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Panorama Kriminalpsychologe über Bahnschubser: „Täter sind meistens Männer“
Nachrichten Panorama Kriminalpsychologe über Bahnschubser: „Täter sind meistens Männer“
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09:28 31.07.2019
Thomas Bliesener ist Psychologe und Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Quelle: Holger Hollemann/picture alliance/dpa
Hannover

Ein Mann stößt in Frankfurt eine Frau und ihren achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden Zug. Das Kind stirbt. Was bewegt einen Menschen zu solch einer Tat? Professor Thomas Bliesener ist Diplom-Psychologe und forscht zur Kriminologie, er beschäftigt sich immer wieder mit Tätern, Opfern und Motiven.

Was motiviert jemanden, ein Kind vor einen einfahrenden Zug zu stoßen?

In diesem Fall können wir es noch nicht sagen. Aber von den seltenen Fällen, in denen ein Täter jemanden auf die Gleise schubst, haben wir recht viel Material. Größtenteils handelt es sich bei den Tätern um psychisch kranke Menschen, die sich im Wahn wahllos ein Opfer greifen, weil sie beispielsweise Stimmen gehört haben. In anderen bekannten Fällen handelte es sich um Beziehungstaten, etwa im Zuge eines Streits. Ebenfalls ist es vorgekommen, dass Raubdelikte ungeplant verlaufen sind und jemand, der sich wehrte, ins Gleisbett geschubst wurde.

In Frankfurt waren die Opfer ein Kind, eine Mutter und eine 78-jährige Frau, in Voerde ebenfalls eine Frau. Suchen sich Täter wirklich wahllos ein Opfer oder doch intuitiv jemanden, der ihnen körperlich unterlegen ist?

Die Täter sind in der Regel Männer, aber bei den Opfern kann man es nicht einengen. Es gibt auch Fälle, in denen körperlich starke Männer Opfer wurden. Bei einem überraschenden Angriff nutzt körperliche Überlegenheit nichts.

Normalerweise gibt es eine natürliche Hemmschwelle, jemandem so etwas anzutun. Was muss passieren, dass diese überschritten wird?

Die Täter sind in einem anderen Modus. Das kennen wir auch bei Körperverletzungen, in denen Waffen involviert sind. Die natürlichen Hemmungen sind außer Kraft gesetzt, der Täter ist in einem psychischen Ausnahmezustand. Er kann sich massiv bedroht fühlen und deshalb agieren oder die Tat geschieht affektiv, etwa durch einen Streit mit dem Partner oder durch andere Belastungen. Es müssen bestimmte Mechanismen auftreten. Das kann auch eine Gruppendynamik.

Gibt es Erkenntnisse darüber, wie sich potenzielle Täter vor der Tat verhalten? Kann man Ihnen etwas ansehen?

Die Videos, die wir haben, geben diesbezüglich nichts her. Meistens stehen die Täter erst im Hintergrund, in einem Fall stand der Mann 45 Minuten am Gleis, ehe er aktiv wurde. Die Täter sind häufig in sich versunken, aber das ist an sich nicht auffällig, das sind viele Menschen am Bahnhof. Es gibt bisher keinen bekannten Fall, in dem ein Täter, der einen Menschen vor einen Zug gestoßen hat, diese Tat vorher angekündigt hat.

Müssen wir mit Nachahmungen rechnen?

Leider ja, Nachahmungen erleben wir immer wieder bei neuen Formen von schweren Gewalttaten. Nachahmungstäter haben die Wahnvorstellungen oft schon länger, suchen aber noch nach einem Anstoß, wie sie es machen können.

Wie ließen sich solche Nachahmungstaten verhindern?

Die Tat ist nicht besonders ausgefeilt, da ist nichts versteckt, was ein Täter sich erst erarbeiten muss. Daher ist es schwierig. Aber wir haben festgestellt, dass es weniger Nachahmer gibt, wenn sich der Täter durch die Berichterstattung nicht mit der Tat brüsten kann und er keinen Status darüber erlangt. Es hilft, den Täter nicht namentlich zu nennen, damit die Tat nicht als märtyrerhaft oder ruhmreich stilisiert werden kann. Das ist jetzt schon schwierig, weil so viele Details zu dem Verdächtigen bekannt sind.

In den sozialen Medien wird die Debatte emotional geführt. Viele argumentieren damit, dass sich solche Vorfälle häufen. Wie sehen die Fakten aus?

Seit es Bahnen und U-Bahnen gibt, gibt es auch Menschen, die andere vor Züge stoßen. Es ist, zum Glück, zu selten, um von einer Häufung zu sprechen, auch wenn nun zwei Fälle innerhalb weniger Tage auftraten. Durch Nachahmungstäter könnte es passieren, dass wir das jetzt noch ein, zwei Mal erleben in nächster Zeit. Aus der Vergangenheit wissen wir aber, dass sich der Drang dann auch löst.

Im Video: 400 Menschen gedenken des in Frankfurt getöteten Jungen

Ihr Kollege Christian Pfeiffer sieht perfekte Voraussetzungen für einen Racheakt nach dem ebenso heimtückischen Angriff auf einen Eritreer in Wächtersbach, der vor etwa einer Woche durch Schüsse verletzt wurde. Andere sehen eher einen Zusammenhang mit dem Attentat in Voerde, wo ein Mann eine Frau vor einen einfahrenden Zug stieß. Wie ordnen Sie das ein?

Auch wenn es eine landmännische Nähe geben sollte, warum sollte er sich nun ausgerechnet an einer Mutter und ihrem Kind rächen? Ein Zusammenhang mit Voerde könnte schon sein. Wenn er beispielsweise den Drang hatte, welches Motiv auch immer dahinterstecken mag, ob Hass auf Frauen oder die Gesellschaft, könnte die Meldung über die Tat on Voerde das Initial gegeben haben.

Ist es ungewöhnlich, dass ein Täter aus der Schweiz anreist und dann in Deutschland so eine Tat verübt?

Es ist die Frage, ob er extra für die Tat anreiste oder ob sein Aufenthalt einen anderen Grund hatte. Wer weiß, was kurz vor der Tat passiert ist, was er vorher erlebt hat, ob er einen Konflikt hatte.

Mutige Passanten hatten den Verdächtigen in Frankfurt verfolgt, auch in Voerde haben Menschen den Täter überwältigt, bis die Polizei kam. Gefährden sich die Menschen hier selbst?

Natürlich kann das Verfolgen schiefgehen. Aber wenn man in einer Gruppe ist, gibt es viel Schutz. Der Täter kann ein Messer oder eine Waffe zücken, aber wenn mehrere Passanten involviert sind, kann der Täter schnell überwältigt werden. Einen Straftätigen zu verfolgen, ist eine normale Reaktion unseres sozialen Gefüges: Wenn man eine Tat schon nicht verhindern kann, was in diesem Fall unmöglich ist, will man wenigstens unmittelbar reagieren und den Täter dingfest machen.

Die Mutter und auch die Augenzeugen hatten keine Chance, das Kind zu retten und mussten zusehen, wie der Achtjährige starb. Können sie jemals wieder ein normales Leben führen?

Die Mutter sollte professionelle Hilfe bekommen, wobei man da nichts verordnen kann. Jeder verarbeitet so etwas Schlimmes anders. Das, was diese Frau erlebt hat, ist an Dramatik kaum zu überbieten. Obwohl sie nichts hätte tun können, wird sie sich vielleicht fragen, warum sie ihr Kind nicht gerettet hat. Mediziner sollten ihr helfen, diese Gedanken abzulegen. Auch für die Augenzeugen war das ein traumatisierendes Erlebnis. Da mischt sich auch jene Ohnmacht ein, nicht eingreifen gekonnt zu haben. Sie fühlen sich hilflos. Auch sie sollten sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

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