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Panorama Missbrauchsfall von Lügde: Wieso wurde den Hinweisen nicht nachgegangen, Herr Landrat?
Nachrichten Panorama Missbrauchsfall von Lügde: Wieso wurde den Hinweisen nicht nachgegangen, Herr Landrat?
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11:42 21.03.2019
Will aufklären: Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont, Tjark Bartels. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
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Hannover

Der Landkreis Hameln-Pyrmont steht im Fokus des tausendfachen Missbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde – weil das dortige Jugendamt Hameln einen heute 56-Jährigen als Pflegevater für ein kleines Mädchen eingesetzt hat. Und weil trotz mehrfacher Hinweise auf Pädophilie nichts passiert ist.

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Tjark Bartels (SPD) ist Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont. Am Donnerstag unterrichtet er den Sozialausschuss. Im Interview sprach er vorab über das Behördenversagen – und erklärt das Unerklärliche.

Wie konnte es dazu kommen, dass den Hinweisen nicht die entsprechende Bedeutung beigemessen wurde?

Wir haben lange versucht, uns in die Lage der Mitarbeiter hineinzuversetzen. Allerdings konnten wir bisher keine Erklärung finden. Ganz objektiv muss man festhalten, dass die Bearbeitung jedes einzelnen Hinweises stattgefunden hat. Es ist aber nicht gelungen, die drei Hinweise in einen entsprechenden Zusammenhang zu setzen. Das ist vor allem deshalb so fatal, weil die Hinweise binnen eines halben Jahres eingegangen sind.

Wer ist für diese Fehleinschätzung verantwortlich?

Das ist schwierig zu sagen. Grundsätzlich liegt die Verantwortung aber bei dem entsprechenden Sachbearbeiter. Doch im Rahmen unserer Befragung hat sich ergeben, dass sich viele beim Thema Pädophilie in einer Art Tunnelblick befinden. Obwohl die Sachbearbeiter genau um die Auffälligkeiten wissen, ist die Hemmschwelle oft zu groß, jemanden tatsächlich als Täter einzustufen.

Aber gerade bei so eindeutigen Hinweisen kann das doch keine Erklärung sein ...

Das ist ein großes Spannungsfeld. Jährlich gehen rund 200 Hinweise bei uns ein. Die müssen alle gefiltert und geprüft werden. Darunter sind neben eindeutigen Informationen auch viele fehlerhafte. Deswegen müssen wir vorsichtig sein, ein unberechtigter Vorwurf kann einen großen Schaden anrichten.

Aber in diesem Fall hatte das vorsichtige Vorgehen der Mitarbeiter fatale Auswirkungen ...

Ja, deswegen ist es völlig unverständlich, wie diese drei Hinweise nicht in Zusammenhang gesetzt werden konnten.

Wie will man Fehler dieser Art künftig verhindern?

Wir werden neue Wege gehen, das heißt, eine übergeordnete Revisions-Instanz installieren. Externe mit entsprechender Qualifikation sollen dann objektiv prüfen, ob die Hinweise anhand der für das Jugendamt geltenden Richtlinie bearbeitet wurden.

Trotzdem drängt sich aber noch etwas anderes auf: Wie konnte es angesichts der Lebenssituation auf dem Campingplatz überhaupt dazu kommen, dass Andreas V. die Pflegschaft übernehmen konnte?

Es ist ein Fehler, von dem Wohnort Rückschlüsse auf die sexuelle Neigung zu ziehen. In der Vergangenheit hatten wir es bei pädophilen Tätern häufig mit Menschen aus einem gutbürgerlichen Umfeld zu tun. Darüber hinaus sind wir im Rahmen der Pflegschaft an enge gesetzliche Regelungen gebunden. Das betrifft vor allem das Erziehungs- und Aufenthaltsbestimmungsrecht der Kinder. Das liegt bei den Eltern, genau wie in diesem Fall.

Das heißt, ein Eingriff ist nicht möglich?

Es handelt sich um eine Fehlvorstellung zu glauben, wir könnten den Aufenthaltsort von Kindern nach Belieben bestimmen. Gerade in diesem Fall geht es nicht um die klassische Pflegefamilie. Bei der gelten nämlich viel engere Anforderungen. Hier geht es um Pflege im familiären Netzwerk. Dabei sind unsere Eingriffsmöglichkeiten beschränkt.

Wie wollen Sie dafür sorgen, dass solche Fälle künftig schneller aufgeklärt werden?

Es ist wichtig, dass wir in die Prävention investieren. Wir schaffen deswegen zwei neue Stellen, die sich damit befassen werden, Kinder in Kitas und Schulen sprechfähig zu machen. Oft fehlen ihnen nämlich die Worte, um die erfahrene sexualisierte Gewalt zu artikulieren. Das sollen künftig alle Kinder spielerisch lernen.

Von Mandy Sarti/NP/RND