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Medien & TV „Tatort“: Katharina Marie Schubert spricht über ihre Rolle als Anne und die Nacktszene
Nachrichten Medien & TV „Tatort“: Katharina Marie Schubert spricht über ihre Rolle als Anne und die Nacktszene
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21:45 19.05.2019
Julian Werner (Jean-Luc Caputo) ist seiner Mutter Anne (Katharina Marie Schubert) keine Hilfe. Im Gegenteil, der setzt sie zusätzlich unter Druck. Quelle: SWR/Das Erste
Stuttgart

Katharina Marie Schubert spielte im Stuttgarter „Tatort“ die Altenpflegerin Anne Werner, die im Verhör von Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) einen kühlen Kopf bewahrt – obwohl sie der Todesengel ist.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Es gibt zum einen die Vorbereitung darauf eine Altenpflegerin zu spielen, zum anderen geht es ja um die Psychologie dieser Figur, die doch einige Probleme hat. Also wie verkörpert man eine Frau, die eine genaue Vorstellung davon hat, wie sie nach außen wirken und was sie als gelungenes Leben nach außen verkaufen möchte. Auf diesen beiden Feldern habe ich mich vorbereitet.

Mehr zum Thema: Krimikritik: „Tatort“ aus Stuttgart am Sonntag: „Anne und der Tod“

Welches Feld war schwieriger?

Das eine ist eher die persönliche Ebene, bei der unabhängig ist, was sie für einen Beruf ausübt. Sie lügt sehr viel und sehr geschickt. Wie dosiert man das? Soll es mal durchscheinen, dass sie lügt? Und wenn ja, wo macht es Sinn? Oder merkt man es nie? Es gibt eine Stelle, wo sie so tut, als würde sie sich aus versehen verplappern und spielt dann das Erschrecken darüber. Das sind Entscheidungen, die man mit dem Regisseur zusammen fällt.

Damit ich etwas mehr über den beruflichen Alltag erfahre, habe ich mich mit zwei Mitarbeitern von einem Altenpflegedienst getroffen, die genau das machen, was Anne im „Tatort“ auch macht. Die beiden haben das Drehbuch gelesen und dann konnten wir ganz konkret darüber sprechen. Etwa darüber, dass Mitarbeiter mit Hilfe von GPS-Tracking jederzeit geortet und überwacht werden können. Das ist offensichtlich schon normal. Allerdings lehnte die Chefin des Altenpflegedienstes, die mich beraten haben, diese Methode ab.

Wie sieht es mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz aus. Im „Tatort“ werden männliche Senioren übergriffig.

Auch das kommt vor, wurde mir von den Mitarbeitern bestätigt. Ich habe selbst mal mit behinderten Jugendlichen gearbeitet. Da ist Sexualität und der Umgang damit ähnlich schwierig. Denn auch diese Jugendlichen kommen in die Pubertät, der Sexualtrieb erwacht, die Hormone spielen verrückt, der Körper verändert sich. Da wie dort gibt es Bedürfnisse, das muss man ernst nehmen. Und da gibt es ja auch Überlegungen.

Wie schwer sind Ihnen denn die Nacktszenen gefallen?

Bevor der Dreh losging, haben der Regisseur und ich besprochen, warum und wie diese Szenen wichtig sind. Ich finde, dass das in diesem Tatort wichtig ist. Anne Werner mordet ja aus großer Scham. Deshalb ist es wichtig zu sehen, wie schwierig das für sie war. Das heißt: Je mehr sie sich im Film für den Zuschauer exponiert, desto verständlicher ist es, dass sie deswegen gemordet hat.

Ich erlebe Nacktszenen in Filmen eigentlich eher als eine Art Störung in der Geschichte. Wenn ich jemanden im Film sehe, der nackt ist, dann gucke ich persönlich plötzlich immer ganz privat diese andere Person an. Ich fange also an, mich mit ganz anderen Dingen zu beschäftigen als den Figuren oder der Geschichte.

Aber als ich letztes Jahr diese Szenen gedreht habe, war meine Tochter gerade fünf Monate alt. Mein Körper war gar nicht so, wie mein Körper normalerweise ist. Es war noch der Körper einer Frau, die gerade ein Kind geboren hat. Insgesamt viel runder und weicher.

Da habe ich gedacht, diesen Körper stelle ich dieser Figur zur Verfügung. Das war für mich fast wie ein Kostüm. Den Körper, den man da im „Tatort“ sieht, den gibt es gar nicht mehr. Das war so, als hätte ich eben den Körper von Anne angezogen und dadurch war es für mich gut möglich, das alles zu drehen.

Bleibt als Letztes die Frage nach dem Motiv von Anne. Warum fällt es ihr so schwer, die Wahrheit zu sagen?

Richy Müller, der den Kommissar Thorsten Lannert spielt, sagt ja mal zu Anne, dass es Todesengel gibt, damit alte, kranke Menschen nicht so leiden müssen. Damit will er ihr eine Brücke bauen und sie greift das ganz am Ende auf und sagt: „Ja, ich bin so ein Todesengel!“ Das macht sie aber nur, weil sie denkt, dass das gesellschaftlich einen nicht so tiefen Fall bedeutet, wie zuzugeben, dass sie ich für Geld ausgezogen hat und dann erpresst wurde.

Sie entschließt sich zu einer Mörderin zu werden, die das Leid der alten Menschen nicht mehr aushält. Ein sensibles Wesen, dass die Menschen aus ihren Qualen befreit hat. Anne entscheidet sich dafür, einen Mord zu gestehen und einen zusätzlichen Mord auf sich zu nehmen, um das bessere Motiv zu haben. Bis zum Schluss sagt sie ja nicht die Wahrheit. Sie ist unheimlich schnell im Kopf und wenn sie bei einer Lüge erwischt wird, hat sie sofort eine neue Lüge parat, die die alte Lüge erklärt und gleichzeitig noch so realistisch ist, dass man denkt: „Ja, das könnte schon stimmen…“

Von Thomas Kielhorn/RND