Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Panorama Die Hölle am Himmel
Nachrichten Panorama Die Hölle am Himmel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 09.07.2019
Zu viele, zu billig: Bis zu 11 000 Flugzeuge bewegen sich jeden Tag über Deutschland. Hier eine Montage, inspiriert von den Werken des Künstlers Mike Kelley. Quelle: Foto: Fotolia; Montage: RND
Hannover

Der Mann hat die Nase voll. Es reicht. „Es isch e Kataschtrophe“, schimpft er in schönstem Schweizerdeutsch. Er ist Flugkapitän, er sitzt am Steuer des Swiss-Fluges von Zürich nach Palma de Mallorca, Abflug um 12.05 Uhr. Aber er darf nicht losfliegen. Stau auf der Startbahn. Mal wieder. „Es isch eifach wieder mal zum Chotze da z Züri“, schimpft er ins Funkgerät, zu hören im Mitschnitt, der im Internet die Runde machte. „Echt! Ich ha d Schnauze voll vo dem huere Dräcksplatz, Tschuldigung!“ Die Fluglotsin am anderen Ende reagiert trocken: „Sehr professionell.“ – „Ja, ihr au!“, giftet er zurück. „Ich bin ready now for 30 minutes!“ Um 12.47 Uhr darf der Flugkapitän schließlich endlich starten.

Ein Pilot am Limit. Man möchte das nicht, dass Piloten schlechte Laune haben. Piloten sollen bitte entspannte, souveräne Profis sein, immerhin liegt unser Leben in ihrer Hand. Doch es wird immer schwerer, im Flugverkehr nicht die Nerven zu verlieren. Als Kapitän. Als Stewardess. Als Lotse. Und erst recht als Reisender.

„Ich bin ready now for 30 minutes!“: Eine Swiss-Maschine beim Abheben. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa

Ein Flughafen in der Urlaubszeit – das ist ein Mikrokosmos der Neurosen. Gehetzte Familien, genervtes Personal, nervöse Fernreise­novizen. Die Branche ist im Aufwind, aber gleichzeitig geht ihr die Puste aus. „Hinter den Kulissen ist das hier die reine Mangelverwaltung“, sagt ein Mitarbeiter eines norddeutschen Flughafens. Der Ausraster des Swiss-Piloten wirft ein Schlaglicht auf ein final durchoptimiertes, maximal zerspartes System kurz vor dem Kollaps. Viel zu viele Flugzeuge landen auf viel zu kleinen Airports. Viel zu eng getaktete Flugpläne sorgen für endlose Schlangen, überbuchte Flüge, zähe Kontrollen. 20 Millionen Gepäckstücke gehen jährlich verloren. Dazu kommt ein Tarifdschungel, in dem es nur noch absurd teure oder absurd billige Flugtickets gibt. Für 9,99 Euro von Stuttgart nach Venedig. Für 14,99 Euro von Düsseldorf nach Kopenhagen. Die Flugbranche spiegelt die Gesamtgesellschaft wieder: extrem teuer oder extrem billig, Luxusklasse oder Prekariat – das Mittelmaß wird weniger.

Alle raus, alle rein, hoch: Warteschlange von Passagieren vor den Check-In Schaltern am Flughafen Stuttgart. Quelle: epd

Vor Jahrzehnten beflügelte das Fliegen in eleganten Silbervögeln als elitäres Privileg die Träume vom glamourösen Kosmopolitentum, von neuen mobilen Menschen in Cocktailkleidern mit Zigarettenspitze. Das ist lange her. 61 Jahre nach der Einführung der Economy-Klasse sind Flugpassagiere heute „Weichcargo“. Das Boarding eines Billigfliegers hat den Charme von Stückgutverschiffung. Alle raus, alle rein, hoch. Fliegen ist wie Straßenbahnfahren, nur schlimmer. Mit Statusmeilen ist auch niemand mehr zu beeindrucken – fast jeder ist Vielflieger. Bis zu 11 000 Flugzeuge bewegen sich täglich am deutschen Himmel. Der Flugverkehr explodiert, die Preise fallen. Die Preise fallen, der Flugverkehr explodiert. Ein Teufelskreis.

Höchststrafe: Mittelsitz

Die Frage, wie viele Menschen in einen Smart passen, haben kalifornische Cheerleader vor Jahren final beantwortet: Es sind 20. Bei der Frage dagegen, wie viele Menschen in eine Boeing 747 passen, ist weiterhin Luft nach oben. Der durchschnittliche Sitzabstand in der Economy-Class ist auf der Langstrecke von 86 (1955) auf 76 Zentimeter zusammengeschnurrt – parallel zur zunehmenden Adipositas des reisenden Normalverbrauchers. Die Höchststrafe ist der Mittelsitz. Die Folgen sind Stress, Streit, verschüttete Pastasoßen – und Menschen, die beim Aufstehen aussehen, als würden sie Haarknäuel hochwürgen. Elegante Zukunftsvisionen aus den Designlabors der Fluglinien versprechen Air-Lounges, Sofaecken, Flugzeugsitze aus dem 3-D-Drucker und schimmernde LED-Feuerwerke am Flugzeughimmel. Mit der Gegenwart hat das PR-Geklingel nichts zu tun. Aktuell fühlt man sich als Fluggast eher als geduldeter Dukatenesel – und beim Duty-Free-Parfümverkauf im Mittelgang wie auf einer Butterfahrt nach Helgoland. Danke, keine Heizdecke für mich.

Vor 20 Jahren waren 30 Prozent aller Reisen der Deutschen Flugreisen. Heute sind es 41 Prozent. Die Zahl der Passagiere an deutschen Airports hat sich in zwei Jahrzehnten fast verdoppelt – auf 122 Millionen pro Jahr. Der Mangel an Fluglotsen ist so schlimm, dass die Deutsche Flugsicherung Mitarbeitern, die freiwillig den Sommerurlaub verschieben, Prämien von bis zu 1800 Euro bietet – pro Tag. Das betrifft nicht nur Fernreisen. Allein die Lufthansa fliegt bis zu 14-mal täglich von Frankfurt nach München. Flugzeit: knapp 50 Minuten. Der CO2 -Ausstoß pro Passagier: 227,4 Kilogramm. Dieselbe Strecke mit dem ICE: 17 Kilogramm. Selbst zwischen München und Nürnberg gibt es eine dauerhafte Flugverbindung. Luftlinie: 170 Kilometer.

Verständlich also, dass die Fridays-for-Future-Bewegung den Flugverkehr als Klimakiller ausgemacht hat. Dabei sind Fluggesellschaften gar nicht die größten Umweltsünder des Planeten. Für 3 Prozent der menschengemachten Emissionen ist das Fliegen verantwortlich, der Straßenverkehr liegt bei 17 Prozent. Flugzeuge sind heute 40 Prozent leiser und sparsamer als vor 20 Jahren. Doch 3 Prozent genügen, um jährlich 6000 Qua­dratkilometer Eis in der Arktis schmelzen zu lassen, hat das Max-Planck-Institut errechnet. Stickoxide, Aerosole, Ruß, Kohlenmonoxid – es ist ein giftiger Mix, den Flugzeuge in großer Höhe verteilen. Das schwedische Schlagwort von der „Flygskam“, der Flugscham, ist in aller Munde. „Unter vielen jungen Leuten ist Fliegen erstmals negativ besetzt“, urteilt der Flugexperte und Autor Andreas Spaeth („Crashtest: Die verborgenen Risiken des Fliegens“). „Das könnte in einem Jahrzehnt ein großes Problem für die Airlines werden.“

Doch noch ändert sich am Verhalten wenig. Gewissensknick in der Airline-Statistik? Keine Spur. Ist Flugscham also eine Luftnummer? Bisher ist es ein Thema für Teenager, die ohnehin wenig fliegen, ein paar urbane Hipsterfamilien und zeitgeistnahe Lifestylemagazine. Außerhalb der Pop-Avantgarde und der bildungsbürgerlichen Ökosphäre aber fliegt die breite Masse munter weiter – gern billig, weit und oft. Und das gut verdienende, grün wählende Bildungsbürgertum, das sich so weltoffen gibt und sich seinen Kunsttrip nach Florenz oder sein Wochenende bei Freunden in Südfrankreich nicht nehmen lässt, bildet keine Ausnahme. Es ist eben einfacher, auf Plastikstrohhalme und Einwegtüten zu verzichten, als wie Greta Thunberg 65 Stunden mit dem Zug von Schweden in die Schweiz zu fahren. Finden alle im Prinzip richtig, macht aber kaum jemand nach.

Denn Fliegen ist billig. Sehr billig. Aber warum? Warum kostet ein Flugticket oft weniger als ein Bahnticket? Die Antwort ist: Weil es politisch gewollt ist. Der Staat verzichtet bei Auslandsflügen auf die Mehrwertsteuer, nicht aber beim Tanken und Bahnfahren. Eine Kerosinsteuer gibt es nicht, eine Mineralölsteuer sehr wohl. Kommunen umgarnen Fluggesellschaften mit Fördergeld und Gebührenbefreiung und halten aktiv selbst offenbar verkehrstechnisch weitgehend sinnlose Flughäfen wie Kassel-Calden am Leben, weil Flughäfen als Prestigeprojekte Städte attraktiv machen und Jobs, Touristen und Messen anlocken können. Wenn das Kalkül aufgeht.

Im Prinzip hat sich am Fliegen seit 50 Jahren wenig verändert. Das Prozedere ist weltweit normiert: Ticketkauf, Terminal suchen, Check-in, Bordkarte nehmen, Koffer abgeben, Sicherheitscheck, Gate, Abflug. Doch inzwischen scheinen alle Stellschrauben maximal angezogen. Die Infrastruktur ächzt und kracht.

Jeder Koffer kostet extra

Flugzeuge bringen nur Geld, wenn sie voll besetzt in der Luft sind. Das Prinzip der Fluggesellschaften: Sie alle werden zu Ryanair. Um die Tickets billig verschleudern zu können, streichen sie jeden Luxus und lassen sich jedes Käsebrötchen, jeden Zentimeter mehr Beinfreiheit und jedes Köfferchen extra bezahlen. Es ist die einzige Möglichkeit, im ruinösen Wettbewerb zu bestehen – auch gegen Golf-Airlines aus Arabien, die für Kerosin kaum bezahlen müssen. Einst spielte Ryanair-Chef Michael O‘Leary, der gescholtene und bewunderte Revoluzzer der Szene, mit dem Gedanken, seine Fluggäste selbst für den Toilettengang zur Kasse zu bitten. Austritt nur gegen Eintritt, quasi. Und Fliegen im Stehen? Warum denn nicht? Nichts ist undenkbar.

Nichts ist undenkbar: Passagiere beim Einstieg in eine Boeing 737-800 der Billigfluglinie Ryanair auf dem Flughafen Frankfurt-Hahn. Quelle: epd

In Stunden um die Welt zu reisen ist eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit. Der Flugverkehr hat den Planeten zum Dorf gemacht und Kulturen vermischt. Aber nur 3 Prozent der Menschheit sind im Jahr 2017 geflogen. Nur 18 Prozent saßen überhaupt schon mal in einem Flugzeug. Nicht auszudenken, was passiert, wenn das Fliegen auch nur für 20 Prozent der Weltbevölkerung zum Alltag würde wie in den Industrienationen. Ein Leben auf dem Komfortniveau europäischer Mittelschichtler wird global nicht funktionieren. Acht Milliarden potenzielle Flugpassagiere? Das Ökosystem des Planeten wäre schnell am Ende. Was also tun? Auf das Fliegen verzichten? Ein vorsätzlicher kultureller Umkehrschub für die Globalisierung? Das ist unrealistisch. Es gleicht dem Versuch, Pferdekutschen wieder populär zu machen. „Smygflyga“ heißt es in Schweden, wenn Menschen trotz eines zwickenden ökologischen Gewissens heimlich weiterfliegen.

Aussichtsreicher ist wohl der Versuch, das Fliegen anders zu organisieren: ökologischer und ökonomischer. Ideen gibt es viele. CO2-Steuer, Kerosinsteuer, Klimaprämie, gewissensberuhigende Ausgleichszahlungen – das sind die eher fiskalisch-autoritären Ansätze. Gleichzeitig investiert die Branche in die Erforschung von Biokerosin, will bis 2020 klimaneutral wachsen, bis 2050 ihren CO2-Ausstoß halbieren. Dass Elektroflugzeuge eine größere Rolle spielen könnten, ist unwahrscheinlich: Die Batterien sind schlicht zu schwer. Die holländische Fluggesellschaft KLM entwickelt derzeit ein V-förmiges Flugzeug, in dessen „Flügeln“ die Passagiere sitzen. Doch das ist Zukunftsmusik, ebenso wie Wasserstoff- oder Brennstoffzellenantrieb oder das Hybridflugzeug E-Fan X von Siemens, Airbus und Rolls Royce. Dabei soll eines der vier Triebwerke einer Avro RJ 100 durch ein elektrisches ersetzt werden. Der erste Testflug ist für 2021 geplant.

Boardingzeit radikal verkürzen durch Container-Prinzip

Immerhin gibt es futuristische Gedankenspiele, wie sich das Chaos am Flughafen minimieren ließe. Der Designer Morten Just hat einen revolutionären Plan entwickelt, um die Boardingzeit radikal zu verkürzen: Die Passagiere besteigen schon am Gate eine vollständige Innenkabine samt Sitzen und Gepäckfächern. Diese wird, sobald das Flugzeug gelandet ist, in die leere Flugzeughülle geschoben und fixiert. Zuvor werden die ankommenden Fluggäste samt Kabine in wenigen Minuten ausgeladen. Statt 45 Minuten stünde ein Flugzeug nur noch fünf Minuten am Gate. Es ist das Containerprinzip aus der Schifffahrt. Und der Fluggast würde endgültig zum Stückgut.

Parallel arbeiten die Fluggesellschaften an der sogenannten SPO. Die Abkürzung steht für Single Pilot Operation. „In ungefähr zehn Jahren“, sagte Airbus-Technikchefin Grazia Vittadini in einem Interview, würden Flüge nur noch mit einem Piloten stattfinden. Den Co-Piloten soll dann eine Software ersetzen. Das spart Geld.

Nur noch ein Pilot. Möglich, dass diese Idee dann tatsächlich Menschen wirksam davon abhält, ein Flugzeug zu besteigen.

Von Imre Grimm

Die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung einer 18-Jährigen hat nicht nur auf Mallorca für Entsetzen gesorgt. Am Montag kam es auf der Insel zu lautstarken Protesten.

08.07.2019

Wieder sorgt ein Hochzeitskorso für Chaos auf einer Autobahn, diesmal in Baden-Württemberg. Das hat Folgen.

08.07.2019

Es ist ein Realität gewordener Alptraum: In Bayern bricht ein Mann in ein Kinderzimmer ein, zieht ein schlafendes Mädchen aus und nimmt sexuelle Handlungen an sich selbst vor. In der Wohnung des Täters stellt die Polizei später zahlreiche Kinderbekleidung sicher.

08.07.2019