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Kultur Stollen auf Russisch
Nachrichten Kultur Stollen auf Russisch
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09:00 22.12.2018
Die russische Küche ist üppig und bestens dafür geeignet, eine Armee durchzufüttern. Doch was, wenn die Familie plötzlich nach typisch deutscher Weihnachtskost verlangt? Quelle: iStock
Berlin

Meine Frau ist eine Könnerin der russischen Küche. Im Kaukasus, auf der kalten Insel Sachalin und in St. Petersburg konnte sie dank dieser Küche und trotz sozialistischer Versorgungslücken immer gut über die Runden kommen.

In Berlin fährt sie mit dem Auto zum Einkaufen, es dauert bei ihr einen halben Tag, wegen der Vielfalt der Läden in unserem Bezirk. Meine Frau möchte nämlich nichts verpassen und hat sich über Jahre aus dieser Vielfalt heraus eine schöne Einkaufsroute zusammengestellt. In einer demokratischen, offenen Gesellschaft braucht man eben viel mehr Zeit zum Einkaufen als in einer Diktatur, wo dir dein Mittagessen quasi vom Regime vorgesetzt wird.

In der Spätzeit der Sowjetunion, kurz vor ihrer Ausreise nach Deutschland, wohnte meine Frau in St. Petersburg und ist in den immer gleichen Lebensmittelladen gegangen, um das Nötigste zu besorgen, der Laden hatte für die damalige Zeit einen fortschrittlich klingenden Namen, er hieß „Der Stoffwechsel“. Je nach Wochentag konnte man dort einen anderen Stoff finden, mal ein paar Würste oder eine Packung Butter, an einem anderen Tag dafür nur Tomatensaft und Chips, als hätte sich St. Petersburg in ein Flugzeug verwandelt.

Die Familie rebelliert gegen die russische Küche

In Berlin besucht meine Frau mindestens drei Geschäfte, um eine anständige Mahlzeit russischer Art für die Familie zu bereiten. Doch in letzter Zeit rebelliert die Familie gegen diese Küche, sie will sich zunehmend europäisch ernähren.

Jede Volksküche ist tief in der Geschichte des Landes verankert, gut gewürzt mit dessen Geografie und mit dem Klima. Die Italiener, die Sonntagskinder Europas, wollen zum Beispiel mit minimaler Anstrengung eine maximale Anzahl von Freunden glücklich machen, deswegen kochen sie Nudeln. Die Japaner sind vom Wasser umgeben, die Feuchtigkeit sitzt ihnen in den Knochen, das Holz ist immer nass, es kostet also große Mühe, fürs Kochen Feuer zu machen, deswegen drehen sie Sushi.

Die russische Küche hat eine ganz andere Ausgangssituation: Man stelle sich eine große Armee vor, die sich auf ihre letzte entscheidende Schlacht vorbereitet. Die Soldaten prüfen ihre Gewehre, die Generale ihre Karten. Sie wissen, viele von ihnen werden aus der Schlacht nicht zurückkommen. Bevor sie aber in die Schlacht losziehen, müssen sie das letzte Mal ordentlich gefüttert werden, bis sie nicht mehr laufen können.

In Friedenszeiten möchte man etwas Leichtes, Fruchtiges

Ich gebe zu, da liegt ein Widerspruch in der Sache. Wie sollen die Menschen mit vollem Magen kämpfen? Die übertrieben üppige Mahlzeit mindert eigentlich die Wehrhaftigkeit jeder Armee. Nun sind alle Küchen der Welt voller Widersprüche, warum soll die russische eine Ausnahme sein.

Ein typisches Gericht dieser Küche wird wie folgt gemacht: Zuerst wird quer durchs Regal eingekauft, das Eingekaufte auf dem Küchentisch ausgebreitet und klein geschnitten, Gemüse auf meiner Frühstückszeitung, Fleisch auf dem Holzbrett. Das Ganze in die Pfanne geworfen, mit Zwiebel und Speck kurz angebraten, gewürzt und in einem großen Topf auf kleiner Flamme zwei Stunden lang geschmort. Je nach Konsistenz kann das fertige Gericht Suppe, Gulasch, Chili con Carne oder sogar Ratatouille heißen. In Berlin wird man von der russischen Küche schnell müde.

Wir haben keinen Krieg, in Friedenszeiten möchte man etwas Leichtes, Fruchtiges, Europäisches essen, zum Beispiel einen Salat. Unsere beiden Kinder haben einen sehr unterschiedlichen Geschmack, sie können sich nicht einmal wie andere Leute einen Salat teilen. Der Junge mag nur Tomaten, das Mädchen nur Gurken, am besten aber solche, die tomatig schmecken. Also löffeln sie aus jedem Salat ihr Lieblingsgemüse heraus.

Mehr patentierte Stollenrezepte als Bundesbürger

„Könntest du, Mama, zu Weihnachten etwas Europäisches kochen?“, fragten sie nun. Olga ist flexibel, sie sagte okay. „Ich kann auf meine Kochtraditionen verzichten und ein typisch deutsches Gericht für euch machen.“

Sie recherchierte im Netz, was die Deutschen am liebsten kochen, es war Vorweihnachtszeit, das Internet ist voll mit Stollenrezepten. Die Deutschen drehen bekanntlich durch mit ihrem Stollen, es gibt mehr patentierte Rezepte als Bundesbürger, und jeder Sachse glaubt, der Dresdner Stollen wurde seiner Oma persönlich gestohlen.

Olga fischte schnell das üppigste Rezept heraus, ging einkaufen und breitete auf dem Küchentisch die Zutaten aus: Mehl, Zucker, Eier, Butter, kandierte Orangen- und Zitronenschalen, helle und dunkle Rosinen, Zuckerkirschen und Preiselbeeren. Dazu kamen süße Mandeln, Macadamia- und Walnüsse. Sie goss 100 Milliliter guten Cognac in eine Schale, legte die gezuckerten Früchte und die Nüsse für eine Stunde darein, so stand es im Rezept, und ging die russische Serie „Die Monster der Revolution“ zu Ende gucken.

Der beste Stollen unseres Lebens

Die Tochter kam in die Küche, sah die Rosinen und die kandierten Früchte und pickte sie aus der Schale heraus. Der Sohn kam, sah die Nüsse und aß sie sofort auf. Ich ging ebenfalls in der Küche vorbei, die Schale mit Cognac wirkte sehr einladend. Ich schaute auf die Uhr, es war Viertel nach sechs, also genehmigte ich mir einen guten Schluck.

Um sieben waren „Die Monster der Revolution“ zu Ende. Olga kam in die Küche, schaute sich den Stollen an, trank den Rest des Cognacs aus, legte die Eier und die Butter zurück in den Kühlschrank, Mehl und Zucker in die Schublade.

„Und? Hat euch mein Stollen gefallen?“, fragte sie uns abends. „Es war der beste Stollen unseres Lebens!“, sagten wir unisono. „Schon lange nicht so viel Spaß am Essen gehabt, bitte mehr davon und am besten das ganze Jahr über, nicht nur zu Weihnachten.“

Wladimir Kaminer. Quelle: Jan Kopetzky

Zur Person: Der Schriftsteller Wladimir Kaminer ist gebürtiger Moskauer. Er lebt und arbeitet mit seiner Frau, seinen Kindern und seinen Katzen in Berlin.

Von Wladimir Kaminer

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