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Kultur Totentanz mit Mickey Mouse
Nachrichten Kultur Totentanz mit Mickey Mouse
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13:53 12.12.2009
Am Ende des Stücks präsentiert Suse Wächter ihre 70 Puppen.
Am Ende des Stücks präsentiert Suse Wächter ihre 70 Puppen. Quelle: Hoppe / Schauspielhaus Hannover
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Am Ende stehen sie brav nebeneinander auf dem Bühnenpodest, wie zu einem Gruppenfoto: Albert Einstein und Walter Ulbricht, Josef Stalin und Mutter Theresa, Hitler und Gandhi, Che Guevara und Joseph Goebbels, Ernest Hemingway und Erich Honecker, Konrad Adenauer und John Lennon, Wilhelm II und Malcom X. Sie sind die „Helden des 20. Jahrhunderts“. So hat Suse Wächter, Figurenspielerin am Schauspiel Hannover, ihre Minia-Tour durch ein Jahrhundert genannt (wobei der Begriff „Held“ bei Figuren wie Hitler und Stalin mindestens diskussionswürdig wäre). Zuvor war diese Produktion bereits am Theater Basel (unter der Schauspieldirektion von Lars-Ole Walburg, der jetzt Intendant in Hannover ist), am Theater am Turm in Frankfurt und an einigen anderen Häusern zu sehen; eine echte Premiere war diese so genannte „Hysterienspiel“ also nicht. Mit sichtlichem Handwerkerstolz präsentiert Deutschlands bekannteste Figurenspielerin auf der Cumberlandschen Bühne des Schauspiels Hannover am Ende ihre etwa siebzig Figuren.

Nach dem Applaus, der kurz war, aber heftig, kommen Neugierige nach vorn und schauen sich die kleinen Menschen genau an. Das ist schon beachtlich, wie die Figurenspielerin, die ihre Puppen selbst herstellt, es schafft, den etwa pampelmusengroßen Köpfen stets den treffenden Ausdruck zu verleihen, ohne zu stark zu überzeichnen. Marilyn Monroe wirkt, als schwitze sie, Wernher von Braun hat stechende Augen, Che Guevara einen spillerigen Bart. Das Besondere aber ist: Man erkennt Menschen, sieht keine Karikaturen.

Zuvor hat Suse Wächter mit ihren beiden Kolleginnen Rike Schubert und Steffi König drei Stunden lang die Puppen tanzen lassen. Zur Musik einer dreiköpfigen Band geht es durchs Jahrhundert: vom Tod der Queen Victoria im Jahr 1900 bis zum Auftritt des traurigen fünften Beatles Pete Best, der die Band verlassen hatte bevor sie berühmt wurde. Zu hören sind viel Originalzitate historischer Persönlichkeiten, aber auch selbstverfasste Dialoge (unter anderem von Jürgen Kuttner, Bernd Stegemann und Tom Kühnel, dem Regisseur).

In der zweiten Hälfte weichen die abgeschlossenen sketchartigen Szenen des ersten Teil (von 1900 bis 1945) einer eher revueartigen Struktur. Da versucht Wächter das Jahrhundert in einer Gesamtschau in den Blick zu bekommen, etwa als eine Art Totentanz (mit Mickey Mouse inmitten der berühmten Leichen des Jahrhundert und Zitaten aus „Faust II“). So richtig funktioniert das nicht. Und auch die Wiedervereinigung Deutschlands im Stil einer Oper zu präsentieren, ist nicht zwingend. Es ist, als wollte man nur beweisen, dass man auch diese Form beherrscht. Tut man, sicher. Suse Wächter und ihre beiden Kolleginnen können vieles. Sie singen sehr schön, beherrschen viele Dialekte und sprechen mit verstellten Stimmen. Aber doch fehlt ihrer langen – und manchmal auch langatmigen – Jahrhundertrevue etwas. Es ist nicht die Westperspektive. Dass Jurij Gagarin in mehreren Szenen zu sehen ist, Neil Armstrong aber gar nicht auftaucht, ist eigentlich kein Problem. Suse Wächter, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, sieht das 20. Jahrhundert eben aus Ost-Perspektive.

Was fehlt, ist vielleicht eine Reflexion darüber, was mit Figurenspiel alles nicht darstellbar ist. An den ersten Weltkrieg traut sich die Puppenspielerin noch heran, da fliegen Arme, Beine und Körperfetzen durch die Luft. Der zweite Weltkrieg aber wird nur als dummer Boxkampf zwischen Hitler und Stalin gezeigt. Und Konzentrationslager sind gar kein Thema für die Puppenspielerin. Das ist vielleicht auch ganz gut so, aber man hätte doch auch der Frage nachgehen sollen, warum das so ist.

Das ganze 20. Jahrhundert jedenfalls ist mit den putzigen Figuren nicht in den Griff zu bekommen. Das muss man anders gestalten. Mit anderen Gestalten.

Stefan Arndt 10.12.2009