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00:16 09.05.2014
Von Imre Grimm
Selfie mit Meerjungfrau: Yvonne Grünwald (v. l.) Ela Steinmetz und Natalie Plöger auf Sightseeingtour in Kopenhagen.
Selfie mit Meerjungfrau: Yvonne Grünwald (v. l.) Ela Steinmetz und Natalie Plöger auf Sightseeingtour in Kopenhagen. Quelle: Joerg Carstensen (dpa)
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Kopenhagen

Wie jetzt – eine Stadtrundfahrt ohne „Christiania“? Ohne die legendäre „Fristad“? Ach nö, das wollen sie nicht, also: Routenänderung. Und dann stehen Natalie Plöger (28), Elzbieta Steinmetz (21) und Yvonne Grünwald (29) frierend im gelobten Land für europäische Autonome, mitten im durchgentrifizierten Kopenhagen, neben ihnen ein ortstypischer Zausel in Ballonseide mit Ghettoblaster auf der Schulter. Keine Kameras, keine Fotos, Presse ist hier der Feind. Das da drüben sei eine Kifferkneipe, raunt die Führerin. Allseits interessiertes Gucken. Drogen, aha. Bunte Fassaden, bunte Typen, Anarchie auf 34 Hektar.

Das passt ganz gut zu Elaiza, diesem selbstbewussten, unlangweiligen Trio, das Deutschland mit seinem Song „Is It Right“ am Sonnabend bei Eurovision Song Contest (ESC) vertritt – und das so gar nichts Sternchenhaftes oder Ferngesteuertes an sich hat. Anarchie auf 220 Quadratmetern Bühne. Geerdete Charakterköpfe zwischen lauter gut gelaunten Wetgel-Mackern und paillettenbeklebten Size-Zero-Hühnern, die in jede Kamera „Musik ist meine Leidenschaft“ piepsen. „Meine Freundinnen haben mit Barbies gespielt, ich wollte Blues singen“, sagt dagegen Ela. So. Vielleicht haben sie deshalb gewonnen, erst die Wildcard beim Clubkonzert in Köln, dann den deutschen Vorentscheid, weil sie auf Fassade, Maske, Pose verzichten. Weil sie Musik machen. Punkt. Die Frage ist bloß, ob Resteuropa das goutiert.

Noch vor ein paar Monaten haben sie bei Kneipenkonzerten den Hut rumgehen lassen, am 11. Januar 2013 zum Beispiel, bei ihrem allerersten Auftritt. 20 Zuschauer im Café „Sally Bowles“ in Berlin-Schöneberg, das Klavier schlimm verstimmt, nur ein Mikrofon. Am Ende gab's Falafel. Das war die Geburtsstunde von Elaiza. Erst kurz vorher hatten sie sich kennengelernt: Ela, in der Ukraine geboren, Kind einer polnischen Opernsängerin und eines ukrainischen Rockgitarristen. Als sie sieben war, starb der Vater. „Die Dinge, die uns widerfahren, machen uns zu dem, der wir sind“, sagt sie. Mutter und Tochter zogen nach Polen, dort lernte „die Mama“ einen Bergmann aus Schiffweiler im Saarland kennen, 16.000 Einwohner. Also: zu dritt nach Deutschland, Ela war acht.

Mit 16 schickte sie ein Demoband an die kleinen Valicon-Studios in Berlin-Hohenschönhausen (Silly, Silbermond), die – reiner Zufall – auch Lenas Siegertitel „Satellite“ produziert haben. Dort traf sie Yvonne, geboren in Salzwedel in der Altmark, klassisch ausgebildete Musikerin aus der Klezmer- und Musette-Ecke, Besitzerin von 15 Akkordeons. Ihr liebstes hat sie in Kopenhagen dabei, frisch restauriert und handverziert mit „Glitter aus dem Internet“. Elaiza reiste lieber im Tourbus nach Dänemark. Die Instrumente haben Flugangst. Nun ja.

Gestern: Probe in der Arena, die zweite von fünf. „Die Bühne ist riiiiieeesig“, twittern sie. Mit fünf „I“. Sie suchen noch nach dem perfekten Lichtdesign mit der dänischen Regie. Kompakt soll es werden, warum und fröhlich. Das Bühnenbild ist noch zu wimmelig. „Es ist ein Prozess“, sagt Yvonne gestern bei der Pressekonferenz. Ihr Song kommt gut an, jedenfalls in der bunten ESC-Seifenblase aus Fans, Journalisten und Fanjournalisten. Geradeaus-Folkpop mit Ohrwurmrefrain und einem Schüsschen Polka in „slawischem Moll“, wie Ela sagt. „Is It Right“ entstand nach ihrem Abitur. Ein Lied über Entscheidungen, in der Liebe, im Leben. Aber ein Sieg in Kopenhagen? So ein magisches Momentum wie 2010 bei Lena? Eher nicht. Die Favoriten sind andere, Armenien, Schweden, Großbritannien, Norwegen. Die obere Hälfte der 24 Finalisten wäre ein Erfolg.

Die Sache mit dem Kennenlernen bei der Schnapsverkostung war natürlich eine feine Legende. Klang alkoholisch und lustig, war in Wahrheit aber ganz anders: Ela und Yvonne entdeckten die Ostfriesin Natalie aus Leer, die Dritte im Bunde, samt ihrem Kontrabass auf einem Foto an einer Pinnwand – beim Probetrinken des Edelschnaps' „Pijökel“, den ein Freund zusammengebraut hatte. Sie suchten eine Bassistin für „Tiefe, Groove und Rhythmus“. Man mochte sich sofort. Nach drei Monaten erschien die erste „Schallplatte“ (sie sagen tatsächlich „Schallplatte“). So geht das also auch noch manchmal. Ohne Hype, ohne Casting, ohne Raab. Medienprofis? Klar klingt das routiniert, wenn Ela wie auf Knopfdruck, wie sie als Kind „mit den Songs von Queen eingeschlafen“ ist. Sie haben das Spiel schnell begriffen, auch die Sache mit dem Lächeln, aber: „Wir verkleiden uns nicht.“

Die Fotografen stürzen sich gern auf die 21-Jährige, sie ist nun mal Frontfrau, Songwriterin, die Jüngste, Herz und Keimzelle von Elaiza. Sie sitzt bei „Markus Lanz“, singt beim „Echo“, soll die Ukraine-Krise kommentieren („Natürlich macht mich das besorgt“). Ganz schön viel. „Ela, ihr solltet das schon als Band machen“, tadelt Manager Jörg Koshorst sanft, als sie in der Kopenhagener Frauenkirche allein eine Kerze anzündet, dort, wo sich vor genau zehn Jahren Kronprinz Frederiks Augen mit Tränen füllten, als seine Braut Mary Donaldson durch den Mittelgang schritt. Kameras klacken, Ela zieht sich zurück. „Bei uns hebt keiner ab, das ist der Vorteil zu dritt“, sagt sie. „Und sonst gibt’s einen Arschtritt und dann ist gut.“ Arschtrittgefahr bisher: gering.

Und dabei haben sie ein paar irre Wochen hinter sich. Von Null auf Hundert. Unheilig und Santiano beim Vorentscheid besiegt. Und nun stehen sie hier, mit 2500 Journalisten. Haben sie sich das so vorgestellt, die Sache mit dem ESC? „Nee“, sagt Yvonne. „Es ist krasser. Viel krasser.“ Am Finaltag wird sie 30. Gefeiert wird also, so oder so. Schnell noch ein Selfie vor der „lille Havfru“ - für „Mama und Papa“. Und, fragt ein Journalist bei der Pressekonferenz - „habt ihr etwas von Kopenhagen gesehen?“. „Ja“, sagt Ela. „It's awesome. It's so cool.“ Die Meerjungfrau. Das Meer. Christiania. Lächeln, immer lächeln. Noch drei Tage.