebiet, Pool und Tennisplatz inklusive. „An dem Tag, als ich vorbeikam, um die Anzahlung zu machen, kriegte ich die lapidare Mitteilung, das Haus sei anderweitig verkauft worden“, ärgert sich Mwangi. Der Käufer soll ein somalischer Geschäftsmann gewesen sein: „Der hat in bar gezahlt, und zwar doppelt so viel wie eigentlich verlangt wurde, eine Million US-Dollar.“

Manche Häuser werden derzeit schon im Rohbau an die vielen somalischen Geschäftsleute verkauft, die in teuren Limousinen vorfahren und stets Bargeld bei sich tragen. „Die zahlen mehr, damit wir die Warteliste umgehen“, sagt ein Bauherr, der anonym bleiben möchte. „Alle wissen, dass das Geld aus der Piraterie stammt, aber keiner sagt was – dafür sind wir zu froh, ein gutes Geschäft zu machen.“

Anzeige

Es geht in Nairobi nicht nur um Edelobjekte: In South B und South C, Wohngegend der unteren Mittelklasse, gehen die Käufer derzeit von Haustür zu Haustür, um willige Verkäufer zu finden. „Die kaufen ganze Straßenzüge“, sagt ein Mitarbeiter in Kenias Grundbuchamt.

Der Ansturm auf die Immobilien in Nairobi ist nur ein Symptom dafür, was mit den Millionenlösegeldern geschieht, die Somalias Piraten mit ihren Entführungen verdienen. Auf 50 Millionen US-Dollar schätzen manche Beobachter die Summe der Lösegelder allein im vergangenen Jahr, andere sprechen von 150 Millionen. Und das Geld fließt weiter. „Es ist ein sehr lukratives Geschäft, das steht fest“, sagt der UN-Sonderbeauftragte für Somalia, Ahmedou Ould Abdallah. Er glaubt, dass man die Piraten und ihre Hintermänner am besten über die Geldströme packen kann – so, wie es auch sonst bei der Verfolgung internationaler Krimineller üblich ist.

Doch wenn man in Garissa steht, einem staubigen Städtchen im Nordosten Kenias, nicht weit von der somalischen Grenze entfernt, erscheinen solche Forderungen wirklichkeitsfern. „Die Bodenpreise hier im Nordosten sind geradezu explodiert“, sagt Provinz-Gouverneur Kimeu Maingi. „Wir haben allen unseren Behörden mitgeteilt, gezielt nach Piratenlösegeldern Ausschau zu halten.“ In der Grenzregion beobachtet Maingi nicht nur die Zunahme von Landverkäufen, sondern auch immer mehr Schmuggel im großen Stil. Elektroartikel, gefälschte Designerkleidung, Mais und Zucker werden ebenso über Somalia nach Kenia geschmuggelt wie Fahrzeuge, allen voran teure Geländewagen.

Die Gewinne, die die Schmuggler machen, werden sofort zurück nach Somalia überwiesen. Spuren hinterlassen sie nicht: Die meisten benutzen das traditionelle islamische Hawallah-System, bei dem ein Telefonanruf reicht, um Geld tausende Kilometer weit zu verschicken. Es ist das gleiche System, das angeblich zur Finanzierung von Terroranschlägen islamistischer Gruppen genutzt worden sein soll. „Wir müssen Teile der Lösegelder an die Islamisten abgeben, ein anderer Teil geht an Gruppen, die der Übergangsregierung nahe stehen“, sagt ein Pirat, der sich Achmed Gel-Qonaf nennt. „Es gibt eine riesige Zahl an Gruppen, die ihr Stück vom Kuchen abhaben wollen.“ Und keine, sagt Gel-Qonaf, bekommt mehr als die Shabaab-Miliz, die derzeit mächtigste Islamistengruppe.

von Marc Engelhardt