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21:13 08.01.2010
Von Marina Kormbaki
Warten auf den nächsten Tabubruch: Die Containershow „Big Brother“ hat als Mutter aller Reality-TV-Formate Maßstäbe gesetzt.
Warten auf den nächsten Tabubruch: Die Containershow „Big Brother“ hat als Mutter aller Reality-TV-Formate Maßstäbe gesetzt. Quelle: AP (Archiv)
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Der Anfang vom Ende des Abendlandes ist in Köln-Hürth. Dort, in einem Wohncontainer mit zehn Bewohnern auf Zeit, fanden Kulturpessimisten und TV-Moralisten vor zehn Jahren bestätigt, dass das Fernsehen die Menschen auf lange Sicht verdirbt. „Big Brother“, das hieß Gefahr im Verzug, und noch bevor RTL II mit der Ausstrahlung der Show begann, sah sich der krawallerfahrene Sender mit so viel Widerstand konfrontiert wie nie zuvor und nie seitdem. In seltener Einmütigkeit prangerten Anfang 2000 der damalige Innenminister Otto Schily, und die Ministerpräsidenten Kurt Beck und Roland Koch die Verletzung der menschlichen Würde an, Jugendschützer und Ärzte warnten vor dem „Menschenversuch“, und die katholische Kirche rief zum „Big Brother“-Boykott auf. Zehn Jahre später dreht die Erde immer noch ihre Kreise, die Menschheit hat überlebt – und mit ihr auch „Big Brother“.

Dass die Container-Schmonzette ein ganzes Jahrzehnt mit bemerkenswerter Kontinuität überdauert hat, überrascht dann doch ein wenig. Denn mit dem Ende der ersten Staffel war auch schon wieder Ruhe im Container, kaum jemand ereiferte sich noch über vermeintlich unwürdige Bedingungen im Menschenzoo „Big Brother“. Konzipiert als überdimensioniertes Schlüsselloch, durch das man Fremden beim Duschen, Schlafen und Nasebohren zuschauen konnte, ist „Big Brother“ von Staffel zu Staffel immer unwichtiger geworden. Die Einschaltquoten näherten sich dem Niveau des Unterhaltungswertes an. Im Durchschnitt haben sich in den vergangenen Staffeln nicht mal eine Million Zuschauer in die Wohngemeinschaft der Andys, Cathys und Benis eingeschaltet. Bei RTL II liegt das zwar noch über dem Senderschnitt, unter einer guten Quote stellen sich Programmmacher aber gewöhnlich andere Zahlen vor. Weil es jedoch nicht viel kostet, ein paar Leute eine Zeit lang aufeinander loszulassen und zu gucken, was passiert, macht RTL II munter weiter und startet am Montag die nunmehr zehnte „Big Brother“-Staffel.

Zwar wirbt der Sender derzeit mit großformatigen Plakaten, auf denen das „Big Brother“-Logo warum auch immer in schwarz-rot-gelber Optik prangt, RTL II will aber über das Konzept der nächsten Staffel kaum etwas verraten. Nur so viel: Sie dauert 148 Tage, der Sieger erhält 250 000 Euro, RTL II zeigt täglich die Tageszusammenfassung, die Wochenshows moderiert Alexandra Bechtel montags um 21.15 Uhr. Und wem das zu wenig Spannerei ist, der kann beim Bezahlsender Sky rund um die Uhr gucken, was die Kandidaten da so machen. Zu denen will RTL II sich noch nicht äußern.

Das macht nichts. Man muss sich die Teilnehmer und ihre Talente gar nicht erst merken, sie werden eh bald wieder egal sein, so wie Dutzende andere Aspiranten der bisherigen neun Staffeln. Im kollektiven Gedächtnis sind nur einige Containerbewohner der ersten Staffel geblieben: Zlatko zum Beispiel, der sich durch Nichtkenntnis des englischen Dichters William Shakespeare ausgezeichnet hat und „homogen“ für die Umschreibung sexueller Präferenzen hielt. Oder der redselige Jürgen, früher mal Feinblechner in Köln, heute Interpret von Titeln wie „Von hinten Blondine, von vorne Ruine“.

Der Künstler Andy Warhol sagte 1968 voraus: „In Zukunft kann jeder Mensch für 15 Minuten Berühmtheit erlangen,“ Die erste große Plattform dafür bot „Big Brother“, und die da fabrizierten Kurzzeitberühmtheiten erhielten den Gattungsbegriff „Promi“. Die Promis Zlatko und Jürgen mussten niemanden davon überzeugen, dass sie irgendetwas können. Durch ihre permanente Containerpräsenz galten sie vielen sogar als Stars. Wer im Fernsehen ist, ist irgendwie wichtig – dieses Prinzip des sogenannten Reality-TV stellte damals „Big Brother“ auf, die Mutter aller Reality-TV-Formate. Seitdem zogen Dutzende Reality-Shows nach, jeder kann heute zur Person öffentlichen Interesses werden. Er muss nur wählen, ob er sich dafür beim Auswandern, Kindererziehen, Hausentrümpeln, Schuldentilgen, Partnersuchen, Schwangerwerden, Autokaufen, Gartenschönermachen oder Müllrunterbringen zugucken lassen möchte.

„Big Brother“, vor zehn Jahren noch größter anzunehmender Tabubruch, hat Maßstäbe gesetzt. Leuten dabei zuzusehen, wie sie zwischen zerzausten Flokatiteppichen, schrillbunten Sofalandschaften und verkümmerten Grünpflanzen reden, essen und schlafen, hat die Inszenierung des Alltäglichen und die Preisgabe des Privaten salonfähig gemacht. Heute sind jedermanns Befindlichkeitsbekundungen der Kitt von Online-Netzwerken wie Facebook und Twitter. Und im Videoportal YouTube teilt sich die Welt in Hunderttausenden verwackelten Wohnzimmeraufnahmen mit. Jeder steht unter Dauerbeobachtung, ganz freiwillig.

Da mutet das deutsche „Big Brother“ heute wie ein biederes Relikt aus einer überholten Medienepoche an. Für die britische Variante hat sich die Produktionsfirma Endemol was Neues einfallen lassen: Nachdem Channel 4 zuletzt das tödliche Krebsleiden von Jade Goody gesendet hatte, hält man bei der Kandidatensuche für die nächste Staffel Ausschau nach Kriegsversehrten, die bei ihrem Einsatz im Irak oder in Afghanistan ein Bein oder einen Arm verloren haben. Und einmal mehr ist die Rede vom Tabubruch.