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Nachrichten Kultur Was ist Ihr Weihnachtswunsch, Shakin’ Stevens?
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22:00 21.12.2018
König des Rock-’n’-Roll-Revivals: Shakin’ Stevens im Gespräch über seine Karriere, Familienerinnerungen und seine Deutschland-Tour 2019. Quelle: Imago

Herzlichen Glückwunsch, Herr Stevens. Sie sind alle Jahre wieder in den britischen Charts. Seit 2008 steigt „Merry Christmas Everyone“ jedes Jahr verlässlich ein bisschen höher. Im Advent 2017 kam Ihr Weihnachtssong bis auf Platz zehn. Braucht man einen Weihnachtshit?

Das Lied macht mich jedes Jahr sehr glücklich (lacht). Ja, in England möchte man als Popstar unbedingt eine Weihnachts-Nummer-eins haben, und dieser Song hat das für mich erreicht. Da bin ich in guter Gesellschaft mit Bing Crosbys „White Christmas“ und John Lennons „Happy Xmas – War Is Over“. Vielleicht schafft er es am Ende ja noch ein zweites Mal auf den Spitzenplatz.

Singen Sie auch zu Hause Weihnachtslieder?

Immer und vor allem „Silent Night“ – das ist mein liebstes Weihnachtslied. Es hat diese wunderbaren Worte und diese behagliche Feiertagsstimmung.

Wie werden Sie das Fest 2018 feiern?

Normalerweise verbringen wir die Festtage mit Familie und Freunden. Es stehen aber speziell in diesem Jahr bis zuletzt viele Termine an. Wir fallen praktisch in Weihnachten hinein. Sogar am Heiligabend gebe ich noch ein Konzert in meiner Heimatstadt Cardiff. Danach geht’s nach Hause nach Bucks (Buckinghamshire, d. Red.). Ich mache dann die Tür hinter uns zu und ruhe mich ein paar Tage aus. Weihnachten 2018 – das wird so still wie möglich.

Ihr jüngstes Album „Echoes of Our Times“ ist ungewöhnlich persönlich – eine Hommage an Ihre Familie. Dafür mussten Sie viel recherchieren. Kannten Sie die Geschichten nicht?

Mit den Eltern waren wir 13 Leute in unserer Familie. In den Tagen, in denen ich aufwuchs, wurden wir Kinder gesehen, aber nicht gehört. Man sprach nur, wenn man von den Erwachsenen angesprochen wurde. Wenn meine Mutter in der Küche familiäre Probleme mit ihrer älteren Schwester besprechen wollte, wurden ich und mein Bruder Leslie immer zum Spielen rausgeschickt. Wir bekamen nichts mit. Lauter Geheimnisse, die uns nicht belasten sollten. Viele Jahrzehnte später stellte ich fest, dass ich praktisch gar nichts über meine Familie wusste. Und jetzt wollte ich alles über meine Ahnen erfahren.

In dem Song „Down in the Hole“ erzählen Sie von den Bergarbeitern unter Ihren Vorfahren.

Ich hatte Vorfahren in Cornwall – wir haben das bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt –, die bauten Kupfer ab. Sie verbrachten ihr Arbeitsleben in tiefen, feuchten Höhlen, stiegen endlos lang Holzleitern hinab, arbeiteten ihre harte, lange Schicht und stiegen endlos lang wieder hinauf. Auch Frauen und Kinder waren darunter. Es gab schreckliche Unfälle, Leute fielen von den Leitern und verschwanden für immer in der Schwärze. Eine fürchterliche Welt.

Ging es bei Ihrem Album darum, dass etwas von diesen Menschen übrig bleibt?

Sie sollen erinnert werden, deshalb wurden sie zu Liedern. Wie meine Großmutter in „The Fire in Her Blood“. Sie hatte 14 Kinder, sie war arm und arbeitete trotzdem in der Heilsarmee für die, denen es noch schlechter ging. Sie ist mein „Leuchtturm“, was Güte betrifft. Noch heute spielen viele aus unserer Familie in Heilsarmeekapellen.

Wären Sie ohne die Musik vielleicht auch in einem Knochenjob gelandet?

Den Gedanken hatte ich immer mal wieder. Ja, das wäre gut möglich gewesen.

War Musik also auch eine Art Flucht vor dem „kleinen Leben“ für Sie?

Was mich überhaupt zur Musik brachte, war gerade die Familie. Wir waren 13, ich war der Jüngste, das „Baby“, und es war immer Musik um mich herum. Wir hatten ein Grammofon zum Ankurbeln und 78er-Platten – Songs aus den Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahren. Es wurde immer gesungen, alle Barratts konnten singen, das war unsere Gabe. Wir sangen an Festen, Hochzeiten. Ich singe, solange ich denken kann.

Was sangen Sie damals?

In der Junior School hatte sich herumgesprochen, dass ich singen konnte. Sie hatten da so ein Puppentheater, und der Lehrer brauchte jemanden, der „Don’t You Rock Me Daddy-O“ von Lonnie Donegan, dem Skifflekönig, singen konnte. Ich kannte den Text von zu Hause und bekam die Rolle. Danach war es so, dass der Lehrer, kurz bevor die Schule um 4 Uhr aus war, sagte: „Komm, schenk‘ uns noch schnell ein Lied.“ Das tat ich, danach klingelte die Schulglocke und alle stürmten nach Hause. Von dieser Zeit an wollte ich Sänger werden. Und das war lange, bevor wir unser erstes Bandequipment mit einem Karren transportierten und später – mit Führerschein – mit einem Lieferwagen.

Hüftschwung und Glutblick: Shakin’ Stevens bei einem Konzert im Mai 1982 in Hannover. Quelle: HAZ

Ihr Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg – ein eher älterer Vater. Konnte man mit ihm auch über den Rock ’n’ Roll reden, über Ihre Lieblinge Elvis und Chuck Berry? Dafür war die ältere Generation ja gemeinhin eher unzugänglich.

Klar, das war nicht die Musik, die mein Vater mochte. Er stand mehr auf Country von Jimmie Rodgers. Er sang auch selbst gern, was er aber nicht mehr richtig konnte, seit er im Weltkrieg einen Gasangriff abbekommen hatte. Er tanzte viel. Ein musikalischer Mann in einer musikalischen Familie.

Bedauern Sie, dass Ihr Vater Ihren großen Durchbruch 1980 nicht mehr erlebt hat?

Ja, das ist sehr schade. Denn er war schon stolz auf mich. Er hatte immer ein Foto von mir dabei und sagte den Leuten: „Das da ist mein Sohn.“ Aber meine Mutter erlebte das noch. Ich erinnere mich, dass sie mit 84 Jahren zu einem Konzert nach Bristol kam. Ich habe sie als „very special lady“ vorgestellt, sie stand auf, bekam einen Scheinwerfer, winkte in den Saal und wirkte sehr glücklich.

Die Leute verschwinden mit denen, die sich an sie erinnern, werden zu Namen auf Grabsteinen, zu Unbekannten auf Fotografien. Weiß man noch etwas von Ihrem Onkel aus dem Titelsong „Echoes of Our Times“, der im Ersten Weltkrieg ums Leben kam?

Er hatte über sein Alter gelogen, um Schütze werden zu können. Der Pa-triotismus war unglaublich damals. Als er aufflog, warfen sie ihn raus. Aber er kam wieder zurück, diesmal gerade alt genug. Eine Sprengladung erwischte ihn, er wurde schwer verletzt. Er war verheiratet und starb elf Tage, bevor sein Sohn geboren wurde. Eine der traurigsten Familiengeschichten.

Planen Sie Ihre Autobiografie, um nicht ebenfalls zu „verschwinden“?

Das würde ich wirklich gern tun. Bislang gibt es nur schmale und ziemlich oberflächliche Büchlein über mich. Meine Lebensgefährtin und ich sammeln schon lange Geschichten für einen Memoirenband. Damit am Ende nicht nur übrig bleibt: Shakin’ Stevens kam aus Cardiff und machte Rock ’n’ Roll.

Zwischen 1990 und 2006 klafft in Ihrer Karriere eine Riesenlücke. Dann erschien das Album „Listen Now“ – aber nur in Dänemark. Was ist passiert?

Ich war die ganze Zeit über da, bin oft aufgetreten, habe viel Fernsehen gemacht, aber nahm keine Platten mehr auf. Dann wurde ich Gewinner bei einer TV-Show, bei der Popsänger Lieder von anderen Popsängern covern. „Trouble“ von Pink war mein Siegertitel, und der britische Chef von Sony wollte unbedingt ein Album folgen lassen. „Now Listen“ wurde dann mein stilistisches Brückenwerk zwischen Rock ’n’ Roll, wie er in den Fünfzigerjahren gespielt wurde, und Americana, zwischen Coverversionen und Songwriting. Dann zog der Sony-Boss überraschend nach Amerika und es war niemand mehr da, der dem Album half. Es erschien nur in Dänemark, wo kurz zuvor ein „Greatest Hits“-Album von mir direkt auf Nummer eins gegangen war. Der dänische Plattenfirmenchef hatte sich sehr dafür eingesetzt. Es stieg dort auch bis auf Platz acht. Überall sonst: kein Interesse. Das war ein schwerer Schlag.

Auch an Deutschland ist Ihr Comebackversuch damals vorbeigegangen.

Deutschland! „Marie, Marie“ blieb dort 1980 Ewigkeiten in den Charts, 37 Wochen! Ich hätte mich um euch kümmern müssen. Aber meine Rolle war damals die Musik, und mein Manager war für die Tourneen zuständig. Ich spielte überall, nur nicht in Deutschland. In der Rückschau ist das traurig. Aber die Achtzigerjahre waren so schnell vorbei, alles ging kopfüber, dass ich kaum mitbekam, was passierte.

Jetzt holen Sie das nach?

Es wird mehr Tourneen geben, auch in Deutschland, das ist versprochen. Ich beginne auch schon mit Arbeiten am nächsten Album. Gerade aber steht alles im Zeichen der kommenden Konzerte – erst Deutschland, dann Großbritannien. Es wird viel auf der Bühne passieren, es gibt viele, viele Instrumente: eine Trompete und ein Tenorsaxofon, Harmonika und Flöte, Piano, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Zwei Backgroundsängerinnen. Wir sind acht Leute – eine richtig große Band.

Werden auch die Hits gespielt?

Du musst die Hits bringen, manche bekommen dabei aber ein leicht verändertes Gewand. Es gibt auch Raritäten aus alten Zeiten und einige der neuen Songs.

Hat Ihr Herzinfarkt 2010 Ihren Blick aufs Leben verändert?

Auf jeden Fall. Ich rauche und trinke nicht mehr. Ich gehe jede Woche zu einem Ernährungsspezialisten und ins Fitnesscenter – nicht, um zu einem Herkules zu werden, sondern um den Körper in Form zu halten. Wenn du lange auf Erden unterwegs sein willst, und das will ich, musst du etwas dafür tun.

Haben Sie das kommen sehen?

Herzkrankheiten liegen bei uns in der Familie. Ich ahnte, dass etwas anrollt. Ich habe auch Ärzte konsultiert, als mein Herzrasen begann. Ich wurde sehr unruhig. Nach einem harten Studiotag begann mein Herz wieder einmal zu rasen. Ich beruhigte mich, schlief ein, aber diesmal wachte ich nicht mehr auf. Meine Lebensgefährtin Sue bemerkte die Veränderung und rief die Notrufnummer 999 an. Der Mann am Telefon wies sie an, mich vom Bett zu ziehen und dann: pumpen, pumpen, pumpen. Eine Rippe brach dabei. Dann brachten sie mich ins Krankenhaus, ich lag an Schläuchen, wurde operiert. Es war echt knapp. Aber heute geht es mir gut. Richtig gut.

Hat der Schrecken am Ende Ihr heutiges Comeback angestoßen?

(schweigt). Ja. Genau. Damit liegen Sie absolut richtig.

Auf dem neuen Album findet sich auch der Song „Love the World“. Was wünschen Sie der Welt für 2019?

Dass die ganze Zerstörung des Planeten endlich, endlich aufhört. Die Erderwärmung, das Schmelzen der Polkappen – es wird schlimmer, schlimmer und noch schlimmer. Wir müssen das jetzt ernsthaft angehen. Das ist mein größter Wunsch.

Noch eine Frage über die Geheimnisse von Popsongs: Haben Sie je rausgefunden, was hinter der „Green Door“ war?

Na ja, zumindest das Piano im Songtext, das steht fest. Da gibt es viele Gerüchte. Aber ich glaube, wir behandeln das weiter als Geheimnis. Dann bleibt der Song spannend.

Shakin' Stevens: Echoes Of Our Times Quelle: Label

Zur Person: Shakin’ Stevens

Der Song, der Shakin’ Stevens 1980 schlagartig europaweit bekannt machte, war „Marie, Marie“, das Klagelied eines Farmjungen, der mit einem Mädchen in die Stadt fahren möchte, aber von dessen Familie vertrieben wird. In den deutschen Charts stieg der Song zwar nur bis auf Platz 19, blieb aber dafür 37 Wochen darin.

Shakin’ Stevens heißt eigentlich Michael Barratt. Er wurde am 4. März 1948 als jüngstes von elf Kindern in Cardiff, Wales, geboren. Schon zu Schulzeiten gründete er seine erste Rock-’n’-Roll-Band. Mit den Sunsets spielte er 1969 im Vorprogramm der Rolling Stones. Aber es dauerte noch lange Jahre, bis Shakin’ Stevens’ Karriere Fahrt aufnahm. Seine bekanntesten Hits waren „This Ole House“, „You Drive Me Crazy“, „Green Door“ und „Oh Julie“. Shakin’ Stevens lebt heute mit seiner Lebensgefährtin Sue Davies in Buckinghamshire im englischen Süden.

Bald kommt Shakin Stevens auf Deutschland-Tour: 10. Februar: Offenbach – Capitol; 11. Februar: Hannover – Theater am Aegi; 12. Februar: Hamburg – Laeiszhalle, Großer Saal; 14. Februar: Berlin – UdK Konzertsaal; 17. Februar: Stuttgart – Liederhalle; 18. Februar: München – Tonhalle.

Von Matthias Halbig

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