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Panorama Italien hat Angst vor Tiefseebohrungen des Ölkonzerns BP
Nachrichten Panorama Italien hat Angst vor Tiefseebohrungen des Ölkonzerns BP
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19:39 01.08.2010
Das Mittelmeer, wie wir es lieben.
Das Mittelmeer, wie wir es lieben. Quelle: dpa
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Schon im August soll es losgehen. Libyen drängelt, der britische Ölkonzern BP hat es genauso eilig, und die Katastrophe im Golf von Mexiko ist weit weg. „Man schafft doch nicht den internationalen Luftverkehr ab, sobald irgendwo mal ein Flugzeug abstürzt“, sagt Gaddafis Ölminister Shokri M. Ghanem. Deshalb soll und darf BP vor Libyens Küste nach Öl bohren, 1700 bis 2000 Meter unter dem Meeresspiegel, noch tiefer als im Golf von Mexiko. 900 Millionen Dollar ist der Vertrag schwer. „Aber wenn etwas passiert“, sagen sie im nahen Italien, „dann ist das ganze Mittelmeer verseucht. Der Größe nach ist unser Meer gegenüber dem Golf von Mexiko ja nur eine Pfütze.“ Der Ölteppich vor Lousiana allein würde mindestens zwei Drittel der Adria komplett ausfüllen.

„Unser Meer“ – jene Bezeichnung, die das antike Rom einst für sein „mitten in den Ländern gelegenes Meer“ erfand, hat heute eine neue Bedeutung erlangt. Die Umweltrisiken betreffen nämlich alle Anrainerstaaten, und ums Mittelmeer steht es schon längst nicht mehr gut. Aus dem „Mare Nostrum“ der alten Römer ist, so formuliert es der italienische Umweltdachverband Legambienteum, das „Mare Monstrum“ geworden.

Italiens Zeitungen drucken in diesen Tagen Landkarten, denen zufolge die anstehende Tiefseebohrung von BP „nur“ 560 Kilometer von der Südküste Siziliens entfernt ist. Dabei reicht just von diesen Küsten ein Blick mit bloßem Auge, und schon tauchen die ersten Bohr- und Förderplattformen aus dem Dunst auf. Seit 1982 erschließen italienische Treibstoffkonzerne die Öl- und Gasvorkommen vor Sizilien, nur zwei bis 22 Kilometer von den Stränden entfernt und im Flachwasser, also bis 145 Meter unter der Meeresoberfläche.

Weitere Plattformen arbeiten unmittelbar vor der mittleren Adriaküste. 526.000 Tonnen Rohöl haben sie alle zusammen im vergangenen Jahr gefördert, sechs Prozent des nationalen Bedarfs, und weil es sich des hohen Ölpreises wegen lohnt, auch weniger ergiebige Lagerstätten stärker auszubeuten, haben Italiens Konzerne die Fördermenge in den ersten Monaten 2010 auch noch um ein Drittel erhöht.

Doch dabei bleibt es nicht. Der Shell-Konzern zum Beispiel ist nach seinen geologischen Prüfungen der Ansicht, vor Siziliens Westzipfel könnte „ein wahrer Schatz“ liegen. Italien könnte sich „in Europa als das Land mit den meisten Öl- und Gasreserven erweisen“. Deshalb hat bei multinationalen Konzernen aus Irland, Australien und Kanada ein richtiger Run auf italienische Sondier- und Bohrlizenzen eingesetzt. 95 sind derzeit vergeben (71 zu Lande, 24 im Meer), 65 weitere sind beantragt, davon 41 im Wasser; 23 000 Quadratkilometer Meer sollen einbezogen werden – das ist umgerechnet eine Fläche von Hessen und dem Saarland zusammen.

Der Chef des Fachverbands Assomineraria, Claudio Descalzi, räumt ein, durch die neue, die höhere Bereitschaft der Regierung Berlusconi, Lizenzen zu vergeben, sei „jetzt am Anfang ein gewisses Durcheinander“ eingetreten. „Aber unser Projekte bringen Investitionen, Steuern, Abgaben und Leben.“

Leben in die Diskussion bringt das Ölfieber auf jeden Fall. Zum einen hat die menschengemachte Katastrophe im Golf von Mexiko die Italiener mit dem Argwohn erfüllt, auch in den heimischen Gewässern müsse die Ölförderung nicht für alle Zeiten so unfallfrei ablaufen wie in den vergangenen drei Jahrzehnten. Zum anderen wollen die Konzerne auch in ausgewiesenen Naturschutzgebieten bohren, und da hört die in Italien sonst so verbreitete Gleichgültigkeit der Umwelt gegenüber auf.

Nun ist aber das Mittelmeer, so Umweltschützer und Meeresbiologen, kein Ozean, dessen Strömungen den Dreck verwirbeln und verdünnen würden, sondern ein „geschlossenes Gewässer“, das 150 Jahre braucht, um sein Wasser insgesamt zu erneuern, „weit eher eine Ostsee als ein Atlantik“, wie man bei Greenpeace sagt.

Zunehmend beunruhigt sind die Inselbewohner von Elba auch aus einem anderen Grund. Das Mittelmeer stellt zwar nur 0,82 Prozent aller Wasserflächen des Globus, in ihm spielen sich aber – des europäischen Massenbedarfs wegen – mehr als 20 Prozent aller Öltransporte ab. Pro Jahr werden laut Legambiente 15 Tanker in Unfälle verwickelt; zu den folgenschwersten – der freigesetzten Ölmengen wegen – kam es bisher in italienischen Gewässern. Das andere Problem besteht darin, dass nicht wenige Ölschiffe ihre Tanks auf offener See waschen und deshalb, alles zusammengenommen, pro Jahr 150.000 Tonnen an Erdöl oder Ölprodukten ins Meer gelangen. Elba liegt in einer Engstelle zwischen Korsika und der Toskana, wo sich jährlich etwa 20 Tanker reinwaschen. Die Inselverwaltung hat jetzt bei der Regierung beantragt, dass sich die Tanker wenigstens fünf Meilen von den Stränden fernhalten müssten. Eine Antwort steht noch aus.

Sizilien wiederum, das keine Ölbohrinseln vor seinen Küsten dulden will, ist das schreiendste Beispiel für die in Italien hausgemachte, aber seit Jahrzehnten konsequent vernachlässigte Meeresverschmutzung. Dem Anfang Juli veröffentlichten Bericht von Legambiente zufolge leiten immer noch 18 Millionen Italiener – also knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung – ihre Abwässer ungereinigt ins Meer. In Sizilien sind es sogar mehr als die Hälfte (54 Prozent). Allein in Palermo sind 444.300 Einwohner an keine Kläranlage angeschlossen, in Catania 200.000.

Gerade der Mezzogiorno, der sich des „klarsten Wassers“ rühmt, tut wenig dafür, diese Qualität zu erhalten. Deswegen zieht die Europäische Kommission jetzt gerichtlich gegen Italien zu Felde. Kläranlagen sind zwar vielerorts gebaut – oder jedenfalls wurden dafür staatliche oder europäische Mittel in Anspruch genommen. Diese aber sind zum nicht geringen Teil in dunklen Kanälen versickert – Legambiente merkt an, dass gerade in Mafiagebieten das Meer am dreckigsten ist –, zum anderen kümmert sich oftmals keiner um die Wartung und die technisch korrekte Einstellung der Anlagen.

Allerdings: Der Mezzogiorno ist im Zweifel überall. Zu jenen Städten Italiens, die ihre Abwässer am wenigsten reinigen gehört ausgerechnet das mondäne San Remo an der Riviera. Und so heißt es an fast drei Vierteln der städtischen Strände: Badeverbot!

Paul Kreiner