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Medien & TV Neue belgische Mafiaserie „Undercover“: Camping mit dem Paten
Nachrichten Medien & TV Neue belgische Mafiaserie „Undercover“: Camping mit dem Paten
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12:00 07.05.2019
Die Tarnung weist Risse auf: Kim De Rooij (Anna Drijver) überlegt, wie sie den Drogenboss Ferry Bouman endlich dingfest machen kann. Quelle: Foto: De Mensen/ZDF
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Brüssel

Belgien ist gewiss auch irgendwo schön, seine Landschaften ab und an pittoresk, die Bauwerke – Stichwort Atomium – weltberühmt. Dennoch wäre ein heimatseliger Reklamespot wie einst für ein gewisses bayerisches Weißbier zwar denkbar, jedoch unglaubwürdig. Man wird also instinktiv skeptisch, wenn die Kamera zu Beginn einer TV-Serie übers schäfchenwolkenbedeckte Limburg fliegt, das eine Weichspülstimme aus dem Off als „Paradies für alle jene“ preist, „die gerne die Natur genießen“. Naherholung? In Belgien?!

In „Undercover“ ziehen Polizisten auf den Campingplatz

Zumindest aus der Distanz gilt das EU-Kernland ja als Ort brodelnder Stammeskonflikte, trunkener Fressgelage, islamistischer Terrorzellen, organisierter Kinderschänder, blockierter Parteienpolitik und blutiger Schlachten mehrerer Kriege. Als Ferientraum hingegen taugt es eher bedingt.

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Die Weichspülstimme stellt daher gleich mal klar, dass in der Region Limbourg nicht nur massig Obst, sondern noch wesentlich mehr Ecstasy hergestellt wird. Um nicht zu sagen die Hälfte des globalen Bedarfs. Marktwert zwei Milliarden Euro. Sehr zur Freude von Ferry Bouman.

Der Drogenboss betreibt ab heute bei ZDFneo sein fiktives Geschäft mit dem Partystoff, was dadurch realistische Wucht erhält, dass der Zehnteiler von Eshref Reybrouck und Frank Devos einen wahren Kern hat. Skrupellose Gangster wie Ferry (Frank Lammert) gibt es in und um Limbourg demnach ebenso wie seine Komplizen.

Was indes nur auf dem Drehbuchpapier existiert, sind die Protagonisten der Gegenseite: Anna Drijver und Tom Waes als Kommissare Kim und Bob, die „Undercover“, so heißt das deutsch-belgische Co-Produkt, auf jenen Campingplatz ziehen, der ihrem Ermittlungsziel als bodenständiger Rückzugsort dient.

„Undercover“ – das Mafiaepos eskaliert vielschichtig

Von der Nachbarparzelle aus pirscht sich das genretypisch grundverschiedene Polizeiduo als falsches Liebespaar Anouk und Peter an den Paten heran, was über den Umweg seiner anlehnungsbedürftigen Frau Danielle (Elise Schaap) gut funktioniert. Anfangs.

Schon zu Beginn der zweiten Episode weist ihre Tarnung aber Risse auf, die sie zügig angreifbar machen. Zwischendurch. Doch der Writers’ Room um Showrunner Nico Moolenaar hat ganze Arbeit geleistet, um dieses famose Mafiaepos mithilfe von Verrätern und Ratten, Zufall und Intrige vielschichtig eskalieren zu lassen.

Und dieses Niveau verdanken wir nicht nur dem authentisch besetzten Ensemble; ähnlich bedeutsam ist der Dreh- und Handlungsort. Während die fiktional überdrehte Kapitalverbrechensquote skandinavischer Krimis dem sprichwörtlichen Bullerbü-Idyll zwei Jahrzehnte lang unglaubwürdig, aber sehenswert zuwiderlief, kauft man dem westlichen Nachbarn die menschliche Tristesse in jeder Szene ab.

Unter Flandern und Wallonen sind Mord und Totschlag eben nicht nur Kontrastmittel; sie scheinen dem Land der 200 000 Tankstellen und Autobahnlichter seltsam inhärent zu sein.

„Undercover“ gehört zum Besten, was das Mafiamilieu zu bieten hat

Schon deshalb müssen hochwertige Thrillerserien wie „Zimmer 108“ und „Tabula Rasa“, „Code 37“ oder zuletzt „The Break“ keine zivilisatorischen Gegenpole improvisieren, um Neugier zu wecken; abseits von Brügge oder dem bewohnten Architekturmuseum Brüssel blinzelt die soziokulturelle Zerrüttung aus fast jedem Gewerbegebiet vor den Toren profaner Siedlungen, deren Bewohner nach Feierabend glaubhaft auf diesen sensationell öden Campingplatz fliehen, als sei er wirklich lebenswert.

Trotz der (sogar noch akzeptablen) Übersetzung der Hamburger Synchron, trotz zwei (wie üblich zu attraktiven) Hauptdarstellern und einem Grenzübertritt ins Schwäbische, für dessen Dialogregie man besser mal jemand mit Dialektkenntnis engagiert hätte, überzeugt „Undercover“ allerdings auch durch die entlarvende Kommunikation männlicher Alphatiere beider Seiten des Gesetzes.

Ihr bizarrer Geltungsdrang wirft ein bisweilen scharfsinniges Schlaglicht auf aktuelle Genderdebatten und macht die Serie – untermalt von Steve Willaerts grandiosem Soundtrack – mit zum Besten, was das Mafia- und Drogenmilieu seit „Sopranos“ und „Breaking Bad“ zu bieten hat.

Von Jan Freitag/RND