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Medien & TV Ein bisschen Frieden – warum Israel am ESC teilnehmen darf
Nachrichten Medien & TV Ein bisschen Frieden – warum Israel am ESC teilnehmen darf
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21:20 12.05.2019
Israel hat beim ESC schon einige Male den Sieg davon gefahren. Quelle: Ilia Yefimovic/dpa
Tel Aviv

Israel beim Eurovision Song Contest? Warum dann nicht auch gleich Südkorea oder Mexiko? Tatsächlich gehört Israel wie die gesamte arabische Halbinsel geografisch zu Asien. Warum darf das Land trotzdem am europäischen Musikspektakel teilnehmen? Die Antwort streift Kultur, Politik und Tradition – und führt direkt in die europäische Nachkriegsgeschichte.

Der Eurovision Song Contest ist der größte Musikwettbewerb der Welt und die größte TV-Show Europas. Er ist aber keine Veranstaltung exklusiv für europäische Länder. Der ESC heißt mit voller Absicht nicht European Song Contest, sondern Eurovision Song Contest.

Eurovision: der internationale Programmaustausch von mehr als 50 europäischen TV-Sendern

Die Eurovision – das ist der internationale Programmaustausch von mehr als 50 europäischen TV-Sendern. Hinter der Eurovision – den Ausdruck prägte der britische Journalist George Campey 1954 – steht die European Broadcasting Union (EBU), gegründet 1950, heute der größte Senderverbund der Welt mit 117 Mitgliedsorganisationen in 56 Ländern vom Nordkap bis nach Nordafrika, darunter Algerien, Jordanien, der Vatikan, Marokko, Ägypten und eben Israel.

Es ist eine Solidargemeinschaft. Das Prinzip der EBU ist simpel: Jedes Mitglied stellt jedem anderen sein Filmmaterial zur Verfügung. Für die Mitgliedschaft in dieser Runde muss man Betreiber eines nationalen Rundfunkdienstes innerhalb der sogenannten Europäischen Rundfunkzone sein oder in einem Land senden, das Mitglied im Europarat ist.

Eurovision war und ist auch als Friedensprojekt gedacht

Die Zentrale in Genf ist eine riesige Bilderdrehscheibe: Nachrichten, Sport, Kultur – mehr als 15.000 Programmstunden pro Jahr für rund eine Milliarde potenzielle TV-Zuschauer in Europa. So kamen die Hochzeit von Fürst Rainier und Gracia Patricia 1956, Juri Gargarins Empfang in Moskau 1961 und die Kubakrise 1962 in die Wohnzimmer Europas.

Die Eurovision war und ist dabei durchaus auch als Friedensprojekt gedacht. Vor knapp 65 Jahren ertönte die Eurovisions-Hymne zum ersten Mal – vor der Liveübertragung des „Narzissenfestes“ aus dem französischen Montreux in sieben weitere Länder: Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Dänemark und die Schweiz. Der Anlass war – optisch gesehen – ein ziemlich plüschiges Ereignis: Kostümierte Flaneure paradierten mit Blumensträußen im Arm durch die Straßen des Schweizer Städtchens, dazu gab es Blaskapellen und Jodler. Die Bilder waren schwarz-weiß, verschliert, wackelig. Kulturell war es jedoch ein Meilenstein. Plötzlich gab es so etwas wie eine „europäische Öffentlichkeit“, eine TV-Bilderwelt, die Spanier, Belgier, Franzosen und Deutsche teilten. Die Eurovision war die Keimzelle für eine neue multinationale Medienidentität.

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Als das „Experiment von Lille“ startete (im Rathaus von Lille liefen damals die Kabelstränge zusammen), war Europa tiefste Fernsehprovinz. Rundfunk war ein Steckenpferd besessener Tüftler, internationale Livesendungen waren Science Fiction. Nur 12.000 Fernseher gab es in der Bundesrepublik, 31.000 in Frankreich, ganze 1000 in der Schweiz. Großbritannien lag vorn: 1954 gab es hier schon 3,2 Millionen Geräte.

Für die Übertragung aus Montreux lieh die BBC den deutschen Kollegen Kamerastative und Mikrofone, den Belgiern zwei komplette Studios, den Holländern Kabel und Stecker, den Schweizern vier Kameras. Die weiteren Höhepunkte der ersten „Eurovisionswoche“ bewiesen, dass schon damals nicht jedes „Fernsehereignis“ wirklich wichtig war: Zu sehen waren eine Feier für Flüchtlingskinder in Holland, ein Jugendlager am Rhein mit Bundeskanzler Konrad Adenauer, eine Landwirtschaftsmesse in Dänemark und eine Parade der Royal Navy mit Queen Elizabeth II. aus London. Prompt jammerte der „Spiegel“ über die ewigen „Blumenkorsos, Truppenparaden und Trachtenspiele“.

Generalprobe für die Eurovision war pompöser als die eigentliche Premiere

Die Generalprobe für die Eurovision war quasi pompöser als die eigentliche Premiere: die Krönung von Elizabeth II. am 2. Juni 1953, die die BBC „probehalber“ live aus London nach Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland gesendet hatte. Es war die erste internationale Livesendung der Welt. Ein Gewitter störte zeitweise den Empfang, aber die Zuschauer waren hingerissen: „Der 2. Juni hat die Menschen in Westeuropa näher aneinander gerückt als jedes Ereignis zuvor“, schrieb ein Zuschauer. Ein Holländer lobte die Engländer: „Dear Sirs of the BBC“, schrieb er nach London, „you did do a damn good work“. Die enorme, heute unvorstellbare Wucht des „Live“-Effekts beschrieb Carl Haensel in der FAZ so: „Ich sah während der Übertragung, wie sich Frauen neben mir bekreuzigten, weil sie sich in der Kirche anwesend fühlten.“ Die europäische Presse war begeistert. Der Begriff „Fernsehereignis“ kam auf.

Davon wollte man mehr. Die neun Spiele der Fußball-WM, die dann Deutschlands „Helden von Bern“ für sich entschieden, waren die erfolgreichsten Eurovisions-Ereignisse im ersten Jahr 1954. Von TV-Rechten war kaum die Rede. Legendär ist die Frage des Präsidenten des Schweizer Fußballverbandes an den Eurovisions-Vertreter Marcel Bezencon: „Wie viel zahlen Sie?“ – „Gar nichts.“ – „Machen Sie Witze?“ Bezencon zahlte dann aber doch 10.000 Schweizer Franken. Die Veranstalter fürchteten, die Stadien könnten leer bleiben, wenn das Fernsehen live überträgt.

Israel war das erste Land außerhalb Europas, das am Eurovision Song Contest teilnahm

Tatsächlich war Israel 1973 dann das erste Land außerhalb Europas, das am Eurovision Song Contest teilnahm. Und zwar gleich ziemlich erfolgreich: Sängerin Ilanit (damals 25) landete mit dem auf Hebräisch gesungenen Titel „’Ey sham“ (Irgendwo) auf Platz vier von 17 Teilnehmern. Der Abend in Luxemburg stand noch im Schatten des Massakers bei den Olympischen Sommerspielen in München einige Monate zuvor. Die Angst vor Attentaten war groß – so groß, dass die aus Tel Aviv stammende Ilanit bei ihrem Auftritt im Großherzogtum eine kugelsichere Weste unter ihrem Abendkleid trug. Den Zuschauern im Saal war es verboten, sich vor Veranstaltungsende von den Sitzen zu erheben.

Seit dem Debüt vor 45 Jahren gewann Israel bereits vier Mal den ESC. 1978 in Paris schafften es Izhar Cohen & The Alpha-Beta mit dem Titel „A-Ba-Ni-Bi“ auf den Thron, und beim Heim-ESC im Jahr darauf, 1979 in Jerusalem, siegten gleich auch Gali Atari und Milk & Honey mit „Hallelujah“. Das Land sah sich allerdings außerstande, zwei ESCs am Stück zu organisieren. Die Niederlande sprangen in die Bresche – doch Israel kniff auch als Teilnehmer: Weil der Finaltermin am 19. April auf den israelischen Nationalfeiertag Jom haZikaron fiel, an dem traditionell der gefallenen israelischen Soldaten und zivilen Opfer des Terrorismus gedacht wird, nahm Israel am Wettbewerb nicht teil. Prompt nutzte Marokko, Israel in herzlicher Abneigung verbunden, die Abwesenheit des Erzfeindes – und nahm zum ersten und bisher einzigen Mal teil. Das Ergebnis: Samira Saïds „Botschaft der Liebe“ kam nur auf den vorletzten Platz. Soviel zu der absurden und gerne penetrierten These der Veranstalter, der ESC sei eine gänzlich unpolitische Veranstaltung. Pustekuchen.

1998 landete Dana International für Israel mit „Diva“ auf dem Spitzenplatz

1998 dann landete Dana International für Israel mit „Diva“ auf dem Spitzenplatz, und 2018 in Lissabon gelang Netta mit ihrem rätselhaft-durchgeknallten Partysong „Toy“ der Sieg. Diesmal tritt das Gastgeberland mit dem Sänger Kobi Marimi aus einem Vorort von Tel Aviv und dessen dramatischer Ballade „Home“ an. Ein Heimspiel? Das schon. Aber die düstere Ode an alle Unterdrückten dieser Welt mit spirituellem Backgroundchor wird es schwer haben.

Vier Siege also – Israel ist fest etabliert beim ESC, auch wenn es im Vorfeld Gezänk und Chaos um die Finanzierung, die politische Ausrichtung und den rechtlichen Status des 2017 auf neue Beine gestellten israelischen Staatsrundfunks Kan gab.

Und falls Europa eines Tages doch ein Staat sein sollte, vielleicht in 50 oder 100 Jahren, kann es nur eine Hymne geben: das Prélude aus dem „Te Deum“ Nummer H 146 des französischen Barockkomponisten Marc-Antoine Charpentier aus dem 17. Jahrhundert. Mit diesen 36 Tönen (“Da-da-dada-da-da-daa-daa „) ist der Mann unsterblich geworden. Es ist die berühmteste Fernsehmelodie Europas – und es war das Lieblingsstück des französischen Rundfunkpioniers Jean D’Arcy, eines der Mitbegründer der Eurovision.

„Jetzt wird’s international“, signalisiert die Hymne noch heute. Das alte Logo mit den Sternen (das die spätere EU-Flagge vorwegnahm) verlieh dem vermufften Fernsehen der Sechziger einen Hauch von Weltbürgertum – mit dem „Spiel ohne Grenzen“ oder eben dem Grand Prix d’Eurovision de la Chanson. Und mit Hans Joachim Kulenkampffs multiliteralem Wissenswettstreit „Einer wird gewinnen“. Der trug nicht zufällig das gleiche Kürzel wie die damalige „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“: EWG.

Gehört Australien auch zur europäischen Rundfunkzone?

Und Australien? Das Land kann doch unmöglich zur europäischen Rundfunkzone gehören? Es handelt sich um einen kunterbunten Sonderfall: Australien ist seit dem Abba-Jahr 1974 verknallt in den ESC. Seit „Waterloo“ wird der Contest Down Under live übertragen – und hat trotz der frühmorgendlichen Sendezeit eine riesige Fangemeinde. Zum 60. Geburtstag des ESC im Jahr 2015 entschied sich die Rundfunkunion zu einem spektakulären Coup: Zum ersten Mal durfte Australien – das immerhin assoziiertes Mitglied der EBU ist – als Gastkandidat am Finale teilnehmen. Seither ist Australien sogar regulärer ESC-Teilnehmer, muss sich allerdings zunächst regulär im Halbfinale beweisen. Israel dagegen ist in diesem Jahr als Gastgeber für das Finale gesetzt.

Von Imre Grimm/RND

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