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Panorama Das selbst gebaute Risiko
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21:21 08.04.2009
Verwüstung und Tote nach einem Erdbeben in L'Aquila. Quelle: Filippo MONTEFORTE/AFP
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„Schreiben Sie, was der größte Skandal ist“, hat Serafino Martini gesagt, der Ingenieur in L'Aquila, der sein Haus verloren hat. „Da haben sie uns erst vor neun Jahren ein ganz neues Krankenhaus hingestellt, supermodern, aus Stahlbeton, ganz flach gebaut und damit angeblich erdbebensicher. Und jetzt, da man es am dringendsten bräuchte, das Einzige in der ganzen Stadt, da haben sie es evakuieren müssen, weil es bei den Erdstößen baufällig geworden ist.“

Martini hat recht. Das Spital zum „Heiligen Erlöser“, das zuletzt mit 350 Patienten belegt war, ist unbrauchbar geworden. Der Staatsanwalt nimmt sich der Sache bereits an. Es besteht der Verdacht, dass beim Bau in einer für ihr Erdbebenrisiko bekannten Zone geschlampt worden ist, dass die Firmen – wie aus ähnlichen Fällen bekannt – aus Profitgründen minderwertigen Beton eingesetzt haben. Oder dass, so überlegen Experten, die sich mit der staatlichen Ausschreibungspraxis beschäftigen, wieder einmal ganz mechanisch der billigste Anbieter den Zuschlag erhalten hat.

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Die Fragen, die sich in L'Aquila nun für das Spital stellen, gelten genauso für das nur wenig ältere Studentenwohnheim, in dem etliche junge Leute umgekommen sind. Dass von genereller Schlamperei aber keine Rede sein kann, das beweisen nicht nur die völlig intakten Polizeikasernen, sondern auch die zahlreichen modernen Wohnblocks auf den Hügeln am Stadtrand. Gewiss sind viele jetzt evakuiert, bis ihre Statik überprüft ist – schließlich „bewegen“ oder setzen sich auch erdbebensichere Bauten –, aber eingestürzt ist keines. Genauso wenig zusammengebrochen sind die weitläufigen Industriebaracken und die Einkaufszentren, die die Hochebene um L'Aquila verschandeln.

Andere Kriterien gelten im historischen Stadtzentrum von L'Aquila, das Bauten von der Renaissance über den Faschismus bis hin zu den siebziger Jahren vereint. Hier ist alles schwer beschädigt, am symbolträchtigsten die öffentlichen Gebäude: die Präfektur vor allem, also die Vertretung der Staatsgewalt, und sinnigerweise auch die kommunale Behörde für Stadtplanung. Am stabilsten sehen noch die Protzbauten von „Duce“ Mussolini aus.

Als diese alten Gebäude entstanden, gab es keine Vorschriften für erdbebensicheres Bauen, auch fehlte das Know-how. Und, was Zivilschützer immer wieder sagen: Je länger eine Katastrophe zurückliegt, umso mehr schwindet das „kollektive Gedächtnis“ und mit ihm die Vorsicht des gesunden Menschenverstandes. Das letzte Großbeben in L'Aquila hat 1703 stattgefunden.

Auch in den Bergdörfern sind in erster Linie die Bauernhäuser zusammengebrochen, die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen. Damals waren die Abruzzen die ärmste Region Italiens; zum Bauen wurde verwendet, was in Überfülle kostenlos herumlag, Bruchsteine. Dass nach dem kleinen Beben von 1985 solche Häuser mit staatlichen Fonds genauso wieder aufgebaut wurden, wie sie waren – teils aus Eile, teils aus Gründen des Denkmalschutzes – ist eine tragische Seite der Geschichte, ganz besonders für das komplett zerstörte Dorf Onna.

Eine Wende versprach sich Italien nach dem Einsturz einer Grundschule in Apulien am 31. Oktober 2002. Geschockt durch den Tod von 26 Kindern und drei Lehrerinnen ging die Regierung Berlusconi entschlossen voran. Sie gab nicht nur eine geologische Risikokarte für ganz Italien in Auftrag, sondern erließ auch klare Richtlinien für erdbebensicheres Bauen. Deren Inkrafttreten indes ist immer wieder verschoben worden – zuletzt Ende Februar auf Juni 2010.

Allein für neue öffentliche Gebäude gelten die Richtlinien seit März 2008. Die flächendeckende Sicherung bestehender Bauten ist aber nicht vorgesehen. Experten sagen, gerade bei alten Steinbauten wie Kirchen oder Präfekturen à la L'Aquila – von all dem hat Italien eine Unmenge – wäre dergleichen gar nicht bezahlbar.

Ein typisch italienisches Problem sind die privaten Schwarzbauten im ganzen Land. Sie entziehen sich jeder statischen und sicherheitstechnischen Prüfung. Oft entstehen sie – wie an der Meerenge von Messina oder an den Hängen des Vesuv – ausgerechnet in den gefährlichsten Zonen Italiens. Etliche staatliche Amnestien haben lediglich dazu geführt, dass die Bausünder (längst nicht alle) ein Bußgeld an den Fiskus abführten. Die Häuser selbst durften bleiben.

Derzeit plant die Regierung Berlusconi – zur Förderung der Bauwirtschaft in Zeiten der Krise –, das genehmigungsfreie Aufstocken bestehender Häuser auch noch zu legalisieren. Man könnte aber, meinte ein Minister nach der Katastrophe von L'Aquila mit einem Anflug von Zweifel, die Bauerei zumindest an einen Nachweis der Erdbebensicherheit binden.

In L'Aquila selbst gehen jetzt noch andere Bedenken um: Bisher waren die Abruzzen von Aktivitäten der Mafia verschont. Der lukrative Wiederaufbau aber könnte gerade die Camorra aus der benachbarten Region Kampanien anlocken. Dass die Qualität von Architektur und Beton damit steigen würde, ist nicht zu erwarten. Im Gegenteil.

von Paul Kreiner