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Panorama So helfen Spezialisten bei der Aufklärung von Mordfällen
Nachrichten Panorama So helfen Spezialisten bei der Aufklärung von Mordfällen
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15:30 24.02.2019
Ein Gerichtsmediziner bei der Arbeit. Quelle: Axel Heimken/dpa
Hannover

Zwei am Tag, an manchen Tagen sogar drei, insgesamt 785. So viele Morde und Mordversuche zählt die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2017. Das heißt: 2017 schloss die Polizei 785 bekannt gewordene Mordfälle ab. Egal, ob diese im selben Jahr stattgefunden haben oder nicht. Egal, ob die Ermittlungen erfolgreich waren oder nicht.

Wobei die Erfolgsquote der Polizei bei Mordfällen deutlich höher ist als bei anderen Verbrechen. Unter anderem deshalb, weil die meisten Mörder aus dem engsten Vertrautenkreis der Opfer stammen. Allein 2017 starben 147 Frauen, weil sie zu Hause von ihren (Ex-)Partnern misshandelt wurden.

Wie bei fast allen Verbrechen ist bei Mord der Großteil der Täter männlich. Und zwar in knapp neun von zehn Fällen. Aber: Wenn Frauen töten, dann werden sie überproportional häufig wegen Mordes verurteilt. Denn sie töten anders und aus anderen Beweggründen als Männer.

Männer handeln eher im Affekt

Untersucht und aufgeschrieben hat das der Frankfurter Kriminalhauptkommissar und Sachbuchautor Stephan Harbort. Ihm zufolge töteten Frauen ihrer körperlichen Unterlegenheit wegen häufiger planvoll und im häuslichen Milieu, was dann im Gericht als Heimtücke gewertet wird, während Männer häufiger unmittelbar handelten, „im Affekt“ also – beispielsweise wenn ein Streit eskaliert.

In den 785 polizeilich abgeschlossenen Mordfällen ermittelte die Polizei 2017 gegen 823 mutmaßliche Verdächtige. In den meisten dieser Fälle genügten die üblichen Polizeimethoden, um die Verdächtigen ausfindig zu machen. Schließlich verfügt jede Mordkommission über eine ganze Bandbreite von Experten, technischen Hilfsmitteln und Verfahren.

Eine Große Mordkommission kann aus 20 Ermittlern bestehen – also deutlich mehr Beteiligten, als Sonntag für Sonntag im „Tatort“ zu sehen sind. Zur Kommission gehören unter anderem die Männer und Frauen von der Spurensicherung, die Kriminalbeamten, die noch am Tatort Zeugen befragen oder von Haus zu Haus gehen, um möglichst viele Puzzleteile zusammenzutragen.

Bei Mord gibt es kein Schema F

Manchmal jedoch kommt auch eine noch so große Kommission nicht weiter. Schlicht, weil der Fall zu kompliziert ist. Dann braucht es Spezialisten, die noch spezialisierter sind als etwa die Rechtsmediziner und Pathologen in der ZDF-Krimiserie „Die Spezialisten“. Denn ein Schema F gibt es bei Mord nicht.

Wir haben drei dieser Experten getroffen und mit ihnen über ihre Arbeit gesprochen. Die Fallanalytikerin S. beispielsweise erstellt Täterprofile, wenn ihre Kollegen keine Verdächtigen findet, und erstellt Verhörkonzepte, wenn Verdächtige nicht gestehen, obwohl alle Indizien gegen sie sprechen.

Den Entomologen Jens Amendt hingegen bittet die Polizei um Hilfe, wenn die Rechtsmedizin den Todeszeitpunkt einer Leiche nicht mehr bestimmen kann. Und Petra Paulicks Cybercrime Competence Center im Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt versucht, mit der immer schneller steigenden Internetkriminalität Schritt zu halten.

* Soweit gewünscht, wurde die Identität des Interviewpartners anonymisiert. Auch bei der Wiedergabe einzelner Fälle wurden sämtliche Details, die Rückschlüsse auf bestimmte Personen zulassen, entfernt.

Der Fliegenleser

Jens Amendt, forensischer Entomologe in der Rechtsmedizin der Universität Frankfurt, bestimmt mit Larven den Todeszeitpunkt von Mordopfern. Quelle: Frank May/dpa

Ekel? Ekel vor Maden und Fliegen, die sich auf einem Leichnam ausbreiten, kennt Jens Amendt nicht. Nur Faszination. Die Schmeißfliegen sollen ihm verraten, was mit dem Jungen geschah. Vor vier Monaten haben seine Eltern ihn vermisst gemeldet, jetzt hat die Polizei seine Leiche gefunden. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Starb der Junge unmittelbar nach seinem Verschwinden – oder wurde er über Wochen misshandelt?

Die Polizei hat Jens Amendt zu Hilfe gerufen. Der Biologe hat über Insekten promoviert, ist fasziniert von ihrer Anpassungsfähigkeit – und ihren ungenutzten kriminologischen Einsatzmöglichkeiten. Auf einer Fachtagung hatte er einst von ihnen gehört: In Italien arbeitete die Forensik bereits mit Fliegen, in den USA ebenso, sogar in der DDR. In Westdeutschland dagegen: Fehlanzeige.

„Weil meine Insektenkunde bis dahin sehr theoretisch war, wollte ich mal was Praktisches ausprobieren und habe das einfach angeboten.“ Das Bundeskriminalamt hatte Interesse, auch der Leiter der Frankfurter Rechtsmedizin ließ sich von dem neuen Ansatz überzeugen. Er finanzierte Amendt eine Stelle – im Tausch gegen seinen Namen als akademisches Aushängeschild.

Schmeißfliegen sind die ersten Insekten, die sich auf einer Leiche niederlassen“

Fast 20 Jahre später gilt Amendt als Meister seines Fachs. Immer dann ruft die Polizei ihn hinzu, wenn übliche Verfahren zur Todeszeitbestimmung einer Leiche nicht ausreichen. 30 bis 40 Leichen mit Insektenbefall aus dem ganzen Bundesgebiet untersucht die Rechtsmedizin Frankfurt jährlich. Die Standardmittel der Rechtsmedizin taugen in der Regel nur für eine Bestimmung ein bis zwei Tage nach Eintreten des Todes.

Wird eine Leiche erst danach gefunden, greifen die Ermittlungsbehörden auf Amendts Fliegen zurück. „Denn die Schmeißfliegen sind die ersten Insekten, die sich auf einer Leiche niederlassen“, sagt Amendt. „Angelockt vom Geruch. Dieser ändert sich sofort nach dem Tod.“

Schon nach kurzer Zeit legen die Fliegen Hunderte Eier auf der Leiche ab; ein bis zwei Tage später schlüpfen Maden aus ihnen. Sie fressen und fressen, tagelang. Zweimal häuten sie sich, bis sie groß und stark genug für die Verwandlung sind. Dann suchen sie sich einen Ort abseits des Körpers, geschützt vor Wetter und Fressfeinden, um sich zu verpuppen. Eingehüllt in ihre Chitinhülle wandeln sich die Maden dann über Tage zu Fliegen.

Jede Art hat ihr eigenes Tempo

Der Prozess läuft nicht immer nach denselben Regeln ab – Amendt muss die Stadien richtig lesen, um zu wissen, wie lange eine Leiche mindestens am Fundort lag. Er prüft, wie weit sich die ältesten Maden oder Puppen auf der Leiche entwickelt haben. Taggenau kann er bestimmen, wann die Fliegen ihre ersten Eier ablegten.

Das aber ist kompliziert, denn Fliegen sind wechselwarm. Je nach Temperatur durchlaufen sie den Prozess vom Ei zur Fliege schneller oder langsamer. Zwei bis vier Wochen dauert das Prozedere in der Regel. Bei extremer Hitze ist die Entwicklung innerhalb von acht bis zehn Tagen möglich. Für eine genaue Bestimmung der Liegezeit einer Leiche muss Amendt also wissen, wie warm der Ort war, an dem sie liegt.

Zudem gibt es rund 1000 bekannte Schmeißfliegenarten, von denen etwa 45 in Deutschland leben. Jede Art hat ihr eigenes Tempo. Keine Untersuchung ist deshalb wie die andere. Kommt Amendt an einen Tatort, tötet er den einen Teil der gefundenen Maden und Puppen ab und konserviert ihn – den anderen lässt er im Labor bis zur Fliege heranwachsen. Wie viele Tage brauchen sie dafür?

„Was uns wirklich weiterhelfen würde, wäre eine Art Body Farm“

Amendt führt in ein kleines Häuschen im Garten der Frankfurter Rechtsmedizin. In einem Regal lagern darin nebeneinander Dutzende Ikea-Drahtmülleimer, auf die er Damenstrumpfhosen gespannt hat. „Das ist ein bisschen improvisiert“, lacht Amendt, „aber es funktioniert. Riechen Sie den etwas fauligen Gestank? Das ist das Fleisch dort in den Eimern. Darauf wachsen die Maden.“ Die Maden lagert Amendt dann in einem Zuchtschrank, dessen Temperatur er genau festlegen kann. Für jede Fliegenart lässt sich dadurch bestimmen, wie lange sie bei einer bestimmten Temperatur vom Ei zur Fliege braucht.

Ähnliches testet Amendt draußen im Garten. Dort liegt eine tote Ratte in einem Hamsterkäfig, drum herum schwirren Fliegen und Käfer. „Diese Beobachtung können wir ebenfalls gebrauchen“, sagt Amendt. „Aber was uns wirklich weiterhelfen würde, wäre eine Art Body Farm. Ein Ort, an dem wir unter verschiedenen realen Bedingungen untersuchen könnten, wie sich Leichen verändern und die Insekten darauf sich über die Zeit entwickeln.“

Die Faktoren zur Bestimmung des Todeszeitpunkts sind zahlreich

Staatliche Auflagen und ethische Bedenken machen die Umsetzung eines solchen Projektes praktisch unmöglich. Für Forensiker wie Amendt wäre der Wissenszuwachs aber immens. Denn die Faktoren, die die Bestimmung des Todeszeitpunkts erschweren, sind zahlreich – der unmittelbare Kontakt der Fliegen zur Leiche, die Umweltbedingungen am Liegeplatz, extreme Wetterbedingungen.

Amendt ist es im Fall des entführten Jungen trotzdem gelungen, den Todeszeitpunkt ziemlich präzise zu bestimmen. Obwohl seine Leiche schon seit Monaten am Fundort lag. Eine ganz spezielle Fliegenart hatte auf der Leiche des Jungen ihren Entwicklungszyklus komplett abgeschlossen. Maden dieser Art fallen unterhalb einer bestimmten Temperatur bis April in eine Winterstarre.

Amendt fand jedoch nur leere Puppenhüllen unter dem toten Körper des Jungen. Die Mutterfliege hatte ihren Nachwuchs nur bis Anfang September ablegen können – und Anfang September fand die Entführung statt. Für die Ermittler stand nun fest: Wenigstens hat der Junge keine wochenlangen Misshandlungen erlitten.

Die Datenfischerin

„Was, wenn bald Software zur Kontrolle von Herzschrittmachern bereitsteht?“: Die Kriminalisten der Zukunft wie Petra Paulick, Leiterin des Cybercrime Competence Center des Landeskriminalamts Sachsen-Anhalt, kennen die Tiefen des Internets – über alle Grenzen hinweg. Quelle: Mads Claus Rasmussen/Imago

Sie kommen am Morgen, wenn der Verdächtige noch zu Hause ist. Dann klingeln sie, zeigen ihren Durchsuchungsbeschluss und nehmen die Arbeit auf: Auf Festplatten und USB-Sticks haben es die Polizisten dann abgesehen, auf Kameras und Mikrochips, Aufnahmegeräte und Handys. Alles, worauf sich Informationen speichern lassen.

In Sachsen-Anhalt landen alle diese Datenträger später in der Abteilung von Petra Paulick. Sie leitet das Cybercrime Competence Center (4C) im Landeskriminalamt (LKA) Sachsen-Anhalt. Sie ist so etwas wie die Kriminalistin der Zukunft. Die Ermittler durchforsten die Chats von Verdächtigen, analysieren Festplatten und Handys, belauschen Telefonate.

„So etwas braucht es“, sagt Paulick, „denn das digitale Verbrechen ersetzt nach und nach klassische Vergehen.“ Warum noch einen Bankenchef entführen, wenn im Internet die viel größere Beute steckt – und die Anonymität nur schwer zu knacken ist?

Der neue Marktplatz des Illegalen

Im Interview wägt Petra Paulick, schulterlange Haare, Mitte 40, jedes ihrer Worte ab, bevor sie es ausspricht. Sie erzählt vom Internet als dem neuen Marktplatz des Illegalen; dass sich dort sogar Morde kaufen lassen; davon, dass derzeit Schadprogramme en vogue sind, die sämtliche Dateien der Opfer verschlüsseln und eine Decodierung nur gegen Geld herausrücken.

Worüber sie hingegen nichts erzählt, sind die Arbeitsweisen des 4C. Die meisten Fälle sind Geheimsache, die Vorgehensweisen auch, welche Möglichkeiten ihre Analyseprogramme mittlerweile besitzen sowieso. Die Täter sollen nicht wissen, wozu das LKA in der Lage ist.

Auch bei einem Besuch lässt sich das unmöglich feststellen. So führt der Weg zum Interviewraum entlang einer Abteilung, die gewöhnlicher kaum aussehen könnte: weiße, einzelne Bürotüren, grüner Rahmen. Kein Raum mit 18 gleichzeitig blinkenden Monitoren wie in US-Krimiserien, keine Supercomputer, kein abgedunkeltes Gemeinschaftsbüro, in dem Dutzende IT-Cracks sich, mit Energiedrinks betankt, die Finger wundtippen.

Internetkriminalität hält sich nicht an Grenzen

Männlich und jünger als 50 sind die meisten Täter, mit denen Paulick und ihr Team es zu tun haben. Die Ermittlungen sind kompliziert – der Technologie und der Zuständigkeiten wegen. Denn die Struktur der Internetkriminalität hält sich nicht an die föderalen Grenzen der Bundesrepublik. Täter können irgendwo in Deutschland oder im Ausland sitzen. Das führt zu einem Hin und Her der Ämter.

Auch die amerikanischen Tech-Giganten erschweren die Arbeit: „Rufen Sie mal bei Whatsapp an und sagen, Sie kommen vom LKA Sachsen-Anhalt. Das interessiert die reichlich wenig“, sagt Paulick. Und schließlich wächst mit jedem Digitalisierungsfortschritt die Möglichkeit, ihn kriminell auszunutzen. „Was, wenn bald Software zur Kontrolle von Herzschrittmachern bereitsteht? Oder zur Kontrolle selbstfahrender Autos? Was, wenn sie ferngesteuert werden können, wenn nicht ein Lösegeld gezahlt wird?“

„Wir müssen unseren Mitarbeitern vertrauen können“

Das 4C versucht dagegenzuhalten. 57 Experten arbeiten hier, die meisten Polizisten, einige Wissenschaftler. Immer wieder treffen sie sich in Experten- und Abstimmungsrunden mit anderen Kriminalämtern, um sich über neue Methoden auszutauschen. Das Rekrutieren von professionellen Hackern kommt hingegen nicht infrage. „Wir müssen unseren Mitarbeitern vertrauen können“, sagt Paulick. „Das funktioniert nicht, wenn wir Personen mit kriminellen Neigungen einstellen.“

Und selbst wenn Kriminalämter doch Hacker einstellen würden: Mittlerweile sind die Verschlüsselungs- und Anonymisierungstechniken so weit fortgeschritten, dass selbst die besten Coder nicht gegen sie ankommen. „Die größten Chancen haben wir, wie beim klassischen Verbrechen, daher noch immer, wenn ein Täter einen Fehler macht“, sagt Paulick.

Wie der Erpresser, der mit Bombendrohungen Angst schürte: Um Geld zu erpressen, drohte er Banken und Altersheimen in Sachsen-Anhalt mit einem Anschlag. Die Ermittler fanden keine Spur zu ihm. Bis er sich eines Nachts unverschlüsselt auf einer Mailplattform einloggte. Keinen Tag später stand das LKA vor seiner Tür.

Die Analytikerin

Am Anfang steht die Akte: Welche Hinweise auf ein Täterprofil sind darin versteckt? Fallanalytiker wie Frau S., Leiterin der Operativen Fallanalyse des Landeskriminalamts Thüringen, denken sich in die Welt des Mörders hinein. Quelle: Rolf Kremming/Imago

Meistens geht es schnell. Der Mörder, sagt Frau S. in der um Neutralität bemühten Sprache der Polizei, stamme meist „aus dem sozialen Nahraum des Opfers“. Bis zu seiner Ergreifung vergehen kaum vier Wochen. Routine, Erfahrung führen zum Erfolg. Und wenn es nichts gibt? Nicht den kleinsten Hinweis auf eine Beziehung zwischen Opfer und Täter? Dann klingelt das Telefon von Frau S.

An diesem einen Tag, schon einige Jahre her, sind zwei Kommissare am Hörer. Ein Altfall lässt ihnen keine Ruhe. Eine Tote, gefunden im Wald, erst Wochen nach ihrer Ermordung. Die Ermittlungen zogen sich über Jahre. Dutzende Hinweise gab es, sogar einen Verdächtigen. Doch es reichte nicht, um den Verdächtigen zu überführen – einen jungen Mann, mehrfach vorbestraft wegen Vergewaltigung. Eine Frau hatte er getötet.

Als die Kommissare Frau S. anrufen, sitzt der Mann im Gefängnis. In einigen Monaten jedoch soll er freikommen. Das wollen die Kommissare verhindern. Denn wenn stimmt, was sie vermuten, geht große Gefahr von ihm aus.

Je durchmischter das Team, desto besser

Deshalb also wenden sie sich an Frau S. Sie leitet die Operative Fallanalyse des Landeskriminalamts (LKA) Thüringen. Jedes LKA hat eine solche Einheit. In Thüringen bewertet sie Bedrohungs- und Gefährdungslagen sowie Erpressungen und Geiselnahmen, vor allem jedoch nimmt sie sich Fälle vor, an denen andere verzweifeln. Meistens geht es um Mord.

Zu Beginn der Arbeit stellt Frau S. ein Team zusammen, das umso besser ist, je durchmischter es ist. Sie holt Männer und Frauen, Junge und Alte, Konservative und Liberale an einen Tisch. „Denn was zählt“, sagt S., „ist ein hohes Maß an Objektivität im Team und die Fähigkeit, sich in den Täter hineinversetzen zu können. Je mehr Perspektiven, desto besser.

Es braucht Kreativität, um Entscheidungen des Täters im Tatablauf rekonstruieren und daraus Schlüsse für die Ermittlungstaktik ziehen zu können. Man versucht also, die destruktive Gedankenwelt der Täter nachzuvollziehen.“ Den meisten Menschen bleibe diese Welt verborgen, sagt S., „zum Glück“.

Kein Verbrechen geschieht gänzlich ohne Motiv

Das Team analysiert zunächst Akten. Welche Informationen sind belastbar? Was sagt die Kriminaltechnik? Was die Rechtsmedizin? Wie sieht der Tatort aus? Wie der zeitliche Ablauf? Es gibt Computerprogramme, die so etwas können, aber um die relevanten Verbindungen zwischen all den Daten zu knüpfen, braucht es kriminalistisches Gespür und Gedächtnis.

Hunderte Male gehen die Ermittler Bilder von Tatort, Spuren und Opfer durch. „Manche tauchen so sehr in die Tatortszenerie ein“, sagt S., „dass, wenn sie die Augen schließen, sie genau wissen, was sich im imaginären Raum an welcher Stelle befinden würde. Wissen, wo welches Beweisstück liegt und wie groß die Distanzen zwischen diesen Gegenständen sind.“

Anschließend rekonstruieren S. und ihr Team ein Opferbild. Denn kein Verbrechen geschieht gänzlich ohne Motiv. Wer war der Tote? Wer waren seine Freunde, wer seine Feinde? Welche Verbindungen hatte er zu wem? Und vor allem: Welche Zeugen könnten die Lücken füllen? Die werden ein zweites Mal zum Verhör geladen; das Team rekonstruiert zuerst das Bild des Opfers, dann sämtliche Informationen zum Ablauf der Tat.

Fakten sammeln für neue Verhörmuster

So geschieht es auch im Fall der Thüringer Waldleiche. Fünf Frauen hat der Verdächtige bereits vergewaltigt, einer Frau hat er dabei das Leben genommen. Bei den Vernehmungen erkennen die Beamten ein Muster: Der Verdächtige ist während der Tat offensichtlich seinen Trieben unterworfen. Während viele Vergewaltiger ihre Opfer weit weg fahren, damit niemand etwas mitbekommt, vergewaltigt der Verdächtige seine Opfer stets an Ort und Stelle.

Er hat keine auffälligen Fetische, verspürt keine Freude am Leid anderer. Seine Taten bringt er in wenigen Minuten hinter sich. Alle seine Opfer sind weiblich, reif und zierlich, alle hatten zuvor flüchtigen Kontakt zum Täter. Ihre Freundlichkeit missdeutet er als Zeichen der Einwilligung zum Sex. Bei der Vergewaltigung wendet er nur so viel Gewalt an wie unbedingt notwendig. Ist das Opfer ruhig, verletzt er es nicht zusätzlich. Die Frau aber, die er umbrachte, hatte um Hilfe geschrien. Hat auch die Tote im Wald geschrien?

Mit all den Informationen entwickeln die „Profiler“ ein recht präzises Bild des Täters. Je mehr harte Fakten dieses enthält, desto besser. Harte Informationen sind solche, die sich in Datenbanken recherchieren oder überprüfen lassen. Das Alter des Täters zum Beispiel. Der Radius, in dem er sich bewegt. Die Regelmäßigkeiten seines Handelns. Weiche Informationen spielen in den Befragungen eine große Rolle: Hat der Täter ein Problem mit Autoritäten? Hatte er eine traumatische Kindheit? Und wie lässt sich aus all dem ein neues Ermittlungs- und Verhörmuster ableiten?

Die Erfolgsquote ist hoch, aber die Personaldecke zu dünn

„Wir sind nicht besser als die Ermittler vor Ort“, sagt S., „aber wir sind hoffentlich objektiver. Wir haben nicht Dutzende Vernehmungen mit den Hauptzeugen geführt, sind nicht festgefahren und emotional verwurzelt. Das ist Gold wert, immer. Es ermöglicht ein systematischeres Vorgehen. Und eines, das weniger Ablenkungen unterworfen ist als der Alltag der Kommissare.“

So bewerten S. und ihr Team auch im Fall der Waldleiche Spuren neu, rekonstruieren die Tat und ein Täterprofil und stricken daraus eine Verhörtaktik, die den Verdächtigen nach wenigen Stunden zum Reden bringt. Die Erfolgsquote der Fallanalytiker ist hoch, aber die Personaldecke zu dünn, um alle Fälle annehmen zu können. Und: Manchmal laufen auch die Fallanalytiker ins Leere. „Das anzunehmen“, sagt S., „braucht seine Zeit. Aber irgendwann musst du das.“

Mord – oder Totschlag?

Akten zum Prozeß den Ex-Krankenpfleger Niels H. liegen im Gerichtssaal. Weil 87 seiner mehr als 100 Morde erst 2017 aufgeklärt wurden, zählt die Statistik sie erst jetzt. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Nicht Berlin, nicht Hessen (mit seiner Kriminalitätsmetropole Frankfurt), nicht Nordrhein-Westfalen. Laut Statistik ist das vergleichsweise dünn besiedelte Niedersachsen für Leib und Leben das gefährlichste Bundesland: 163 vollendete Tötungsdelikte, davon 111 Morde, zählte die Polizei hier 2017. Klingt unglaublich? Ist es auch.

Denn die Zahl ist irreführend. Denn sie enthält 87 Morde, die bereits Jahre zuvor stattgefunden haben, ausgeführt von Krankenpfleger Niels H. in Oldenburg und Delmenhorst. Weil jedoch 87 seiner mehr als 100 Morde erst 2017 aufgeklärt wurden, zählt die Statistik sie erst jetzt. Niedersachsen ist also doch recht friedlich. Den tatsächlichen ersten Rang belegt weiterhin das einwohnerreiche Nordrhein-Westfalen (93 vollendete Tötungsdelikte), gefolgt von Baden-Württemberg (79).

Dabei sind längst nicht alle Tötungsdelikte Morde. So teilt sich die Zahl der vollendeten Tötungsdelikte 2017 in 342 Morde und 315 Totschläge beziehungsweise Tötungen auf Verlangen. Was ist der Unterschied?

Paragraf 211 des Strafgesetzbuches definiert Mord so: Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet. Totschläger ist, wer einen Menschen tötet, ohne diese Kriterien zu erfüllen.

Von Julius Heinrichs

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