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Kultur Ulrich Haltern über sein neues Buch „Obamas politischer Körper“
Nachrichten Kultur Ulrich Haltern über sein neues Buch „Obamas politischer Körper“
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08:24 07.01.2010
Von Karl-Ludwig Baader
US-Präsident Barack Obama
US-Präsident Barack Obama Quelle: ap (Archiv)
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Worum geht es in Ihrem Buch „Obamas politischer Körper“?

Ich habe lange in den USA gelebt und mich für die unterschiedlichen politischen Kulturen in Amerika und in Europa interessiert. Dass gerade wir Deutschen eine solche Begeisterung für Obama in den Wahlkampfzeiten entwickelt haben, hat mich fasziniert. Es wurde oft davon gesprochen, dass Barack Obama ein Weltbürger sei, und davon, ob wir einen deutschen Obama haben könnten. Erinnern Sie sich: „Obama for Kanzler“? In meinem Buch zeige ich, dass Obama als deutscher Politiker nicht vorstellbar ist. Ich untersuche, wie Barack Obama auftritt und redet. Er verkörpert die amerikanische Identität und setzt dies ganz bewusst ein. Letztlich erklärt mein Buch amerikanische Identität und stellt sie dem europäischen und deutschen Selbstverständnis gegenüber. Ein Beispiel ist die zivilreligiöse Einbettung des Politischen in den USA. Denken Sie nur an die allgegenwärtige Flagge und die Bekenntnisse zur Nation bereits im Kindergarten. ­Obama versteht es, dieses tiefe Empfinden der Amerikaner zu verkörpern.

Ihr Buch liest sich so, als ob Sie beim Schreiben den zweifelnden, beständig den kopfschüttelnden deutschen Leser vor Augen gehabt hätten. Ihnen scheint bewusst zu sein, wie sehr Sie mit Ihrer Verknüpfung des Politischen mit dem Heiligen hierzulande irritieren.

Sie haben recht. Aber sehen Sie: Genau diese Irritation befällt uns, wenn wir auf Amerika blicken. Es gibt Unterschiede zwischen Europa und Amerika, die weit über politische Positionierungen hinausgehen. In Amerika ist die Verknüpfung zwischen dem Politischen und dem Heiligen nach wie vor sichtbar. Wir haben eine andere jüngere Vergangenheit; in Deutschland ist diese Verbindung seit 1945 diskreditiert. In Amerika ist das ­metaphysische Versprechen des Staates in der Vorstellung der Bürger lebendig. Der Staat versichert nicht nur Gerechtigkeit und Sicherheit. Er verleiht seinen Bürgern in gewissem Sinne auch Unsterblichkeit. Jeder Bürger hat über die kurze Zeitspanne seines Lebens hinaus eine Vergangenheit und eine Zukunft, weil er Teil der politischen Gemeinschaft ist. Das ist wie in der Familie.

Nun verknüpfen Sie dieses Metaphy­sische der Politik mit dem Physischen, dem Körperlichen.

Politische Einheit kann man sich unterschiedlich vorstellen. An Obama kann man sehen, dass die politische Einheit der Nation in Amerika als politischer Körper gedacht wird. Der Bürger ist Teil dieses Körpers. Und für diesen steht wiederum der amerikanische Präsident. Das erklärt das große Interesse an Obamas individuellem Körper. Was isst er, wie hält er sich fit? Verkörpert er amerikanische Identität? Dieses Interesse ist für uns Deutsche, für uns Europäer kaum nachzuvollziehen. Der Grund ist, dass wir das Politische nicht als körperlich wahrnehmen, sondern als Gespräch und Verhandlung. Wir haben eine ganz andere Vorstellung von politischer Einheit.

Sie gehen davon aus, dass die Amerikaner ein organisches Bild vom Staat haben. Ist das amerikanische Selbstverständnis aber nicht eher ein individualistisches?

An Freiheit glauben, Misstrauen gegen Autoritäten haben, Individualismus – das gehört ganz wesentlich zum amerikanischen Selbstverständnis. Seinem Land zu dienen, sich auch zu opfern gehört aber ebenso dazu. Denken Sie nur an den ersten Satz in Obamas Antrittsrede als Präsident. Er handelt von den Opfern der Vorväter. Und die Rede endet mit der existenziellen Dimension des Opfers, wenn er drastisch beschreibt, wie das vergossene Blut der Gründer­väter den Schnee rot färbt. Dies ist nicht nur Rhetorik, sondern eine Vorstellung von Identität, die in den USA selbstverständlich ist. Eine solche Rede zu halten wäre bei uns natürlich undenkbar.

Sie glauben, dass man ohne die Kategorie des Opfers (der Soldat gibt sein Leben für die Gemeinschaft) auskommt? Wir führen ja auch einen Krieg, auch wenn er erst nicht so heißen durfte.

In der Tat. In der Politik ist vom Opfer nicht mehr die Rede. Aber wir sollten darüber nicht vergessen, dass Opfer unser Menschsein prägt. Als Liebende oder als Eltern sind wir ohne Weiteres bereit, uns zu opfern. Aus der Politik ist das verschwunden. Der Begriff spielt keine Rolle; es gibt dafür andere Kategorien wie Arbeit und Verantwortung. Die Arbeit ersetzt das Opfer.

Wenn ein deutscher Soldat in Afghanistan stirbt, ist das ein Arbeitsunfall?

Jedenfalls haben wir für diese Situation keine angemessene Sprache, und wo die Sprache fehlt, geht auch die Vorstellung verloren. Bewusst ist uns freilich, dass das heroische Selbstverständnis offen ist für Missbrauch und Manipulationen. Wir wollen daran nicht mehr rühren.

Sollen wir es?

Wir haben gelernt, ohne die Kategorie des Opfers zu leben. Wir empfinden das als fortschrittlich. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass sich unsere Vorstellungen in Europa stark von denjenigen in anderen Staaten unterscheiden und dass es nicht so einfach und vielleicht auch nicht richtig ist, unsere Vorstellungen zu exportieren. Außerdem gibt es auch bei uns vorsichtige Tendenzen in die Gegenrichtung und wachsenden Sakralitätsbedarf, der im Politischen nicht befriedigt wird. Einen Weg zurück aber wird es wohl nicht geben. Das mag man betrauern oder als Fortschritt sehen wollen. Worauf es mir ankommt ist, diese Unterschiede zunächst einmal zu beschreiben.

Spielt da nicht die historische Erfahrung eine entscheidende Rolle?

Selbstverständlich. In Deutschland ist die Verbindung des Politischen mit dem Heiligen aus der traumatischen Erfahrung des Nationalsozialismus heraus verschwunden. Die Deutschen haben in Hitler für eine Weile den Erlöser gesehen. Aber es war nicht das Heilige, sondern das Böse, das sich leibhaftig zeigte. Nach der Erfahrung des Missbrauchs brach die Tradition ab, Staat und Nation als Körper und uns selbst als Teil dieses Körpers zu begreifen. Die USA haben andere historische Erfahrungen gemacht: Ihre Nation ist zum Beispiel aus einer Revolution heraus, also aus Gewalt, entstanden. Diese Gewalt wird positiv erinnert.

Ist Ihr Ziel also vor allem, Europäer und Amerikaner vor Missverständnissen zu bewahren?

Wenn Sie es so formulieren: ja. Vor allem wir Deutschen waren ja über die Maßen von Obama begeistert. Wenn wir Obama als „eigentlich Deutschen“, nur charismatischer, sehen, werden wir enttäuscht werden. Wenn wir genau hinhören, können wir erkennen, dass Obama weder ­europäisch noch weltbürgerlich denkt. Er steht tief im amerikanischen Mythos, und wir müssen akzeptieren, dass Amerikaner und Europäer in zwei unterschied­lichen politischen Vorstellungsräumen ­leben.

Erklärt sich daraus auch die Zurückhaltung der USA, wenn es um internatio­nale Gerichtsbarkeit geht?

Ja. Wir stehen ja kopfschüttelnd davor, dass die USA im Völkerrecht eigene Wege gehen. Sie stehen nicht nur internationalen Gerichten skeptisch gegenüber, sondern sind zum Beispiel mit Somalia die Einzigen, die die Kinderrechtskonvention nicht ratifiziert haben. Man kann das nur begreifen, wenn man die politische und rechtliche Vorstellungswelt Amerikas berücksichtigt. Das amerikanische Recht ist von den Gründervätern gegeben worden. Das „andere“ Recht, das nicht aus dieser Quelle stammt, ist weniger authentisch und weniger verpflichtend. Das gilt auch für das internationale Recht. Man folgt ihm, wenn es im nationalen Interesse ist.

Aber die Unterschiede betreffen nicht nur die Rolle der Rechtsquelle, sondern auch den Geltungsbereichs des Rechts – wenn man an Guantanamo denkt.

In unserer Vorstellung gibt es keine Orte, an denen das Recht nicht regiert. Es gibt keinen Bereich des politischen Handlungsraums, der nicht verrechtlicht ist. Das gilt selbst für Ausnahmesituationen. Zum Beispiel die Frage, ob Flugzeuge, die von Terroristen entführt worden sind, abgeschossen werden dürfen. Der politische Wille findet seine Grenze im Recht, im Verfassungssatz der Menschenwürde. In der amerikanischen Vorstellung dagegen gibt es Situationen, die vom Recht nicht voll eingefangen werden können. Souveränität ist dort nicht identisch mit Rechtsstaatlichkeit. Europa und die USA liegen hier weit auseinander.

Ulrich Haltern...

... ist 1967 geboren, studierte Jura in Bochum, Genf, Yale und Harvard, habilitierte sich an der Berliner Humboldt-Universität und ist seit 2004 Universitätsprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Er lehrte auch an den juristischen Fakultäten der Universitäten Yale, Michigan, Connecticut und St. Gallen. Er unterrichtet Staats- und Verwaltungsrecht, Europarecht, Völkerrecht und Rechtsphilosophie. Haltern war Mitglied des Fachbeirates zum Glücksspiel-Staatsvertrag. Letzte Veröffentlichungen: „Europarecht – Dogmatik im Kontext“ (2. Aufl. 2007); „Was bedeutet Souveränität?“ (2007). Das Buch „Obamas politischer Körper“ ist bei Berlin University Press erschienen und im Dezember in die Top Ten der Sachbücher-Bestenliste im deutschsprachigen Raum gewählt worden.