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Medien & TV „War gut, Harry!“
Nachrichten Medien & TV „War gut, Harry!“
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13:14 02.01.2019
Der Kommissar im Kreise seiner Lieben: (v. l.) Robert Heines (Reinhard Glemnitz), Walter Grabert (Günther Schramm), Kommissar Herbert Keller (Erik Ode), Harry Klein (Fritz Wepper). Quelle: Neue Münchner Filmproduktion
München

Lieber Kommissar Keller,

50 Jahre ist es nun her, seit wir Sie und Ihr Team zum ersten Mal im Fernsehen sahen. Und von der nervenzerfetzenden Titelmusik bis zur Aufklärung des Falls und der Verhaftung des Bösewichts irgendwo in München, saßen wir beim ZDF in der ersten Reihe, als hätte man uns mit Handschellen ans Sofa gekettet: Oma, Opa (die Eltern waren freitags Kegeln) und wir Kinder, die wir – bettfertig im Schlafanzug – länger aufbleiben durften, obwohl es sonnabends im Fränkischen noch alle 14 Tage in die Grundschule ging.

Gelegentlich wanderte die Hand während des Anstiegs der Spannungskurve zu den Salzletten, aber selbst beim Verknuspern versuchten wir leise zu sein, um Ihre Gedankengänge hinter der hohen Stirn nicht zu stören, werter Herr Keller, denn es ging schließlich um das Verbrechen, das Entlarven des Täters, die Wiederherstellung der Balance. Und man war erst beruhigt, wenn der Schurke von der Straße war, und Sie mit ihren Kollegen den Alles-wieder-gut-Cognac schlürften, den Ihnen die mütterliche Sekretärin Rehbein(chen) in die Schwenker goß. Dann ging es beruhigt in die Federn. Fall gelöst – anders als beim nachhaltig verstörenden „Aktenzeichen XY“, wo vieles erstmal und manches für immer „ungelöst“ blieb, und der Mitternachtsmörder womöglich gerade vor unserem Haus überlegte, dass wir seine perfekten nächsten Opfer abgeben würden.

Was Sie auszeichnete, war Ihre Güte. Ihr Blick hatte zwar beim Überführen die Entschlossenheit von John Wayne, wenn der auf Liberty Valance anlegte. Danach jedoch war in Ihren Augen wieder nichts als Mitgefühl zu erkennen mit den vom Weg der Moral abgekommenen Mördern. Geduld war Ihre Stärke, dazu kam Ihr klassenloses Denken. Den Obdachlosen Biebach (gespielt von Rudolf „Der Hauptmann von Köpenick“ Platte) mit dem schlechten Gedächtnis begleiteten Sie in der Folge „Der Tennisplatz“ höchstpersönlich einen ganzen Tag lang mit milden Worten quer durch München, um seinen Erinnerungen auf die Sprünge zu helfen.

Nie wäre dabei einem Schurken in Ihrer Gegenwart ein „Fick dich ins Knie, Alter!“ über die Lippen gekommen. Nie wären Sie ihm mit ähnlicher verbaler Unflat auf die Pelle gerückt. Die Krimisprache war auch im ersten Jahr nach dem alles verändernden Revolutionsjahr 1968 noch sauber, die Frauen behielten noch ihre Garderobe am Leib. Anders als zwei paar Jahre später im Ersten beim „Tatort“-Zollfahnder Kressin, den Oma nicht leiden mochte wegen seiner liederlichen James-Bond-Libido und der gelegentlichen freien Sicht auf seine undamenhaft textilfreien Bettgefährtinnen.

Lieber Herbert Keller, Sie stehen heute mit ihren 97 Fällen (das Jubiläum war zum Greifen nah und war Ihnen doch nicht verstattet) ungerechterweise im Schatten von „Derrick“, ihres Münchner Kollegen, der fast ein Vierteljahrhundert Schurken schnappte und noch neun Jahre nach dem Mauerfall ermittelte, der also eine Kultfigur auch des wiedervereinigten TV-Deutschlands wurde. Während Sie der Bonner Republik zugeschlagen blieben – ein Held des alten Westdeutschlands und bis zum Ende 1976 strikt in Schwarzweiß, wo alle Kollegen schon längst in Farbe ermittelten. Wir haben Sie noch lange vermisst. Ihre Kollegen übrigens auch: Walter Grabert, der mit der Pfeife immer ein wenig an einen – allerdings eher deduktionsschwächeren – Sherlock Holmes erinnerte, Robert Heines, der aussah, als käme er direkt vom amerikanischen „77 Sunset Strip“, und der jugendliche Harry Klein, der von Ihnen gelegentlich ein väterliches „War gut, Harry!“ abbekam, bevor er dann 1974 als ewiger Wagenholer zu Stephan Derrick wechselte.

Ach ja,eins noch: Sie brachten uns die Attraktion des Nikotins nahe, verehrter Herr Keller, und waren für den Glimmstengel ein weit besserer Werbeträger als der Marlboromann oder jener Indiana-Jones-Verschnitt, der mit seinem durchlöcherten Schuh meilenweit für eine Camel Filter ging. Zigaretten waren toll, weil Sie rauchten und Ihr völlig verqualmtes Büro uns den Eindruck ultimativer Gemütlichkeit vermittelte. Wir Kinder klemmten uns auf dem Krimisofa zuhause die Salzletten zwischen unsere Zeige- und Mittelfinger und zogen daran, als wäre sie eine Peter Stuyvesant. Und ab 1972 goß uns Oma öfter mal einen Tropfen Eierlikör in ein Winziggläschen, das wir dann mit der Zunge ausstippten. Da fühlten wir uns wie in Ihrem Team, wo auf das schnelle Unterwegsbierchen und den Whisky in der Verdächtigenvilla der finale Weinbrand im Kommissariat folgte. Bei ihrem Nachfolger, dem „Alten“, drückten wir dann vor dem Bildschirm schon unsere eigenen Kippen im Drehaschenbecher aus.

Heute rauchen wir längst nicht mehr, haben auch das Ungesunde im Alkohol erkannt und stippen beim Netflix-Bingewatchen von „Ozark“ und „Bodyguard“ nur noch Stangensellerie in Joghurtdip. Aber manchmal steigt in uns die Sehnsucht auf nach einem echten Lagerfeuerfernsehabend wie zu Ihren großen Zeiten: 60 Krimiminuten ohne Cliffhanger, 66 Prozent Einschaltquote, und am Tag darauf redet das ganze Land darüber, wie Sie das wieder hingekriegt haben mit den Verbrechern.

Heutzutage, lieber Herr Keller, schaut jeder was anderes, das Individuelle und Freie am neuen Fernsehen hat das Gemeinschaftliche und Kommunikative besiegt und Ihr gutes altes ZDF wird wohl bald zu einer großen Mediathek werden. Die Zeiten haben sich geändert, Sie aber wirken auch 50 Jahre später auf DVD noch so souverän wie damals. Danke für Ihren mannhaften Kampf gegen das Böse. Und grüßen Sie Rehbeinchen von mir und meinem Bruder.

Von Matthias Halbig / RND

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