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Panorama Gotteskrieger auf der Anklagebank
Nachrichten Panorama Gotteskrieger auf der Anklagebank
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22:48 22.04.2009
Die im „Sauerland-Prozess“ Angeklagten, Daniel Schneider (l.) und Adem Yilmaz (2.v.r.), sitzen in einem Verhandlungssaal des Oberlandesgerichtes in Düsseldorf auf der Anklagebank. Quelle: Foto: Federico Gambarini/Pool/ddp
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Der Angeklagte gibt sich entspannt. Adem Yilmaz lächelt in die Kameras, plaudert scheinbar heiter und gelöst mit Justizbeamten, trägt selbstbewusst seine Gesinnung zur Schau: Das weiße Hemd hängt in der Art eines Kaftans über den Hosenbund, eine weiße Häkelmütze bedeckt sein fast kahles Haupt.

Erst als der Vorsitzende Richter die muslimische Kopfbedeckung als „Provokation“ wertet und mit einer Ordnungsstrafe von mindestens drei Tagen droht, nimmt der junge Mann mit dem Rauschebart die Mütze ab – immer noch lächelnd. Bei der Vereidigung der Dolmetscher hingegen bleibt der junge Muslim trotz Strafandrohung demonstrativ sitzen. „Ich erhebe mich nur für Allah“, sagt der frühere Kaufhausdetektiv, der gemeinsam mit seinen islamistischen Glaubensbrüdern Fritz Gelowicz (29), Daniel Schneider (23) und Attila Selek (24) im Kampf gegen „Ungläubige“ Deutschland mit Autobomben erschüttern wollte.

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In einer bunkerähnlichen Hochsicherheitsfestung des Oberlandesgerichts Düsseldorf hat am Mittwoch der Prozess gegen die sogenannte Sauerland-Gruppe begonnen. Gut 50 Meter nebeneinander stehende Aktenordner schmücken die kargen Wände des riesigen Gerichtssaals, in dem auf der einen Seite die Bundesanwälte in den roten Roben und auf der anderen Seite die Angeklagten hinter Panzerglas sitzen – beobachtet von mehr als 100 Journalisten. Nicht ganz zu Unrecht wird dieser Prozess in eine Reihe mit den RAF-Prozessen in den siebziger Jahren gestellt. Alles deutet darauf hin, dass es ein Verfahren der Superlative wird. Es sieht so aus, als wären die Angeklagten stolz darauf. Auch Gelowicz, der im Unterschied zu Schneider und Yilmaz ohne Käppi erscheint, genießt seinen Auftritt ganz offensichtlich.

„Sie waren davon getrieben, die Feinde des Islam zu vernichten und dabei die Ausmaße des 11. September zu erreichen“, sagt Bundesanwalt Volker Brinkmann bei der Verlesung der insgesamt 40 Seiten langen Anklageschrift. Möglichst viele Opfer, vor allem Amerikaner sollte es treffen – in Pubs, Diskos oder Militäranlagen. „200 Kilogramm mit Splittern, Inschallah, das macht ’nen Riesenbums“, soll Fritz Gelowicz kurz vor der Festnahme im September 2007 getönt haben.

Der Ulmer Unternehmersohn, der als Rädelsführer der Terrorzelle angeklagt ist, rechnete laut Anklage mit Blick auf seine Komplizen Yilmaz und Schneider aus: „Wenn jeder von uns 50 tötet, dann sind das 150 Tote.“ Für die Gotteskrieger, die ein Terrorcamp in Pakistan durchliefen, ein Grund zum Jubeln. Sie malten sich aus, wie die deutsche Öffentlichkeit reagieren würde. „Wenn der Schäuble vor die Presse tritt, hey, das wird supergeil“, sagte einer von ihnen.

Die Zitate sind Teil der Abhörprotokolle, die bei der größten Abhöraktion der deutschen Nachkriegsgeschichte zusammenkamen. Monatelang nämlich belauschten und beobachteten die Fahnder Gelowicz und seine Komplizen, bis sie am 4. September schließlich im sauerländischen Oberschledorn zuschlugen und die jungen Männer in einem angemieteten Ferienhaus festnahmen. Unter den Augen der Polizei hatten sich die Islamisten in Hodenhagen bei Walsrode zwölf Fässer mit Wasserstoffperoxid beschafft, um mithilfe von Weizenmehl, Zündvorrichtungen, Uhren und Handys Autobomben daraus herzustellen.

Aus Sicht der Bundesanwaltschaft war das Terror-Quartett dabei fest in das Netzwerk der Al-Qaida-nahen Islamischen Dschihad Union (IJU) eingebunden. Gelowicz soll Weisungen der usbekischen Terrororganisation entgegengenommen und an seine Glaubensbrüder weitergeleitet haben. Der frühere Student an einer Fachhochschule für Wirtschaft war laut Anklage derGott Kommunikationsexperte der Gruppe; die Fahnder registrierten allein 216 Besuche in 68 Callshops, bei denen er anonym mit IJU-Kadern in Kontakt zu treten hoffte. Yilmaz war für das Finanzielle zuständig, sammelte unter anderem Geld für die IJU. Ein Briefumschlag mit 5300 Euro trug die arabische Aufschrift „Staatskasse“.

Die Verteidiger bestreiten die Zugehörigkeit zu einer ausländischen Terrororganisation. Sie kritisieren, dass sich der Vorwurf im Wesentlichen auf zwei Zeugen stützt, die in Usbekistan und Kasachstan im Gefängnis sitzen, womöglich gefoltert wurden und von den Verteidigern nicht befragt werden können.

Vor allem aber prangern die Verteidiger die Rolle der Geheimdienste an. „In den 20 000 Seiten der Ermittlungsakten findet sich kein Wort dazu“, sagte Gelowicz-Anwalt Dirk Uden im Anschluss an die Verlesung der Anklageschrift auf einer improvisierten Pressekonferenz. „Es ist schon sehr interessant, dass Schäuble nach der Festnahme dem türkischen Geheimdienst gedankt hat.“ Auch der CIA soll mit von der Partie gewesen sein. Glaubt man den Anwälten, haben die V-Leute sogar aktiv an den Terrorvorbereitungen mitgewirkt. So soll ein Türke, der Sprengzünder nach Deutschland versandte, sowohl für einen türkischen als auch für einen amerikanischen Geheimdienst gearbeitet haben.

Bundesanwalt Brinkmann weist die Kritik zurück. „Wir können heute in dem Bereich gar nicht mehr ohne die Dienste auskommen“, sagt der Mann in der roten Robe. „Wer das annimmt, hinkt der Zeit hinterher.“

Das Ergebnis schließlich kann sich sehen lassen. Die Beweislast ist erdrückend. Zusätzlich bietet die Anklage mehr als 250 Zeugen auf.
Und dem Vorsitzenden Richter Ottmar Breidling eilt der Ruf voraus, dass er sich von Verteidigern nicht aus dem Konzept bringen lässt. Schon in den Prozessen gegen Metin Kaplan und den Kofferbomber erwies er sich als strenger Richter. Beim einleitenden Kräftemessen mit Adem Yilmaz behauptete er sich auch gestern wieder als Herr im Ring.