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Nachrichten Panorama ADAC will Tachofälschern das Handwerk legen
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11:18 20.04.2012
Jeder dritte Gebrauchtwagen hierzulande sei mit einem gefälschten Kilometerstand unterwegs, schätzt der Autoclub
Jeder dritte Gebrauchtwagen hierzulande sei mit einem gefälschten Kilometerstand unterwegs, schätzt der Autoclub. Quelle: dpa
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München

Es dauert kaum eine Minute, ein Tastendruck reicht, schon blinkt auf dem Display der neue Kilometerstand - und das Auto kostet ein paar Hundert oder Tausend Euro mehr. Tachomanipulation sorgt nach Angaben des ADAC in Deutschland jährlich für Milliardenschäden. Ob die Masche für Autofahrer gefährlich werden kann, vermögen auch Experten bislang nicht abzuschätzen.

Jeder dritte Gebrauchtwagen hierzulande sei mit einem gefälschten Kilometerstand unterwegs, schätzt der Autoclub und beruft sich dabei auf Erhebungen der Polizei. Der Schaden liege bei sechs Milliarden Euro, sagte ADAC-Präsident Peter Meyer am Donnerstag in München. „Damit kann man eine Menge vernünftiger Dinge anfangen. Zum Beispiel ein Jahr lang das komplette deutsche Fernstraßennetz unterhalten.“

Andere Experten bezweifeln diese hohen Zahlen allerdings. Bei Überprüfungen der Münchner Staatsanwaltschaft etwa waren nicht einmal 25 Prozent von rund 1700 Fahrzeugen manipuliert, bei denen schon ein Verdacht bestand, wie Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch sagt.

Der Schaden habe hier pro Wagen zwar - wie vom ADAC genannt - bei 3000 Euro gelegen. Es sei aber durchweg um sehr hochwertige Fahrzeuge gegangen. Am Freitag beginnt vor dem Landgericht der erste in einer Reihe von Prozessen um Tachoschwindel. Ausgerechnet ein Kfz-Sachverständiger und Händler soll mehr als 50 Tachos manipuliert und zudem unrichtige Gutachter erstattet haben. Die Münchner Justiz ermittelt gegen 90 weitere Beschuldigte, rund 60 Prozent von ihnen sind gewerbsmäßige Gebrauchtwagenhändler.

Die Fälschungen treffen meist ausgerechnet die Menschen, die sich kein neues Auto leisten könnten. Saftige Summen können dazukommen, wenn etwa bei bestimmten Kilometerständen nötige Wartungen wie ein Zahnriemenwechsel nicht eingehalten werden. Doch dass ein Schaden auf einen manipulierten Tacho zurückgeht, lässt sich meist nicht nachweisen. ADAC-Präsident Meyer: „Tachomanipulation hinterlässt keine Spuren.“ Sie kann allenfalls durch Belege, Einträge im Serviceheft oder Quittungen auffliegen.

Der Eingriff in die Fahrzeugelektronik könnte laut Staatsanwaltschaft auch zum Ausfall sicherheitsrelevanter Bauteile wie Antiblockiersystem (ABS) oder elektronische Stabilitätskontrolle (ESP) führen. Der Leiter des Technik-Zentrums Landsberg am Lech, Reinhard Kolke, warnt: „Es geht nicht um einen stotternden Motor. Da geht es wirklich um eine Gefahr für Leib und Leben.“ Allerdings haben bisher weder ADAC noch Ermittler Unfälle aufgrund manipulierter Tachos nachweisen können.

Während früher die Tachowelle etwa per Bohrmaschine zurückgedreht wurde, kann heute der Kilometerstand über eine Buchse manipuliert werden, über sonst die digitale Wartungsgeräte Fehler am Wagen schnell finden. Das Gerät wird eingesteckt, der gewünschte Tachostand eingegeben und ok gedrückt. „Es ist einfach so verlockend: Ein paar Sekunden und das Auto ist nicht 8000, sondern 10.000 Euro wert“, sagt der Leiter der Juristischen Zentrale des ADAC, Ulrich May. Oft kämen auch Fahrer von Leasingfahrzeugen auf den Dreh - denn manches Schnäppchen erlaubt nur bestimmte Kilometerzahlen.

Laut ADAC werben die Fälscher dreist für ihre Dienstleistung. „Wir haben den Dreh raus“, heißt es da etwa bei einem vom ADAC gezeigten Angebot zur „Programmierung und Justierung“ des Tachos. Den verbildlichen Festpreis erhalte man garantiert „völlig diskret, unverbindlich und kostenlos“.

Auch die Politik ist hellhörig geworden. Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) fordert höhere Strafen. „Tachomanipulationen sind keine Bagatelle“. Sie verlangt eine Erhöhung der Strafe von derzeit maximal einem Jahr auf mindestens drei Jahre bei gewerbsmäßiger Manipulation; der ADAC verlangt sogar bis zu fünf Jahren.

Die Autohersteller müssten die Manipulation verhindern, fordert der Autoclub. Es koste nur ein paar Euro mehr, die Tachos gegen Manipulation zu sichern. Die Möglichkeiten gebe es längst, so Kolke. „Den fälschungssicheren Chip, der nicht überschreiben werden kann, gibt es schon.“

Nach Angaben von Autobauer BMW sind die Tachos ab Baujahr 2000 nicht manipulierbar, ohne zumindest Spuren zu hinterlassen. Das Thema sei aber nicht abgeschlossen. „Je findiger die Leute mit krimineller Energie werden, desto mehr müssen wir versuchen, dagegen zu halten“, sagt BMW-Sprecherin Michaela Wiese.

dpa

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