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Panorama Hohe Mieten: Das sind günstige Alternativen für das Studium
Nachrichten Panorama Hohe Mieten: Das sind günstige Alternativen für das Studium
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14:00 22.06.2019
Wo lernt – und lebt – es sich am besten? Die meisten Studenten zieht es in die Metropolen, dabei haben auch kleinere Unis und Städte Charme – und bieten bezahlbaren Wohnraum. Quelle: Rolf Zöllner/Imago
Hannover

Die Klage über hohe Mieten ist zum Ohrwurm verkommen, so lang und wiederkehrend, dass er bisweilen gar nicht mehr bewusst wahrgenommen wird. Berechtigt ist sie trotzdem: Mancherorts ist Wohnen inzwischen so teuer, dass – nicht nur – Berliner Politiker ernsthaft über Enteignungen reden.

Klar ist: Wohnen muss bezahlbar sein. Unklar ist, ob das an jedem einzelnen Ort für jede einzelne gesellschaftliche Gruppe gilt. Zum Beispiel für Studenten. Ihr Stöhnen über zu hohe Mieten schallt in der öffentlichen Debatte mit am lautesten: Ein Studium in der Großstadt sei heute nicht mehr finanzierbar, insbesondere nicht für Bafög-Empfänger.

Ab Herbst 2019 soll die monatliche Wohnpauschale für Bafög-Berechtigte 325 Euro betragen. Junge Onlinemedien und ihre Kommentatoren sind sich allerdings schon jetzt einig: Das reicht nicht aus. Eine Studie des Deutschen Studentenwerks will das sogar wissenschaftlich bewiesen haben.

„Wie realitätsfremd können Politiker nur sein?“

Anderer Meinung ist Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Mehr noch: In einem „Spiegel“-Interview brachte sie jüngst die ohnehin erhitzten Gemüter zum Durchbrennen. Den Knall bescherte ihr ein kurzes, aber klares Zitat: „Man muss ja nicht in die teuersten Städte gehen.“

Boom! Sogleich gesellte sich nach Karliczeks Interview zum gewohnten „Mieten ist zu teuer“-Ohrwurm sein Kumpan, der „Wie realitätsfremd können Politiker nur sein?“-Ohrwurm. Negative Medientexte erschienen, Kommentarspalten zu entsprechenden Artikeln liefen heiß, der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde, witterte sogar einen Verstoß gegen das Grundgesetz.

Die Verfassung garantiere freie Berufswahl – dazu gehöre auch die freie Wahl des Studiengangs. Statt des Nachdenkens über alternative Studienorte, brauche es je nach Bedarf mehr Geld und mehr studentischen Wohnraum.

Wenn jemand flexibel ist, dann Studenten

Dabei ist Karliczeks Argument eines, über das es zumindest nachzudenken lohnt. Die meisten Studierenden sind verhältnismäßig ungebunden. Und die meisten Studierenden wechseln für die Aufnahme ihres Studiums ohnehin den Wohnort. Wenn jemand flexibel ist, dann sie. Da lohnt es sich durchaus, Wohnalternativen in Betracht zu ziehen. Egal, ob bafögberechtigt oder nicht.

Denn das Wohnproblem wird anhalten, komme, was da wolle: Der Bedarf an neuem Wohnraum wächst schneller als das Angebot. So erwarten alle derzeit angesagten Städte laut „Wohnatlas“ in den kommenden Jahren weiterhin massives Einwohnerwachstum und steigende Mieten.

Teil des Problems sind auch Studierende: Allein in Berlin stieg die Zahl der Einschreibungen zwischen dem Wintersemester 2017/2018 und dem Wintersemester 2018/2019 um 2900. Damit studieren in der Hauptstadt nun rund 200 000 Menschen. Auch München, Hamburg und Köln vermelden Jahr für Jahr neue Einschreibungsrekorde.

Ein Recht auf günstiges Wohnen in guter Lage gibt es nicht

Der wachsende Andrang führt alljährlich im Herbst zu immer gleichen, alarmierenden Schlagzeilen über Studierende, die mangels Wohnung in Turnhallen, Notunterkünften und auf Zeltplätzen übernachten. Finden die Suchenden später eine Unterkunft, müssen sie dafür zunehmend Unsummen zahlen, gegen die sie wenig ausrichten können: Denn ein Recht auf günstiges Wohnen in guter Lage gibt es nicht.

Warum also nicht andere Städte in Betracht ziehen? Es gibt genügend Orte, an denen ein Studium auch mit weniger Geld finanzierbar ist. Wer aber dafür plädiert, bekommt in aller Regel das immer gleiche Argument entgegengeschleudert: das der Bierbrauer.

Brauwesen nämlich ist einer der Studiengänge, die es nur im teuren München, genauer: am Weihenstephan-Campus der TU München, gibt. Wer also Bierbrauen studieren möchte, MUSS nach München. Ja, das stimmt. Und ja, Studiengänge spezialisieren sich. Und ja, einige davon lassen sich nur in den Metropolen studieren.

Grafik Wohnungen Studenten Quelle: Dpa

Aber das Phänomen des Metropolenandrangs ist ein Phänomen der Massen. Und die Massen studieren noch immer am liebsten BWL, Jura und Maschinenbau. Fächer, die in der Angebotspalette einer jeden Volluniversität zu finden sind. Vielleicht gibt es in Hamburg, Berlin und München teilweise renommiertere Professoren. Aber schlechter ist das Studium an den kleineren Universitäten deswegen nicht.

Oft ist die individuelle Förderung wegen geringerer Studierendenzahlen dort sogar besser. Und: Uniabsolventen weniger angesagter Städte stehen auf dem Arbeitsmarkt nicht unbedingt schlechter da: Nur acht von hundert Arbeitgebern berücksichtigen bei Einstellungen den Ruf einer Universität. Jetzt, in Zeiten des Fachkräftemangels, dürfte das Renommee noch einmal an Bedeutung verlieren.

Zudem gilt: Auch Unis in weniger hippen Städten, wie die TU Dresden oder die RWTH Aachen, gehören laut Center for World University Rankings zu den besten in Deutschland, die Unis Göttingen und Bonn laut Time Higher Education Ranking ebenfalls. Auch die Uni Halle (Saale) schneidet beim Studium der Chemie, Medizin, Pflegewissenschaft und Physik im Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) als eine der besten ab. Trotzdem wollen weit weniger junge Menschen dorthin.

Wer in Halle studieren will, erntet Spott und Häme

Studien wie die des CHE zeigen, dass Studienanfängern der Studiengang wichtiger ist als der Studienort. Weil aber die meisten Studiengänge immer noch fast überall studiert werden können, gibt am Ende eben doch die Stadt den Ausschlag. Da gilt Berlin als hip, Hamburg als locker, Köln als bunt, München als ehrwürdig – und Halle an der Saale als … äh … ja. Als was eigentlich? Als schäbig vielleicht. Schließlich speist sich Halles deutschlandweiter Ruf vor allem aus alarmierenden Reportagen über das Plattenbauviertel Halle-Neustadt.

Wer also in Halle studieren will, erntet Spott und Häme. Das ist nicht erdacht – das ist so. Der Autor dieses Artikels, ehemaliger Bafög-Empfänger, weiß das, weil er für sein Studium dorthin zog. „Warum machst du das?“, fragten Freunde und Verwandte. „Zieh doch nach Berlin. Da spielt das Leben.“ Schwer zu vermitteln: Das Leben spielt nicht nur dort, es spielt genauso, vielleicht sogar lebenswerter, in günstigen Städten.

So auch in Halle: Die Stadt ist im ständigen Umbruch, weiß, dass sie nicht Berlin ist, und hat deswegen einen geringfügigen Minderwertigkeitskomplex. Der jedoch macht Halles Charme aus. Überall sprießen Projekte, Clubs und Initiativen aus dem Boden – von Menschen, die etwas ändern wollen.

Während der halbe Liter Bier in München 6 Euro kostet, kostet er in Halle 3

Ost und West prallen hier aufeinander, Einwohner und Zugezogene, Rechte und Linke, Junge und Alte, DDR-Nostalgiker und DDR-Hasser. Die an Berlin gefeierte Vielfalt gibt es auch in Halle. Obendrauf kommen pralle Kultur und Sportangebote. Nie für viel Geld.

Während der halbe Liter Bier in München 6 Euro kostet, kostet er in Halle 3. Während der Cocktail in München 12 Euro kostet, kostet er in Halle 4,50. Mieten für Studentenwohnungen liegen zwischen 180 und 300 Euro warm.

Man muss nicht in den angesagten Städten der Republik leben. Nicht, wenn man einen Studiengang studiert, den viele andere auch studieren. Man muss nicht 600 Euro kalt für seine Miete zahlen. Man muss keine geringe Lebensqualität haben. Auch das Leben in Halle an der Saale, in Jena, Chemnitz, Magdeburg, Siegen, Gießen, Vechta (und so weiter und so fort) kann so schön sein, dass man sich darin verliebt.

Es ist nicht zu viel verlangt, den Blick auf Alternativen zu richten

Das heißt nicht, dass jeder sich in unbeliebte Städte verlieben muss oder dorthin ziehen sollte. Es gibt gute Gründe, das nicht zu tun: Freunde, Familie, Verpflichtungen. Aber wer ohne Zwang in eine Metropole zieht, muss wissen, dass ihn diese Entscheidung teuer zu stehen kommt.

Es ist nicht zu viel verlangt, den Blick auf Alternativen zu richten. Im Gegenteil: Vielleicht ergeben sich daraus neue Chancen und Perspektiven. Bildungsministerin Karliczek ist nicht weltfremd, wenn sie das anspricht. Aber deutschlandfremd ist, wer glaubt, ein gutes Studienleben gebe es nur in Metropolen – und dann jammert, dass dieses Leben kostet.

Von Julius Heinrichs

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