Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Kultur Wilco-Sänger: Wie die Musik Jeff Tweedy rettet
Nachrichten Kultur Wilco-Sänger: Wie die Musik Jeff Tweedy rettet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:01 24.08.2019
Singen gegen das eigene Leid: Der Sänger der Band Wilco, Jeff Tweedy.

Jeff Tweedy ist jetzt 51, derselbe Jahrgang wie Kurt Cobain. Beide sind Stimmen ihrer Generation. Nirvana-Sänger Cobain, Plattenmillionär, labil, verzweifelt und heroinabhängig, nahm sich 1994 das Leben. Tweedy, süchtig nach Schmerzmitteln wegen chronischer Migräne, geplagt von Panikattacken und Stimmungsschwankungen und vermutlich nicht minder grüblerisch, gründete Wilco, eine der besten amerikanischen Bands unserer Zeit.

Vor Wilco hatte er mit Uncle Tupelo eine neuartige silikonfreie Countrymusik gespielt. Sie war eine Alternative zu den hübschen Achy-Breaky-Heart-Produkten aus der Hitfabrik Nashville. Das erste Uncle-Tupelo-Album hieß „No Depression“.

Ich kann mich wirklich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich keine Kopfschmerzen gehabt hätte

Jeff Tweedy; Sänger

Tweedy sitzt in einer Garderobe des Paradiso in Amsterdam, wo seine Band an zwei Juniabenden auftritt. Er spricht über seine Autobiografie. „Let’s Go (So We Can Get Back): Aufnehmen und Abstürzen mit Wilco etc.“ ist vor allem eine Zusammenfassung der eigenen Selbstrettung durch die Geborgenheit, die ihm das Musikmachen und eine „wirkliche Familie“ geben. Für sein Buch gelte dasselbe wie für seine Songs: „Ich reiche es hinaus, versuche, eine menschliche Verbindung auf einer tieferen Ebene herzustellen.“ Wer will, kann sich selbst wiedererkennen: „Oh, da ist noch einer, der mit Einsamkeit und Dunkelheit kämpft.“

„Ich kann mich wirklich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich keine Kopfschmerzen gehabt hätte“, schreibt er. „Einer der Gründe, warum Schmerzmittel eine derart attraktive Droge für mich wurden, war ihre mütterliche Wirkung. Es gibt ein warmes Gefühl von Wohlbefinden, das mit dem Konsum von Opiaten einhergeht.“ Womöglich fühlte er sich durch sie ähnlich sicher wie als Kind, als er mit seiner Mutter abends auf dem Sofa Judy-Garland-Filme sah.

Vater nimmt in seiner Autobiografie Hauptrolle ein

Tweedys 2017 gestorbener Vater nimmt im Buch eine Hauptrolle ein. Auch jetzt beim Interview. Bob Tweedy, der bei der Bahn arbeitete, war nahezu sein ganzes Leben lang Trinker. Seit seinen Teenagerjahren, schreibt der Sohn, behandelte sein Vater die eigenen Depressionen und Angstzustände mit Alkohol. „Ich wünschte, ich hätte mehr tun können, um ihm zu helfen.“ Am liebsten hätte er ihn davor bewahrt, „ein Leben zu leben, das nicht erfüllt war“.

Denkt er an seinen Vater, wenn er „Hummingbird“ singt, so wie am ersten Abend in Amsterdam? Bob mochte den Song sehr. „Gestern? Nein“, antwortet der Sohn. Manchmal aber schon, wenn er mit Wilco in der Nähe von Belleville spielt, der Kleinstadt im Süden von Illinois, in der er aufgewachsen ist. Tweedy beschreibt den Ort seiner Kindheit und Jugend als deprimierende, sterbende Stadt, geprägt vom wirtschaftlichen Niedergang der US-Stahlindustrie im Mittleren Westen. „Viele alte, leer stehende Gebäude und viele volle Kneipen.“ Tweedy flüchtete nach Chicago.

Plagen ihn Schuldgefühle? „Ich fühle mich nicht für meinen Vater verantwortlich. Er hatte eine zweite Chance. Er hatte für die letzten zehn Jahre seines Lebens eine Freundin, die vielleicht ein bisschen besser zu ihm passte als meine Mutter. Ich bin eher traurig, wenn ich an sie denke. Sie hatte nie die zweite Chance.“ Seine Mutter, die sein erster Fan war, starb 2006.

Tweedy beschreibt sein Gefühl als das „schlechte Gewissen eines Überlebenden“. „Ich fühle mich begünstigt, weil ich Hilfe fand, weil ich meine Familie und die Band nicht zerstörte, als ich abhängig war.“

Tweedy und seine Frau Sue Miller haben zwei Kinder, Spencer und Sam. Glaubt er, dass er sein Familienglück und den Erfolg mit Wilco nicht verdiene? „Vielleicht“, sagt er. „Es ist schwierig.“ Er wisse, dass man das Leben anderer Menschen, einschließlich das der eigenen Eltern, nicht reparieren könne.

Country-Rock kombiniert mit Schrägheit

Tweedys Aufrichtigkeit, auch seine sanfte Selbstironie sind berührend. „Ich brauche eine Gitarre, die sich nicht himmelwärts erhebt, weil meine Stimme da nicht mithalten kann“, meint er. Er bevorzugt deshalb abgenutzte Gitarrensaiten. „Ich brauche Saiten, die nach mir klingen, einem vom Untergang raunenden, 50-jährigen Borderline-Misanthropen und Mittagsschlafenthusiasten.“

„How to Fight Loneliness“ heißt einer der schönsten Wilco-Songs. Wie man der Einsamkeit begegnet. Tweedy singt häufig über Menschen, die sich allein gelassen vorkommen, die sich hilflos fühlen in einer ziemlich komplizierten, lauten, brutalen Welt. Wilco ist gewissermaßen Sgt. Tweedys Lonely Hearts Club Band. Denn die sechs Musiker kombinieren ihren Country-Rock mit der Schrägheit der experimentierfreudigen Beatles, mit „elektronischen Insekten“, wie Tweedy sagt. Bei Wilco gibt es keinen Schönklang ohne Störung.

Auf dem bisher erfolgreichsten Album, „Yankee Hotel Foxtrot“, beschreibt der Musiker die Orientierungslosen und Konfusen: Sie rauchen wie französische Existenzialisten, lassen sich mit Diätcola volllaufen, sie lesen all die Bücher, kapieren aber nichts. „I wonder why we listen to poets when nobody gives a fuck.“

Warum tut man so, als ob? Wir unterhalten uns über „bullshitting“, grob übersetzt mit „Scheiße erzählen“, anderen etwas vormachen – und letztlich auch sich selbst. „Every­body is bullshitting all the time“, sagt der 51-Jährige. Er meint damit gar nicht mal Realitätsfälscher wie den aktuellen US-Präsidenten, sondern ganz normale Leute, die nur vorgeben, stark zu sein, obwohl sie sich ganz anders fühlen – unsicher, verletzlich, schwach. „Ich will nicht, dass meine Kinder glauben, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, wenn sie weinen und kämpfen. Ich möchte, dass sie ihre Eltern als Menschen erleben, die genauso weinen und kämpfen, die straucheln, aber durchhalten“, sagt er.

Jeff Tweedy will anderen Mut zu machen

Tweedy ist ein Sad-Song-Schreiber. Er wollte nie Hits erschaffen, die im Sommer aus jedem offenen Autofenster dringen.„Traurige Lieder mag ich einfach am liebsten.“ Ihn interessieren die „unerwünschten Emotionen“, um die man sich kümmern muss. „Die meiste Zeit meines Lebens habe ich damit verbracht, diese Gefühle zu akzeptieren“, sagt er. „Stell dir vor, du schreibst einen Happy-Song und bist gezwungen, ihn jeden Abend zu singen. Das würde mir irgendwann falsch vorkommen.“

Egal, ob Jeff Tweedy über Privatangelegenheiten wie den Aufenthalt in der Entzugsklinik und die Krebserkrankung seiner Frau oder Bandkrisen („Eine Band ist kein heiliger Bund“) und das Wesen von Kreativität („Ich glaube, das Künstler trotz ihres Leidens kreieren, nicht wegen“) schreibt: Immer scheint es ihm darum zu gehen, anderen, die in Schwierigkeiten geraten sind, Mut zu machen. Als wollte er seinen Lesern sagen: Bitte nicht aufgeben!

Ihm hilft Musik. „Musik ist Magie“, schreibt er. „Auf jeden Fall wünsche ich mir für jeden, dass er etwas findet, um die Zeit rumzukriegen, ohne dabei Menschen wehzutun – inklusive sich selbst.“

Jeff Tweedy: „Let’s Go (So We Can Get Back): Aufnehmen und Abstürzen mit Wilco etc.“. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 22 Euro. Wilco geben im September Konzerte in Berlin (12.9.), Köln (13.9.) und Hamburg (14.9.). Das neue Wilco-Album „Ode to Joy“ erscheint am 4. Oktober.

Von Mathias Begalke/RND

Taylor Swift veröffentlicht ihr neues Album “Lover”. Die Songs handeln von verschiedenen Arten der Liebe, aber auch von Selbstbefreiung. Und die streitbare Sängerin aus Nashville wird in ihren Popsongs auch politisch.

17.09.2019

Das ist die neue deutsche Farbenlehre: Nach dem gelben Sack und dem blauen Engel kommt jetzt der grüne Knopf für faire Kleidung. Alles für den blauen Planeten.

23.08.2019

Am Freitag eröffnet das Musikfestival “Jamel rockt den Förster” im kleinen Dörfchen Jamel nahe Wismar. Welche Bands treten in diesem Jahr auf, und gibt es noch Tickets?

23.08.2019