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Panorama Holz- und Beinbruch!
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12:13 10.03.2018
Tablett statt Tablet: Nur unverbesserliche Realisten kaufen ihre Küchenausstattung im Fachhandel, wahre Leidenschaft schreinert selbst. Quelle: iStockphoto
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Hannover

Dem Manne wohnt eine heilige Kraft inne, die ihn dazu befähigt, Großes zu erschaffen. Schöpfergeist und handwerkliche Kennerschaft vereinigen sich zu fruchtbringender Energie, die aus dem Nichts ein Werkstück von Schönheit und Präzision für die Ewigkeit entstehen lässt, das die Jahrhunderte überdauern und staunende Nachkommen stets daran gemahnen wird, das Erbe des Erbauers zu pflegen.

Also: Ich habe ein Tablett gebaut. In einem Tischlerkurs. Verletzungsfrei. Mit meiner Hände Arbeit. Es ist aus Kiefernholz. Es verfügt über vier kraftschlüssige Schwalbenschwanz-Eckverbindungen, die bei exakter Messung und akkurater Sägearbeit bündig ineinandergreifen sollen – ohne Naht und Hohlräume.

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Neider und Holzzivilisten

Meine sahen aus wie die Schneidezähne von Jürgen Vogel. Das freilich schmälerte nicht meine Liebe zu diesem Objekt, das so viel mehr ist als ein Tablett. Ich fühlte mich wie Tom Hanks in “Castaway“, nur mit Holz statt mit Feuer – “ICH HABE EIN TABLETT GEMACHT!“

Nüchterne Zeitgenossen könnten einwenden, dass mein Tablett nicht frei von Makeln ist und man ein ähnliches Objekt für 6,99 Euro im schwedischen Fachhandel erwerben kann, während mein Kurs 200 Euro plus Material gekostet hat. Aber die haben keine Ahnung vom Handwerk.

Wir Tischler lassen uns von Neidern und Holzzivilisten nicht beirren. Ich plane jetzt den Erwerb einer Bandschleifmaschine, eines vollhydraulischen Verleimständers und einer Kreissägenfräse mit Aluminium-Formatschiebeschlitten und Frässpindelarretierung. Nimm das, Thomas Chippendale!

Ein Fachwerkhaus in 30 Minuten

Der Kursleiter war ein nachsichtiger Geppetto mit südamerikanischem Migrationshintergrund, der seine Schäflein an ihren Tablettimitaten herumschmirgeln ließ, während er nebenan in 30 Minuten gemütlich ein Fachwerkhaus baute. Oder was sonst so liegen geblieben war.

Als ich ihm Jürgen Vogels Zähne zeigte, machte er ein Geräusch, das klang wie eine verkantete Schleifmaschine. “Kann man das retten?“, fragte ich. Er sah mich an, als dachte er: “Ich hätte damals doch mit Ursula nach Indien gehen sollen ...“ – “Klar!“, sagte er und griff zum Hartwachs. Also, Jürgen Vogel, falls du mal einen Zahnarzt brauchst: Das ist dein Mann. Schönes Wochenende – und Holz- und Beinbruch!

Von Imre Grimm

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