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Medien & TV Zorn auf Zeitungen: Warum Rezo in seinem neuen Video überreißt
Nachrichten Medien & TV Zorn auf Zeitungen: Warum Rezo in seinem neuen Video überreißt
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16:26 20.08.2019
„Ich dachte, das ist ausgestorben“: Youtuber Rezo rechnet zu Gast bei den „SpaceFrogs“ vor allem mit Boulevardmedien ab. Quelle: dpa/privat
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Hannover

Es ist ein echter Kulturschock. Gedrucktes Papier! Das tägliche Fernsehprogramm als Liste! Eine Zeitung mit anfassbaren Seiten! Da sitzt Rezo, blättert und staunt. „Das Fernsehprogramm ist da drin?? Das ist zu krass!“, sagt er. Er wirkt wie ein Urzeitforscher, der in einem sumpfigen Loch in Südfrankreich frische Höhlenmalereien entdeckt hat und jetzt die Sensation wittert: Steinzeitmenschen – sie leben noch! Potztausend. Eine Zeitung. „Wer kauft das?“, fragt er.

Er hat es wieder getan. Rezo, der Zerstörer. Nach seiner vielbeachteten Aufwallung über den Berliner Politbetrieb unter besonderer Berücksichtigung der CDU kurz vor der Europawahl hat sich der Youtuber nun die Printwelt vorgenommen. Als Gast im Youtubekanal der Netzsatiriker „Space Frogs“ blättert er 14 Minuten lang durch deutsche Boulevardzeitungen. Und offenbart eine tiefe Entfremdung, gepaart mit Lücken in der Medienkompetenz.

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„Ich lese keine Zeitungen“

„Ich lese keine Zeitung“, sagt er. Daran gemessen fällt sein Urteil überraschend pauschal aus: „Die meisten Zeitungen machen Billo-Shit-Unterhaltung.“ Arglos wirft er Boulevard und Nichtboulevard durcheinander. Seine vorsätzliche Naivität wirkt putzig, aber künstlich. Wirklich, Rezo? Du wusstest nicht, dass in „Bild“ und „BZ“ Klatschgeschichten über Soapstars stehen? Du wusstest nicht, dass beide Boulevardtitel aus demselben Verlag redaktionelle Inhalte teilen? Du staunst, dass dich die „F.A.Z.“ um eine Stellungnahme zu einer ,Bild“-Story bittet?

Selbst wenn die Hälfte seines schnappatmenden Alarmismus dem Bemühen um Entertainment geschuldet sein sollte: Diesmal bleibt das Reflexionsniveau an der Oberfläche. Sich vorzustellen, dass seine persönliche Lebenswirklichkeit nicht zwingend deckungsgleich sein muss mit der von Millionen anderen Menschen, ist ihm nicht gegeben. Und dass auf dem weiten Feld der journalistischen Spielarten Platz ist für jede Menge Seltsamkeiten und Anachronismen ist ihm fremd. „Gibt es noch Leute, die sich das Fernsehprogramm zur Hand nehmen und gucken: Was kommt jetzt?“, fragt er. „Ich dachte, das ist ausgestorben.“ Ähm: nein.

Die „psychologischen Fehler“ der älteren Leser

„Es ist relativ gut erforscht, dass Menschen die Dinge, die sie selbst früher hatten, gut finden“, sagt er. Sein Beispiel: VHS-Kassetten. Das soll die Gestrigkeit und die „psychologischen Fehler“ (Rezo) von älteren Zeitungslesern entlarven. Aber das trifft exakt so eben auf alle Filterblasen zu, auch digitale. Es wäre ein feines Experiment, einmal einen 58-jährigen Gymnasiallehrer vor BibisBeautyPalace und zu setzen und zu fragen: Na? Was siehst du? Das Ergebnis gliche in der Sache gewiss Rezos Eskalation: Echt? Das kaufen die? Das gefällt denen?

Nichts gegen pubertäre Polemik. Pauschalverdammung macht auch mal Spaß. Aber „Bild“auf dieser Reflexionshöhe zu kritisieren ist ebenso wohlfeil wie wirkungslos. Rezo ist weit entfernt von der teils clever recherchierten Faktenfülle seines CDU-Videos. Wir fassen zusammen: Die deutschen Zeitungen, die Rezo allesamt nicht liest, machen Unterhaltung und Promiklatsch. Zwei Genres, die im Netz bekanntlich ebenso wenig eine Rolle spielen wie in Videos von Rezo. Ironie aus.

Wut auf die „Bild“-Zeitung

Die Gleichung Jung = Internet = Cool und Alt = Zeitung = VHS-Kassette ist deutlich zu schlicht. Motivation für den Wutausbruch sind gewiss auch persönliche Erfahrungen von Übergriffigkeit im Nachgang seines CDU-Videos. „Bei mir stand die ,Bild‘ einmal vor der Tür“, schäumt er. „Die haben bei mir geklingelt und gefragt: Kannst du mal runterkommen?“. Konnte er nicht.

Dass er selbst sowie die medienkritischen Blogs Bildblog und Übermedien freilich die einzigen seien, die in der Branche auch mal feucht durchwischen, ist schlicht falsch. Bei aller Starrköpfigkeit und Hybris der Medienwelt: Die deutsche Medienkritik existiert und funktioniert; breite Diskurse über den Wandel, die Folgen der Digitalisierung und die Ethik der Branche gibt es nicht nur digital. Man müsste halt nur mal die richtigen Zeitungen lesen. Jemand mit der Wirkmacht dieses 26-Jährigen – der seine wahre Identität anwaltlich schützen lässt – darf gern ein bisschen tiefer bohren.

„Journalisten sind teilweise so dumm“, schilt Rezo. Zweifellos gibt es Klügere und Dümmere in jeder Branche. Daraus aber ein Pauschalurteil abzuleiten ist, als würde man sagen: Mir ist gestern ein Apfel auf den Kopf gefallen – jetzt hasse ich Obst.

Von Imre Grimm/RND