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Kultur Das Recht auf Krawall
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22:24 27.10.2015
Von Isabel Christian
Wer hat recht? Joachim Otte (links) und Bundesrichter Thomas Fischer.
Wer hat recht? Joachim Otte (links) und Bundesrichter Thomas Fischer.  Quelle: Christian
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Hannover

Es dauert ein paar Minuten, bis Gastgeber Joachim Otte die Frage formuliert hat. Umständlich erklärt er, dass Thomas Fischers Kolumnen im Onlineportal des „Zeit“-Magazins auch eine Form von Literatur seien, was für Kolumnen nicht selbstverständlich ist und für einen Bundesrichter schon gar nicht. Aber was er eigentlich wissen will: „Sie haben gesagt, Juristen müssten sich vor allem mit Sprache auskennen.“ Fischer braucht für seine Antwort nur zwei Sekunden: „Ja.“

Es ist eine Schlüsselszene an diesem Abend im großen Hörsaal am Conti-Campus, wohin der Literarische Salon das Treffen mit Fischer verlegt hat, weil der Andrang so groß ist. Mehrere Hundert Zuhörer, vorwiegend Juristen, wollen hören, was der Vorsitzende Richter des Bundesgerichtshofs über deutsches Recht und seine bissigen Kolumnen bei der „Zeit“ zu sagen hat.

Schon nach der knappen Antwort auf Ottes erste Frage weiß man viel über den Gast, obwohl er noch fast nichts gesagt hat. Aber auch darum geht es bei Fischer: um die Dinge, die er nicht sagt. Er weiß, dass Otte hören will, warum er Juristen mit Sprachwissenschaftlern gleichsetzt. Doch gefragt hat er etwas anderes. Also ist auch die Antwort eine andere.

Fischer nimmt es mit der Sprache genau. Ausgerechnet ein Jurist, ein Angehöriger der Zunft, deren Kauderwelsch andere an den Rand der Verzweiflung bringt. Er behauptet sogar, das einzige Werkzeug der Rechtsprechenden sei die Sprache und die müsse verständlich sein. „Natürlich ist die Sprache bei einem Richterspruch anders als bei einem dahergeschwatzten Text in der ,Zeit’“, sagt er. Aber im Grunde gehe es um dasselbe. Das Recht poltere ja nicht vom Berg Sinai herunter und werde dann von krawattentragenden Volksvertretern in die Gesellschaft getragen. „Recht entsteht dadurch, dass man darüber diskutiert.“

Den aufmerksam lauschenden Jurastudenten im Publikum rät er deshalb, öfter mal den Mund aufzumachen und dem Professor zu widersprechen. „Sie sollen nicht alles mitschreiben und die Notizen dann im Billy-Regal vergammeln lassen. Mit Menschen zu diskutieren ist die einzige Methode, Recht zu lernen.“ Fraglich ist nur, ob seine Ratschläge den Praxistest im verschulten deutschen Jurastudium überstehen würden.

Aber für deutliche Worte und ironische Kritik ist Fischer ja bekannt. Seit Anfang des Jahres reicht er jeden Sonntag bei „Zeit Online“ einen neuen Kommentar ein, der oft den Umfang einer Urteilsbegründung hat. Und auch inhaltlich entfernt sich Fischer mit „Fischer im Recht“ gar nicht so weit von seiner Profession. Auf seiner Kolumnen-Anklagebank nehmen viel diskutierte Themen Platz, die Beweisführung erfolgt ironisch-analytisch. Nur das Urteil, das muss der Leser selbst fällen, auch wenn Fischer ein deutliches Plädoyer vorgibt.

Aber seine Sprache ist in diesen Kolumnen so gar nicht juristisch. Im Kommentar über den Politiker Sebastian Edathy spricht Fischer von „Wichsvorlage“ und nennt Hans Dietrich Genscher in einem anderen Text „Hans Gandalf Genscher, NSDAP-Mitglied der ganz späten Stunde“. Darf ein Bundesrichter sich so krawallig geben? „Natürlich denke ich darüber nach, was ich mache. Aber ich glaube, ich kann das vertreten“, sagt Fischer leichthin. Er weiß, dass er provoziert. Allein schon deshalb, weil er mit der Kolumne das Klischee vom deutschen Richter zerschlägt. Da ist der Inhalt fast schon nebensächlich.

„In Deutschland stellt man sich Richter als Beamtenpopulation vor, die sich zurückhalten und keine eigene Meinung sagen sollen“, sagt Fischer. Ein Richter muss schließlich neutral sein und darf sich nicht beeinflussen lassen. Auch nicht von der eigenen Meinung. Doch das heißt nicht, dass er keine haben kann oder darf. Auch Richter haben Vorurteile. Die Anforderung besteht darin, das eine vom anderen zu trennen. Fischer verfasst seine Kolumnen zu Hause und nicht im Gerichtssaal.

Und die Trennlinie ist natürlich die Sprache. Zehn Seiten über Angela Merkels Flüchtlingspolitik, Horst Seehofers politische Schnellschüsse und die Sterbehilfe in Juristendeutsch würden vermutlich nicht mal Kenner durchhalten.

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