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Medien & TV In den Dritten Programmen boomen Rankingshows
Nachrichten Medien & TV In den Dritten Programmen boomen Rankingshows
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19:45 18.04.2012
Von Imre Grimm
Grüne Soße mit Ei und Kartoffeln als TV-Star: Vom HR gewählt als Lieblingsgericht der Hessen.
Grüne Soße mit Ei und Kartoffeln als TV-Star: Vom HR gewählt als Lieblingsgericht der Hessen. Quelle: dpa
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Hannover

Sieg! Herzschlagfinale! In letzter Sekunde rettet sich „Grüne Soße mit Ei und Kartoffeln“ als Erster ins Ziel, dicht gefolgt von „Ahle Worscht“ und „Handkäs mit Musik“. Für „Rippchen mit Kraut“ reicht es dagegen nur zum undankbaren vierten Platz in diesem an Spannung kaum zu überbietenden Wettkampf um den Ehrentitel „Das Lieblingsgericht der Hessen“, ausgestrahlt vom Hessischen Rundfunk.

Was für ein Rennen. Wieder ein Sieg für die Ordnungskräfte der deutschen Medienwelt, die die komplexe Gegenwart unermüdlich in leicht verdauliche Häppchen zerteilen: Die schönsten Bauernhöfe Norddeutschlands. Die 30 größten Berliner Aufreger. Die 30 schönsten Brandenburger Bräuche. Die beliebtesten Mundarten in Nordrhein-Westfalen. Die schönsten Kirchen in Hessen. Die 30 außergewöhnlichsten Berliner Brücken. Die beliebtesten Kultschlager im Norden. Die beliebtesten Fastnachtslieder der Hessen. Es ist eine endlose Liste von Hitparaden. Die Dritten Programme sind voll davon.

Früher gab es nur eine einzige Hitparade. Die hieß „ZDF Hitparade“ und lief im ZDF. Das war leicht zu merken und hatte seinen Sinn, denn in der Hitparade ging es um Hits. Um Musik also. Und nicht um den 11. September 2001 („Die bewegendsten TV-Momente“, NDR) oder das Örtchen Aahrenshoop („Die erstaunlichsten Dörfer Norddeutschlands“, NDR) oder die Nordseeküste („Die 30 beliebtesten Urlaubsziele der Nordrhein-Westfalen“, WDR) oder die Promenadenmischung („Die 30 tollsten Haus- und Hoftiere“, RBB) oder den Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald („Die schönsten Ausflugsziele der Hessen“, HR).

Und so jagt eine beliebige, folkloristische Hitparade die nächste. Der Berliner Blogger Stefan Niggemeier zählte jüngst nicht weniger als 136 „superlative“ Rankingshows im Programm der Dritten seit Anfang 2011 bis heute. Ohne Wiederholungen. Einhundertsechsunddreißigmal in 14 Monaten ließen NDR, WDR, RBB & Co. ihr duldsames Publikum über Schlager, Komiker, Schauspieler, Tierparks, Schlösser, Sportler oder Sketche abstimmen. Das Ergebnis schnipselte man dann jeweils zu einer Collage patinöser Archivbilder zusammen, von denen der Archivar den digitalen Staub gepustet hat, gelegentlich angereichert mit Prominentenstimmen von Jan Fedder, Carlo von Tiedemann oder Judith Rakers. Diese erscheinen, von einem lustigen Popp-Geräusch untermalt, auf dem Bildschirm und geben sekundenweise Weltbewegendes zur Kenntnis wie „Ja, das war lustig!“ oder „Ja, da war ich auch schon mal“. Die Rankingshow ist für die Dritten, was Scripted Reality für die Privaten ist: programmplanerische Spachtelmasse.

Aber es funktioniert. Die Quoten sind in Ordnung. Und wenn die Quoten in Ordnung sind, stellt sich auch in der ARD-Familie immer seltener die Frage nach Nutzen und Tiefe. Warum nach dem Sinn einer Sendung fragen, wenn ein paar bunte Bilder von hübschen Wasserschlössern mit Schwänen mehr Zuschauer ziehen als die 16. Wiederholung eines Manfred-Krug-„Tatorts“? Warum mehr investieren, wenn man mit blumigen Worten von „identitätsstiftender Wirkung“ und „Freude an der regionalen Vielfältigkeit“ die Tatsache verschleiern kann, dass Rankingshows vor allem eines sind: billig? Es gibt eine merkwürdige Parallelentwicklung bei den Dritten Programmen: Einerseits verstärkte man - insbesondere im NDR Fernsehen - zuletzt die Information, arbeitet auch in den Vorabendmagazinen journalistischer, strenger, mutiger. Andererseits verödet das Hauptabendprogramm zu einer Monokultur aus Folklore und Lokalpatriotismus ohne Mut und Chuzpe.

Wieder einmal hechelt die öffentlich-rechtliche Familie dabei den Privaten hinterher, denn vor allem RTL zeigte mit seiner Reihe „Die 25...“, wie man aus Konservenschnipseln und ein paar willigen Prominenten mal schnell eine Sendung zusammenschustert. Es ist mit den vielen Rankingshows wie mit den ewigen Jahresrückblicken, die spätestens ab Mitte November Bilanz zu ziehen beginnen: Beide Formate sind simulierte Welterklärung, beide geben vor, im ewigen Fluss der bunten Bilder eine Zäsur zu schaffen, einen Moment des inneren Datenabgleichs, eine mediale Verschnaufpause. Und weil die systematische Komplexitätsreduktion so erfolgreich ist, steigt jetzt auch das ARD-Hauptprogramm in die Welt des Hitparadenfernsehens ein: Donnerstagabend um 20.15 Uhr präsentieren Komiker Ralf Schmitz und Moderatorin Kim Fisher „Die beliebtesten Komiker-Duos der Deutschen“. 25 Gespanne schickte der Sender ins Rennen. Man darf schon ganz gespannt sein, ob am Ende Günter Netzer und Gerhard Delling oder Loriot und Evelyn Hamann vorne liegen. Oder Terence Hill und Bud Spencer. Oder Jack Lemmon und Walter Matthau. Sie wissen schon. Die Üblichen halt. Das wird spannend.

„Die beliebtesten Komiker-Duos der Deutschen“, Donnerstagabend, 20.15 Uhr, ARD.