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Panorama Goethe-Haus in New York verfällt
Nachrichten Panorama Goethe-Haus in New York verfällt
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08:00 26.01.2012
Von Reinhard Urschel
„Vorübergehend geschlossen“: Das Goethe-Haus in der Fifth Avenue.
„Vorübergehend geschlossen“: Das Goethe-Haus in der Fifth Avenue. Quelle: Archiv
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New York

Die Akustik muss schon 1961 nicht besonders gut gewesen sein im Goethe-Haus in New York, dort als Goethe House bekannt. Denn als der große Will Quadflieg seinerzeit aus dem „Faust“ zitierte und ein Flüsterer störte, zischelte eine Besucherin in unverkennbarem Berliner Tonfall „Bie kweiett“. Alle, auch der große deutsche Mime, verstummten.

Heute ist nun überhaupt nichts mehr zu hören in dem schmalen Haus in einer der schönsten und teuersten Gegenden der amerikanischen Metropole. Die Nummer 1014 in der Fifth Avenue ist zum Geisterhaus verkommen.
Wo einst Mephisto dem New Yorker Bildungsbürgertum die deutsche Kultur nahebringen sollte, wo sich später die deutsche Film-Avantgarde von Rainer-Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff und Wim Wenders mit Andy Warhol getroffen hat, wo sich Günter Grass, Ingeborg Bachmann und Uwe Johnson dem Übersee-Publikum präsentieren durften, hängt jetzt im Erdgeschoss ein Zettel im Fenster, das Gebäude sei vorübergehend geschlossen. Wie vorübergehend das sein soll, hat am Mittwoch der Haushaltsausschuss des Bundestages beraten. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.

Die Großbürgervilla ist im Besitz der Bundesrepublik, ein Goldstück. Selbst im heruntergekommenen Zustand ist das Gebäude auf dem New Yorker Immobilienmarkt gut und gerne 50 Millionen Dollar wert. Bundespräsident Theodor Heuss hat es in den frühen fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für 300.000 Dollar erwerben lassen, um dort deutsche Nachkriegskultur vorzustellen.

Jahrzehntelang war es der Sitz der New Yorker Niederlassung des Goethe-Instituts. Vor einiger Zeit musste das Haus jedoch schließen. Errichtet als Stadthaus James W. Gerards, des amerikanischen Botschafters in Berlin während des Ersten Weltkriegs, entspricht es heute den feuerpolizeilichen Vorschriften nicht mehr. Das Goethe-Institut ist längst an die Lower East Side umgezogen. Der Renovierungsbedarf ist groß. Die Hinterlassenschaften des deutschen Bürobetriebes sind verstaubte, einst weiße Regale, Auslegeware aus den Siebzigern oder ramponiertes Parkett. Eine Renovierung wird nicht billig ausfallen. Einige Abgeordnete der FDP plädieren bereits für einen Verkauf, um den Erlös der Haushaltskonsolidierung zuzuschlagen.

Aus allen anderen Fraktionen kommen aber diplomatische Bedenken: Das könnte als Signal der Deutschen verstanden werden, dass sie an einer Fortsetzung der transatlantischen Kulturbeziehungen nicht länger interessiert seien. Klaus Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, hat vor einiger Zeit eine Idee vorgelegt, wie das Spukschloss in Zukunft zu nutzen wäre. Lehmann möchte darin eine German Academy eröffnen, nach dem Vorbild der American Academy in Berlin-Wannsee.