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Medien & TV ESC 2019: Blut, Schweiz und Tränen
Nachrichten Medien & TV ESC 2019: Blut, Schweiz und Tränen
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20:14 18.05.2019
Die beiden Sängerin Carlotta Truman (links) und Laurita Spinelli, Teil des Duos „Sisters“. Quelle: Ilia Yefimovich/dpa
Tel Aviv

Hat der kleine Mann mit dem Hut da gerade „Dirty dancing“ gesungen? Hat er. Aber mit der wunderfeinen Kino-Schmachtschnulze von 1987 hat sein eiskalter Partysong nichts zu tun. Das ist schon zynisch, was der blutarme Cousin von Justin Timberlake da abliefert: „She Got Me“ heißt das Lied, mit dem Luca Hänni aus der Schweiz den Eurovision Song Contest 2019 gewinnen will. Der „Deutschland sucht den Superstar“-Gewinner von 2012 gilt aus Gründen, die im Nebel liegen, als Favorit beim transkontinentalen Powerballaden-Popspektakel, bei dem sich in Tel Aviv in der kommenden Woche 41 Länder um die europäische Popkrone bewerben.

Warum überhaupt Israel?

Weil die grundsympathische Wuchtbrumme Netta Barzilai 2018 in Lissabon mit ihrem durchgeknallten Hühnertanz „Toy“ den ESC gewann. Wir erinnern uns: „Rrrrrr! Autsch! He! Hm! La! Rrrreee! Bockbock-hmm!“ Nicht Jerusalem wird in dieser Woche zur Popzentrale auf Zeit, sondern die Mittelmeer-Partymetropole Tel Aviv. Orthodoxe in der Hauptstadt hatten mit Erfolg gegen die Störung der Sabbatruhe am Sonnabend protestiert. Die ESC-Kernzielgruppe ist elektrisiert: Jeder fünfte Einwohner von Tel Aviv ist angeblich homosexuell. Willkommen zu Hause.

Mehr zum Thema:
Tüll Aviv – Das ESC-Tagebuch aus Tel Aviv. Tag 2: Party unter Polizeischutz

Was soll denn das schon wieder alles kosten?

Zwischen 15 und 25 Millionen zahlt der Gastgeber für die Produktion eines ESC. Nach dem eventüblichen Finanzierungsstreit in Israel, als die Party kurz gar auf der Kippe stand, will man die Bilanz mit hohen Ticketpreisen ausgleichen: Die Preise für das Finale liegen zwischen rund 280 und 490 Euro. Selbst ein Probenticket kostet knapp 90 Euro. Deutschland übrigens zahlt pro Jahr unter 400.000 Euro für die ESC-Teilnahme – für acht Stunden Livefernsehen. Das sind 833 Euro pro Minute. Beispielrechnung: Eine Minute Premier-League-Fußball kostet Sky in England 28.000 Euro, eine Minute „Tatort“ kostet die ARD etwa 15.500 Euro im Schnitt. Eine österreichische Denkfabrik mit dem schönen Namen Institut für Höhere Studien hat errechnet, dass der Werbewert der Riesenparty mit 160 Millionen TV-Zuschauern bei 100 Millionen Euro liegt.

Was hat das Publikum zu erwarten?

Schlimme, schlimme Dinge. Und einzelne Perlen. Der sturzöde offizielle ESC-Slogan lautet „Dare to Dream“: Wage es zu träumen. Trotzdem dominieren altbackene, tränenreiche Balladen. Der Pausenact im Finale kommt vom inzwischen etwas zerlebten Weltstar Madonna (60). Sie bringt angeblich 65 Tänzer und eine 160-köpfige Entourage mit auf Dienstreise nach Tel Aviv. Wie sollte man auch klarkommen ohne persönliche Nasenhaarschneiderin und Smoothie-Beauftragte? Die Kosten von 1,3 Millionen Euro trägt der israelisch-kanadische Geschäftsmann Sylvan Adams privat.

Und wer hat Siegchancen?

Na, wer schon? Schweden. Wie immer. Der schneidige Lionel-Ritchie-Nachbau John Lundvik liefert die übliche Powerballade mit Bumsrefrain, die diesmal „Too Late For Love“ heißt. Aber seit die britischen Buchmacher ihre Taubenknochen geworfen haben, steht auch Italien hoch auf der Hoffnungsliste: Sänger Mahmood („Soldi“) singt über die verkorkste Vater-Sohn-Beziehung. Inhaltlich lässt Cat Stevens grüßen, musikalisch der übliche Europop-Elektrosound mit Glöckchen und ein paar Restgitarren. Ihm und Luca Hänni könnte noch Holland gefährlich werden (mit dem Erlösungsballadeur Duncan Laurence), außerdem Russland (mit dem ESC-Wiedergänger und schwer gekränkte Zweitplatzierten von 2016, Sergey), Malta (mit einer Powerblondine mit Powerballade) oder auch Norwegen (mit einem koffeinarmen Trio namens Keiino). Favorit der Redaktion: Die ebenso feine wie chancenlose Folkballade „That Night“ aus Lettland. Die Common Linnets aus den Niederlanden („Calm After The Storm“, 2014) lassen grüßen.

Und was ist ganz furchtbar?

Wo beginnen? Gleich mehrere Songs haben Chancen auf den Ehrentitel „Die längsten 180 Sekunden des ESC-Jahrgangs 2019“: Peinlicher Liebeskitsch dreier montenegrinischer Pärchen, die sich ganz doll lieb haben („Chhhhartbreak was si only ting…“), dazu die antikapitalistische Performance-Grupp Hatari aus Island, die klingt, als habe ein 14-Jähriger ohne Ohren Rammstein-Hits nachgebaut, und folkloristischer Schreigesang aus Polen.

Und Deutschland?

Nun ja, Deutschland. Der vierte Platz für Michael Schulte in Lissabon war Balsam auf die verwundete nationale Popseele, aber die „S!sters“ Carlotta Truman & Laura Kästel alias Laurita Spinelli werden es schwer haben. Ihre gefällig-schwesterliche Botschaft gegen Zickenkrieg und Drama („Sister“) ist sympathisch, und zum Autorenteam gehört neben Laurell Barker, Marine Kaltenbacher, Tom Oehler auch Thomas Stengaard, der an Schultes Erfolgstitel „You Let Me Walk Alone“ mitgeschrieben hat. „Die Idee von ,Sister‘ ist gedacht als ein Beitrag zur ,MeToo‘-Debatte“, sagt ARD-ESC-Chef Thomas Schreiber. Aber auch er weiß: Zu viel Zeitgeistanbiederung ist gefährlich. Ralph Siegel lässt grüßen. Ein erneuter Top-Ten-Platz wäre eine Überraschung.

Und was war jetzt mit dem Blut?

Blut soll eine besondere Rolle spielen beim ESC 2019. Der Russe Lazarov hat in einem Interview ausgeplaudert, dass alle ESC-Teilnehmer vertraglich gehalten seien, ihr Blut extra für die Show auf genetische Wurzeln untersuchen zu lassen – als Beweis dafür, „dass wir alle verbunden sind“. Jesses.

Wie ist denn der Zeitplan?

35 von 41 Ländern müssen das Halbfinale überstehen. Das erste ging am Dienstag, 14. Mai, über die Bühne, das zweite am Donnerstag, 16. Mai (um 21 Uhr, live bei ARD One). Deutsche Zuschauer dürfen im zweiten Halbfinale mit abstimmen, zur Hälfte zählen internationale Juryvotings. In der deutschen ESC-Jury sitzen Annett Louisan, Nico Santos, Michael Schulte, Produzent Joe Chialo (Airforce1 Records) und Laing-Friontfrau Nicola Rost. Die fünf großen ESC-Geldgeber Deutschland, Großbritannien, Spanien, Italien, Frankreich („Big Five“) plus Gastgeber Israel sind fürs Finale am Sonnabend, 18. Mai, (21 Uhr live im Ersten) gesetzt. Kommentator ist Peter Urban. Am Finalabend steigt von 20.15 Uhr an live die ARD-Countdown-Show auf der Reeperbahn, moderiert von Barbara Schöneberger. Mit dabei sind Michael Schulte, Sarah Connor, Stefanie Heinzmann, Laing, Annett Louisan und Nico Santos. Und natürlich das sachfremde, aber stets tapfere „Wort“ zum Sonntag.

Von Imre Grimm / RND

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