Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Medien & TV Nach dem „Tatort“: So häufig werden Altenpfleger in ihrem Joballtag sexuell belästigt
Nachrichten Medien & TV Nach dem „Tatort“: So häufig werden Altenpfleger in ihrem Joballtag sexuell belästigt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:34 20.05.2019
Angst im Job: Altenpflegerin Anne (Katharina Marie Schubert, Mitte) wird im Berufsalltag Opfer sexueller Belästigung. Quelle: Foto: SWR/Maor Waisburd
Stuttgart

Eine Altenpflegerin, die von den bettlägerigen alten Männern sexuell bedrängt und genötigt wird: Was der TatortAnne und der Tod“ an diesem Sonntag zeigte, ist keineswegs reine Fiktion. „Viele Pflegekräfte haben sexuelle Belästigung und Übergriffe schon selbst erlebt“, sagt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe in Berlin. Die wenigen Zahlen, die zu dem Thema bislang erhoben wurden, lassen sogar auf ein erschreckendes Ausmaß schließen: Bei ersten Studien geben im Schnitt mindestens zwei Drittel der befragten Pflegerinnen und Pfleger an, sexuelle Belästigung bereits erfahren und erlitten zu haben.

Mehr zum Thema: „Tatort“ aus Stuttgart am Sonntag: „Anne und der Tod“

Im Film gibt die Pflegerin Anne Werner dem Drängen aus finanzieller Not irgendwann nach und nimmt Geld dafür – das ist der stark fiktionale Teil der Geschichte. In der Realität bedeuten die Übergriffe für die Betroffenen vor allem eine massive Belastung und Verunsicherung. Eine noch unveröffentlichte Voruntersuchung der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) gibt erste Hinweise darauf, welche Dimension das Problem hat.

Ein Großteil der Pflegekräfte wurden Opfer oder Zeuge sexueller Belästigung

Deren Wissenschaftler fragten im vergangenen Jahr 305 Pflegekräfte aus sechs Bereichen nach ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt. Das Ergebnis: Zwischen 64,7 und 95 Prozent der Pflegekräfte erklärten, schon einmal Opfer oder Zeuge von Übergriffen geworden zu sein. Den höchsten Wert gab es dabei in der stationären psychiatrischen Pflege. Das Spek­trum reichte dabei von aufdringlichen sexualisierten Bemerkungen und Aufforderungen bis hin zu unerwünschten aggressiven körperlichen Annäherungen.

Ob es sich um verbale oder körperliche Belästigungen handelt, macht für die Betroffenen und ihre Verarbeitung dabei keinen großen Unterschied – verstörend, kränkend und in einigen Fällen auch krank machend kann alles sein. „Die negative gesundheitliche Belastung ist bei allen Formen vergleichbar hoch“, betont Sabine Gregersen von der BGW. Einzelne Äußerungen aus der anonymisierten Befragung ergeben ein teilweise dramatisches Bild: „Das Personal ist Freiwild“, sagt da eine Pflegekraft aus der Psychiatrie. Eine andere erklärt: „Ich kann das Haus nicht mehr ohne Herzrasen betreten.“

Andere Wissenschaftler bestätigen die Zahlen

Die alarmierenden Zahlen aus der Vorstudie waren Anlass für eine umfassende Untersuchung, an der die BGW zusammen mit dem Universitätsklinikum Eppendorf arbeitet. Doch auch andere Wissenschaftler dokumentierten bereits erschreckende Befunde. So gaben rund zwei Drittel der 3000 Befragten gegenüber der Gesundheitspsychologin Claudia Depauli von der Universität Salzburg an, bei der Pflege von Patienten belästigt worden zu sein. Als einen Grund für die vielen Fälle vermuten die Forscher die steigende Zahl von Demenzkranken, bei denen es um die Impulskontrolle in fortgeschritteneren Stadien oft schlecht bestellt ist. Möglicherweise hat zudem die #MeToo-Debatte dazu geführt, dass Betroffene über ihre Erfahrungen eher berichten.

Klar ist, dass jetzt die Arbeitgeber gefragt sind. „Ob jemand traumatisiert bleibt oder seinen Beruf aufgibt, hängt maßgeblich auch davon ab, wie Vorgesetzte mit dem Thema umgehen“, sagt Johanna Knüppel vom Berufsverband für Pflegeberufe. Entscheidend sei, ob diese den Vorfall ernst nehmen, die Betroffenen unterstützen und vor Übergriffen schützen. An alldem hapere es bei vielen Arbeitgebern aber noch – auch dafür lieferte der „Tatort“ mit der ignoranten Pflegedienstleiterin filmisches Anschauungsmaterial.

Von Thorsten Fuchs/RND