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Nachrichten Panorama Hamburg plant Knöllchen für Freier
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19:11 11.01.2012
Der Hamburger Stadtteil St. Georg ist bereits seit 1980 Sperrgebie, Prostitution ist dort also offiziell verboten.
Der Hamburger Stadtteil St. Georg ist bereits seit 1980 Sperrgebie, Prostitution ist dort also offiziell verboten. Quelle: dpa
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Hamburg

Statt mit Sex müssen Freier in Hamburg-St. Georg künftig mit einer Strafe rechnen. Wenn sie dort eine Prostituierte ansprechen, droht ihnen eine Geldbuße von bis zu 5000 Euro. Der Senat will die sogenannte Kontaktverbots-Verordnung nach bisherigen Plänen am 24. Januar beschließen, erklärte der Sprecher der Innenbehörde, Frank Reschreiter, am Mittwoch. „Innensenator Michael Neumann (SPD) sieht darin ein weiteres zusätzliches Mittel, um dem Problem der Straßenprostitution in St. Georg Herr zu werden.“ Das „Hamburger Abendblatt“ (Mittwoch) hatte zuerst über das Ansprechverbot berichtet.

Eine Reihe von Großstädten sei bereits diesen Weg gegangen, sagte Reschreiter - mit positiven Erfahrungen. Als Beispiele nannte er Düsseldorf, Köln, Bonn, Frankfurt/Main, Leipzig, Stuttgart, Mannheim und Karlsruhe. Dass Hamburg nun nachzieht, begründet Reschreiter mit massiven Beschwerden beim zuständigen Polizeikommissariat am Steindamm. So würden völlig unbeteiligte Frauen und Mädchen angesprochen, und es gebe laute Streitereien zwischen Prostituierten und Freiern. „Und es erhöht den Handlungsdruck, dass zunehmend auch Familien nach St. Georg ziehen.“

Der Stadtteil St. Georg - zentral am Hauptbahnhof gelegen - ist bereits seit 1980 Sperrgebiet. Prostitution ist dort also offiziell verboten. „Wenn mit den bisherigen Instrumenten kein durchschlagender Erfolg erzielt wird, müssen weitere Mittel ausgelotet werden“, sagte Reschreiter. Mit dem Ansprechverbot könne die Polizei dann zusätzlich gegen Freier vorgehen - und nicht nur gegen Prostituierte. „Sämtliche Maßnahmen, die die Polizei auf Basis der gegenwärtigen Rechtslage treffen kann, richten sich ausschließlich gegen die Prostituierten“, heißt es in der Senatsdrucksache. „Es ist davon auszugehen, dass ein bußgeldbewehrtes Kontaktaufnahmeverbot einen großen Abschreckungseffekt auf Freier haben wird.“

Die Polizei begrüßt die geplante Verordnung. „Wir haben auch dafür plädiert, weil sie unsere Handlungsmöglichkeiten ergänzt“, sagte Sprecher Mirko Streiber. Auch der Bürgerverein St. Georg hält den Ansatz für sinnvoll. „Es ist eine Möglichkeit, nach den überbordenden Beschwerden in der letzten Zeit mal Ruhe reinzubringen“, erklärte der 2. Vorsitzende Martin Streb. „Es ging immer um einen Ausgleich zwischen Prostitution und Wohnen - ich denke, dass das jetzt dabei helfen könnte.“

Ragazza, eine Kontakt- und Anlaufstelle in St. Georg für drogenabhängige Prostituierte, sieht dagegen das Ansprechverbot kritisch. „Wenn die Freier ein Bußgeld bekommen, werden sie es tunlichst vermeiden, die Anbahnung im öffentlichen Fokus vorzunehmen“, sagte Leiterin Gudrun Greb. „Die Frauen müssen dann auf andere Straßen ausweichen, und das bedeutet Gefahr für Leib und Leben. Die Sexarbeit wird noch lebensgefährlicher als sowieso schon.“ Außerdem liefe die Arbeit von Ragazza dann ins Leere: „Wir finden die Frauen nicht mehr. Die Arbeit in dieser Form wäre nicht mehr möglich.“ Jedes Jahr nehmen Greb zufolge etwa 300 bis 400 Frauen Hilfe bei Ragazza in Anspruch.

Die Situation der Prostituierten bleibe unbeachtet, monierte auch die GAL-Bürgerschaftsfraktion. „Meine große Sorge ist, dass diese Verordnung dazu führen wird, dass Sexarbeit in die Unsichtbarkeit getrieben wird und damit der relative Schutz, den Öffentlichkeit bietet, nicht mehr besteht“, erklärte die frauenpolitische Sprecherin Stefanie von Berg.

dpa