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Panorama Haben Sie Angst vor Hassmails, Sandra Maischberger?
Nachrichten Panorama Haben Sie Angst vor Hassmails, Sandra Maischberger?
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22:07 03.05.2019
Moderatorin Sandra Maischberger vor dem Logo der ARD Talkshow Maischberger - die Publikumsdebatte. Quelle: Horst Galuschka/dpa

Frau Maischberger, wie oft haben Sie in Ihrer ARD-Talksendung schon über den Islam diskutiert?

Wir haben Sendungen über alle Religionen gemacht – und dabei gern Muslime, Christen, Buddhisten, auch Atheisten zusammengebracht. Sich mit Religiösem zu beschäftigen ist offenbar vielen ein Bedürfnis. Ebenso haben wir uns mit dem politischen Islam beschäftigt – verbunden mit Terrorismus und Extremismus. Spätestens nach den Anschlägen vom 11. September war diese Bedrohung allen präsent.

Kitzelt so eine Sendung andere Reaktionen hervor als eine über den jüngsten Grabenkampf in der GroKo?

Wir registrieren jedenfalls, dass dies ein emotional aufgeheiztes Thema ist, das gerade in den extremen Lagern heftige Rückmeldungen auslöst. Allerdings bin ich mir manchmal gar nicht so sicher, ob wir es da noch mit Menschen aus Fleisch und Blut zu tun haben oder ob Computerbots auf uns niederprasseln.

Und das ist anders als bei anderen Sendungen?

Na ja, als Bundeskanzlerin Angela Merkel die Flüchtlingskrise verhandelt hat, gingen die Gefühle auch hoch. Es kommt eben darauf an, ob das Thema die Menschen im Innersten anfasst.

Was muss am Ende einer Sendung stehen, damit Sie sagen: Das war ein guter Abend?

Wenn wir es schaffen, unterschiedliche Sichtweisen zu beleuchten, hat sich die Anstrengung gelohnt – also wenn Zuschauer erkennen, dass man eine Sache auch ganz anders sehen kann. Das unterscheidet eine Talkshow von einer Blase im Netz. In einer abgeschotteten Facebook-Welt sorgt der Algorithmus dafür, dass immer dieselben Ansichten reingespült werden – der Empfänger bekommt das oft gar nicht mit.

Bewegen Sie sich nicht ebenso in einer Blase? Nur eine bestimmte Klientel schaltet überhaupt ein.

In der Stunde vor Mitternacht treffe ich auf ein ziemlich heterogenes Publikum, das schwer einzugrenzen ist. Ich weiß nur, wer um die Uhrzeit garantiert nicht mehr dabei ist, etwa Eltern mit kleinen Kindern.

Wenn Sie ein so schönes Diskussionsformat im Fernsehen haben, warum produzieren Sie jetzt einen Kinofilm über einen sogenannten Ehrenmord?

Da muss ich erst mal was klarstellen: „Nur eine Frau“ ist kein Film über den Islam, sondern einer über eine Familie, in der sich patriarchalische Traditionen mit religiösem Fundamentalismus vermengen – und in der eine junge Frau von ihrem eigenen Bruder ermordet wird. Wir stellen keinesfalls Muslime gegen Christen. Es geht um den Gegensatz von Menschenrechten und Fundamentalismus.

Hätten Sie das Thema nicht in einer TV-Diskussion verhandeln können?

Das haben wir auch schon, aber nicht jedes Thema kriegen Sie so zu fassen. Außerdem bin ich nicht nur Moderatorin, sondern ebenso Journalistin und inzwischen auch Produzentin. Meine Firma Vincent hat auch viele Dokudramen entwickelt. Dass am Ende nun ein Kinospielfilm herausgekommen ist, ist der Regisseurin zu verdanken: Sherry Hormann hat sich der Geschichte von der Ermordung Hatun Aynur Sürücüs von der anderen Seite genähert und den emotionalen Kern mit fiktionalen Mitteln inszeniert. Und dann rief die Geschichte plötzlich nach der großen Leinwand.

Das Opfer: Aynur (Almila Bagriacik) erstattet in einer Szene aus „Nur eine Frau“ Anzeige gegen die Bedrohungen ihrer Brüder. Quelle: Mathias Bothor/NFP/dpa

Ihrem Film liegt ein Fall zugrunde, der 2005 in Deutschland einen Aufschrei des Entsetzens ausgelöst hat. Wie würden Sie die echte Hatun Aynur Sürücü beschreiben?

Aynur war nach allem, was wir wissen, eine lebenshungrige, mutige und freiheitsliebende Frau. Es muss auch düstere, depressive Phasen gegeben haben. Aber die meisten, die sie kannten, haben sie als fröhlich, freundlich, energiegeladen in Erinnerung. Und: Sie hing sehr an ihrer Familie.

Klingt nicht nach einem typischen Opfer.

Unser Film beginnt zwar damit, dass Aynur in ihrem Blut an einer Berliner Bushaltestelle liegt, erschossen vom Bruder. Und doch wäre es falsch, die Geschichte darauf zu reduzieren. Wir wollten dieser Frau eine Stimme geben, und zwar nicht in einem larmoyanten Ton, sondern in ihrer ganzen Lebensfreude.

Sie haben an Originalschauplätzen in Berlin gedreht: Wie haben die Menschen reagiert?

Wir haben sogar in der Siedlung gefilmt, in der Aynur gewohnt hat, und am Kottbusser Tor, in dessen Nähe ihre Familie damals lebte. Bis heute brodelt es dort in der Gerüchteküche. Für mich klang manches ein bisschen nach den in mir noch nachhallenden Diskussionen der katholischen Morallehre vor wenigen Jahrzehnten: Welchen Lebenswandel darf man haben, und welcher ist zu verurteilen? Wir sind aber auch auf Offenheit gestoßen und durften zum Beispiel in einer Moschee drehen.

Wieso der provokante Filmtitel „Nur eine Frau“?

Das sagt Aynur im Film selbst: „Ich mache das, was meine Eltern auch gemacht haben. Mit einem Unterschied: Ich bin nur eine Frau.“ Für mich steckt in ihrer Geschichte etwas Archaisches: Seit Menschengedenken lehnen sich Frauen gegen das ihnen aufgezwungene Rollenbild und männliche Dominanz auf. Sie finden sich in patriarchalischen Strukturen wieder und wehren sich heftig dagegen. Dieser Unterdrückungsmechanismus verkleidet sich in verschiedenen Zeiten immer wieder anders. Im Moment begegnet er uns eher im muslimischen Kulturkreis. Aber das Problem geht tiefer.

Für den Film haben Sie viel recherchiert. Wie hat sich die Situation von muslimischen Frauen verändert seit Aynurs Tod?

Die Zahl der Ermordungen scheint über die Jahre relativ konstant geblieben zu sein. Das Thema Zwangsheirat, Unterdrückung in Ehe und Familie – all das hat aber auch hier zugenommen. Übrigens nicht nur in der muslimischen Community: Auch in EU-Ländern, etwa in Rumänien, üben Clans Druck in Familien aus. Unter diesem Druck, in den eigenen Kreisen zu heiraten, leiden übrigens auch junge Männer. Und das ist schlimm: In einem modernen Europa dürfen wir so etwas nicht akzeptieren.

Sie verbringen Ihren Arbeitsalltag zwischen Fernsehstudio und Produktionsbüro: Kriegen Sie von solchen Unterdrückungsmechanismen überhaupt etwas mit?

Ich habe vor elf Jahren den Verein Vincentino begründet, der an Schulen in Neukölln oder Kreuzberg kulturelle Bildungsprojekte initiiert. Da erlebe ich so einiges: Voriges Jahr bei einem Sommerfest haben drei Jungs eine tolle Breakdance-Show vorgeführt. Ich war noch ganz hin und weg, und dann sagte die neben mir stehende Lehrerin unvermittelt: Der in der Mitte ist 16 und hat gerade seine Cousine geheiratet. Ich wollte das erst gar nicht glauben.

Wann haben Sie angefangen, sich mit dem Thema näher zu beschäftigen?

Lange habe ich das vermieden. Ich dachte: Wenn ich das thematisiere, kriege ich nur Applaus von Rechten. Heute verstehe ich die Zurückhaltung nicht mehr. Wenn mir jemand weiszumachen versucht, dass dies ein AfD-Thema sei, frage ich zurück: Und wieso ist es nicht dein Thema?

Und wenn die AfD nun Ihren Film für eigene Zwecke ausschlachtet?

Gerade deswegen können wir das Thema doch nicht von der Tagesordnung streichen und es denen überlassen, die damit nur hetzen wollen. Übrigens verändert sich die Wahrnehmung meines Erachtens langsam, zumindest im linksliberalen Spektrum. Früher schwiegen manche Kritiker aus Angst, weil sie befürchteten, als islamfeindlich abgestempelt zu werden, wenn sie Zwangsheiraten kritisierten. Heute sieht man das differenzierter. Die Überhitzung dieses Themenfeldes hat auch einen Prozess des Nachdenkens in Gang gesetzt.

Auch auf muslimischer Seite?

Es lohnt immer, verschiedene Perspektiven in den Blick zu nehmen: Wir versuchen gerade, einen Film über Feminismus im Islam auf die Beine zu stellen. Da gibt es Frauen, die das Kopftuch tragen und dies mit dem Anspruch auf Selbstbestimmung verbinden – auch wenn dieses mit so viel Bedeutung aufgeladene Stück Tuch vom politischen Islam missbraucht wird. Gleichzeitig sagen manche Imame, dass im Koran nichts davon zu lesen sei, dass eine Frau ein Kopftuch tragen muss. Laut ihnen soll eine Frau lediglich ihr Dekolleté verhüllen.

Kerzen mit Bildern von Hatun Sürücü stehen am 07.02.2015 in Berlin an einem Gedenkstein. Die aus einer streng muslimischen Familie stammende Sürücü war am 7. Februar 2005 einem sogenannten Ehrenmord zum Opfer gefallen. Quelle: Lukas Schulze/dpa

Haben Sie Angst vor Hassmails als Reaktion auf Ihren Film?

Klar. Aber die kriege ich ja auch bei meinen Sendungen. Ich nehme nicht alles ernst, was ich da zu lesen bekomme. Mich trifft es eher, wenn mich jemand darauf hinweist, dass ich über ein bestimmtes Argument nicht nachgedacht habe. Gegenüber Pöbeleien bin ich unempfindlich, sagen wir: abgehärtet.

Würden Sie allen so eine Abhärtung empfehlen?

Das Schlimme ist, dass manche Menschen in eine Angststarre verfallen sind. Sie trauen sich nicht, gegen Shitstorms anzureden. Warum sollte sich nicht jede Frau dafür einsetzen, dass alle in Deutschland lebenden Frauen die gleichen Rechte haben? Das gilt beim Anspruch auf dieselbe Bezahlung im Job wie auf das Recht auf dieselbe Zahl von Vorstandsposten. Bloß geht es bei diesen Themen nicht um Leib und Leben wie im Fall von Aynur.

Jetzt muss sich das Kinopublikum nur noch auf die Parallelwelt einlassen, der Aynur zum Opfer fiel.

Auch mit dem Begriff Parallelwelt bin ich vorsichtig. Er suggeriert, dass es verschiedene Welten gibt. Damit kann sich dann jede Seite bequem hinter ihren Mauern verschanzen. Wir leben aber alle in einer Welt und tun gut daran, uns darum zu kümmern, was um uns herum passiert.

Wen soll Ihr Film erreichen?

Auf der einen Seite das liberale Umfeld, das sich aus falsch verstandener Rücksicht raushält. Aber auch die anderen, die den Islam als Ganzes verdammen und in unserem Film eine muslimische Familie kennenlernen, die für ihren Aufklärungswillen bereit ist, ins Zeugenschutzprogramm zu gehen. Vor allem aber möchte ich an Schulen in Kreuzberg und anderswo gehen. Junge Leute sollen „Nur eine Frau“ sehen. Sie sollen erkennen: Jeder hat das Recht, sein eigenes Lebensglück zu verwirklichen.

Eine Frau, die erschossen wurde, soll jungen Menschen Hoffnung machen?

Wir sehen im Film ja auch, dass es Unterstützer gab, den Ausbilder in ihrer Lehre zur Elektroinstallateurin oder das Jugendamt. Nicht zuletzt ist ihr Tod eine Warnung: Er zeigt, wohin falsch verstandene Begriffe wie Familie und Ehre führen können.

Was könnte Ihr Film im besten Fall bewirken?

Ein Nachdenken auf allen Seiten. Die Zuschauer sollen begreifen: Aynur ist ein Teil von uns. Sie ist unsere Nachbarin. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir hat 2005 in der Nähe von Aynurs Familie gewohnt und damals, so erzählte er mir, den Senat darauf hingewiesen, dass es in einem Keller Anzeichen für eine radikale Moscheegemeinde gibt. Niemand hat sich dafür interessiert. Das war wohl so wie beim Wegschauen bei rechter Gewalt – siehe der NSU und sein jahrelanges Treiben in Deutschland. Wir müssen hellwach sein, wenn sich irgendwo radikale Tendenzen bemerkbar machen. Egal, aus welcher Ecke sie kommen.

Sehen Sie denn Zeichen zum Optimismus?

Die allermeisten Muslime in Deutschland vereinbaren problemlos den Islam und westliche Rechtsauffassungen. Ich habe sehr viel mehr mit normal gläubigen Muslimen gemeinsam als mit denen, die Religion instrumentalisieren – egal ob sie sich nun als muslimisch, christlich oder jüdisch bezeichnen. Und dabei bin ich gar nicht gläubig. Gegen Fundamentalisten jedweder Art müssen wir uns wehren. Der Schulterschluss muss zwischen den Liberalen auf allen Seiten und gegen die Fundamentalisten stattfinden.

Sandra Maischberger im Studio Adlershof in Berlin. Quelle: T.Bartilla/Imago

Zur Person: Sandra Maischberger

Jeden Mittwoch nach den „Tagesthemen“ kommt Sandra Maischberger zu uns ins Wohnzimmer: „Maischberger“ heißt ihre Talksendung knapp. Im Rückblick scheint es, als sei der 52-Jährigen der Weg ins TV-Studio vorgezeichnet gewesen: Nach dem Abiturschrieb sie sich für Kommunikationswissenschaften ein, brach das Studium aber bereits nach drei Tagen ab.

Sie arbeitete als Radiomoderatorin, schrieb für diverse Zeitungen und holte doch noch eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München nach. Beim BR-Fernsehen moderierte sie zunächst „Live aus dem Schlachthof“.

Weniger bekannt ist womöglich, dass die Journalistin eine eigene Produktionsfirma hat: Mit dem Kinodrama „Nur eine Frau“ hat sie sich nun unter die Spielfilm-Produzenten begeben. Regisseurin Sherry Hormann („Wüstenblume“) erzählt in „Nur eine Frau“ von der türkischstämmigen Deutschen Hatun Aynur Sürücü, die 2005 von ihrem Bruder durch drei Kopfschüsse in Berlin-Tempelhof ermordet wurde. Es handelte sich um einen sogenannten Ehrenmord: Die junge Frau wollte ein selbstbestimmtes Leben führen. Kinostart ist der 9. Mai.

Von Stefan Stosch/RND

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