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Kultur Ulrich Matthes: „Das Kino ist ein sozialer Treffpunkt“
Nachrichten Kultur Ulrich Matthes: „Das Kino ist ein sozialer Treffpunkt“
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16:03 29.04.2019
„Das Kino muss noch politischer werden“: Ulrich Matthes. Quelle: Florian Liedel / Deutsche Filmakademie

Herr Matthes, am 3. Mai werden nicht nur die Deutschen Filmpreise in Berlin vergeben, auch das Theatertreffen wird eröffnet: Haben Sie da überhaupt Zeit fürs Kino?

Na klar, als Präsident gehe ich zur Lola.

Im Februar sind Sie auf den Posten des Filmakademie-Präsidenten gewählt worden: Bereuen Sie es schon, Ihr Leben nun zwischen Theater und Kino auf der einen Seite und dem neuen Job auf der anderen aufteilen zu müssen?

Nein, gar nicht. Das Amt ist durchaus zeit- und energieaufwendig, aber wenn ich mich mal für eine Sache entschieden habe, dann mache ich sie mit größtmöglicher Leidenschaft und Intensität.

Mussten Sie inzwischen schon die eine oder andere Rolle absagen?

Nein, und das werde ich auch ganz sicher nicht tun! Ich muss dann halt an ein bisschen an Theater- und Drehplänen basteln.

Was möchten Sie denn in den nächsten drei Jahren anschieben in der Akademie?

Zum Beispiel möchte ich die Schere zwischen E und U verkleinern, die in Deutschland ja leider besonders groß ist. Diesen vermeintlichen Gegensatz zwischen Pfui-Deibel-Unterhaltung und intellektueller Hochkultur will ich versuchen aufzulösen. Da gibt es auf beiden Seiten verhärtete Positionen. Ich möchte dazu anregen, den Filmen der anderen mit mehr Neugier und Solidarität zu begegnen. Diese Schere gibt es übrigens in allen Künsten, nicht nur im Kino.

Sind Sie denn selbst auf beiden Seiten unterwegs?

Vor ein paar Jahren habe ich ein paar verdatterte Reaktionen eingeheimst, als ich eingestand, dass ich manchmal mit großem Vergnügen das „ Dschungelcamp“ gucke. Das hängt mir bis heute nach – so als könne sich jemand, der sich für Kleist begeistert, nicht auch mal eine halbe Stunde TV-Dschungel reinziehen.

Wird es bei der Filmgala eine Verabschiedung von Hannelore Elsner geben?

Darüber haben wir in der Akademie lange nachgedacht. Wir haben ja dieses besondere Format, in dem der Toten des Vorjahres gedacht wird. Da wird natürlich auch Hannelore Elsner gezeigt werden. Und dabei wollen wir es belassen. Wir möchten vermeiden, dass der Tod des einen Mitglieds irgendwie bedeutsamer erscheinen könnte als der Tod eines anderen. Auch Bruno Ganz ist gestorben. Wir wollen aber nicht zwischen Prominenten und nicht so Prominenten unterscheiden.

Die Crux der Lola-Vergabe ist, dass es dabei nicht nur um Ehre wie beim Oscar, sondern auch um drei Millionen Fördergeld aus der Schatulle der Kulturstaatsministerin geht: Wie lässt sich diese Verquickung aufdröseln?

Ich persönlich würde mich auch über jeden undotierten Preis freuen, über den 2000 Akademiemitglieder entschieden haben. Mit dem Preisgeld werden aber viele glücklich gemacht, besonders Produzenten: Sie hauen das Geld ja nicht auf den Kopf, sondern sind verpflichtet, es in ein nächstes Projekt zu stecken – womöglich in eines, das sonst nur schwer finanzierbar gewesen wäre.

Resultiert aus der finanziellen Abhängigkeit womöglich eine besondere Staats- und Monika-Grütters-Treue?

Das ist ja eine kuriose Frage! Haben Sie etwa das Gefühl, wir würden bei bestimmten Entscheidungen den Schwanz einziehen, weil wir glauben, es uns nicht erlauben zu können, die Staatsministerin mit ihrer Schatulle zu verärgern? So sind wir echt nicht! Wir haben ja absolute Kunstfreiheit in Deutschland – und das bleibt hoffentlich auch so.

Lässt sich da ein politischer Anspruch heraushören?

Unbedingt! Ich halte es für wichtig, dass sowohl die Akademie als auch das deutsche Kino noch politischer werden, als sie es schon sind. Nicht nur in Deutschland, auf der ganzen Welt wächst die Gefahr durch den Rechtspopulismus. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir in einer freiheitlichen, offenen Demokratie leben. Diese Errungenschaften stellt nun eine in wesentlichen Teilen demokratiefeindliche, rassistische, antisemitische Partei im Bundestag in Frage. Das ist eine Schande. Jeder und jede einzelne von uns in der Akademie sollte sich gegen den Rechtspopulismus positionieren.

Zur Person: Ulrich Matthes

Ulrich Matthes, 1959 geboren, zählt zu den renommiertesten Schauspielern in Deutschland. Er gehörte den Münchner Kammerspielen und der Berliner Schaubühne an. Seit 2004 ist er Ensemblemitglied am Deutschen Theater. Dort steht er gerade mit Molières „Menschenfeind“ auf der Bühne. Im Kino spielte er beispielsweise in Tom Tykwers „Winterschläfer“ (1997), in Volker Schlöndorffs NS-Widerstandsdrama „Der Neunte Tag“ (2004) und in Oliver Hirschbiegels Hitler-Film „Der Untergang“ (2004), da war er als Joseph Goebbels zu sehen). Seit Februar ist Matthes Präsident der Deutschen Filmakademie. Die Filmpreise, Lolas genannt, werden am kommenden Freitag in Berlin bei einer Gala vergeben. Das ZDF überträgt um 22:55 Uhr eine Zusammenfassung der Veranstaltung.

Noch ein großes Thema wartet auf Sie: Wie will die Akademie mit den Streamingdiensten umgehen?

Viele in der Filmbranche profitieren auch von Netflix und Co., das sind neue, wichtige Arbeitgeber. Ich muss aber gestehen, dass ich auf eine geradezu romantische Art daran glaube, dass die Sehnsucht nach dem Analogen wächst, je stärker wir gezwungen werden, uns digital aufzustellen und uns dauernd über diese kleine Fummeldinger beugen. Wir werden es immer mehr zu schätzen wissen, uns in einem Raum mit ein paar Hundert Menschen zu versammeln und vor der Leinwand gemeinsam in großen Bildern, in großen Gefühlen, in großen Gesichtern zu schwelgen. Diese Art von Traumerlebnis gibt es nur im Kino.

Nach den Besucherzahlen des Vorjahres scheint aber die Kinomüdigkeit zu wachsen.

Genau deshalb muss das Kino als sozialer Ort gestärkt werden. Das wird Geld kosten. Auch darüber will ich mit Kulturstaatsministerin Grütters reden. Gerade in der sogenannten Provinz ist das Kino als Treffpunkt wichtig.

Im Mai haben Sie ja nicht so viel Zeit fürs Präsidieren: Reisen Sie nach Cannes, wo Sie in einem Wettbewerbsbeitrag zu sehen sind?

Sie meinen jetzt meinen einen Drehtag in Terrence Malicks Film „A Hidden Life“? Na, da hoffe ich erst mal, dass er mich nicht rausgeschnitten hat (lacht). Malick ist ja ein großer Rausschneider. Er hat auch schon viel bedeutendere Kollegen wie George Clooney und Adrian Brody aus Filmen rausgeschnitten. Im Mai kann ich aber sowieso nicht: Da probe ich den „Don Quijote“ für die Bregenzer Festspiele. Und im Oktober ist dann die Premiere im Deutschen Theater in Berlin.

Noch mal zum Filmpreis: Wer gewinnt denn nun am Freitag die Goldene Lola für den besten Film?

Ganz einfach: Derjenige, der die meisten Stimmen kriegt. Sie merken, ich habe mich schon in die diplomatischen Feinheiten meines Amtes eingefuchst.

Von Stefan Stosch

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