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Kultur Schauspieler Gert Voss in Wien gestorben
Nachrichten Kultur Schauspieler Gert Voss in Wien gestorben
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21:39 14.07.2014
Von Rainer Wagner
Ist in Wien gestorben: Der Schauspieler Gert Voss.
Ist in Wien gestorben: Der Schauspieler Gert Voss. Quelle: dpa
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Wien

Vielen war er der Größte. Gert Voss war jahrzehntelang Star des traditionsschweren Wiener Burgtheaters, der König der Könige, nicht nur wenn er den „King Lear“ spielte oder „Richard III.“. In dieser Rolle eroberte er 1987 die Wiener Theaterfreunde, die ihn (und den neuen „Burg“-Chef Claus Peymann) als Piefke ablehnten. Er sollte trotz eines Berliner Intermezzos in den frühen Neunzigern der Star dieses Hauses bleiben. Am Sonntag ist er im Alter von 72 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in Wien gestorben - die Stadt hat seiner Familie die Beisetzung in einem Ehrengrab angeboten.

Geboren wurde Peter Gert Voss am 10. Oktober 1941 in Schanghai als Sohn eines deutschen Kaufmanns. In seinem Pass steht sein erster Vorname, doch um Verwechslungen mit „Peter Voss, dem Millionendieb“ (einem durch drei Verfilmungen populären Unterhaltungsromanhelden) zu vermeiden, nannte er sich als Schauspieler Gert Voss.

Sein Bühnendebüt gab er als 25-Jähriger in Konstanz in George Bernard Shaws „Candida“; prompt lobte die „Lindauer Zeitung“ die „vibrierende Dynamik“ des „blonden Sturm-und-Drang-Jünglings“. Seine nächsten Stationen waren das Staatstheater in Braunschweig (1968-1971) und das Münchener Staatsschauspiel. In Stuttgart machte er vor allem in Inszenierungen von Claus Peymann von sich reden. Voss folgte dem Regisseur und Intendanten Peymann erst nach Bochum und dann 1986 nach Wien. Viel später zerstritten sich Peymann und Voss - und arbeiteten 2011 doch wieder miteinander an Thomas Bernhards „Einfach kompliziert“. Dort heißt es: „Der Schauspieler spricht eine königliche Sprache, aber er ist kein König.“ Ein Herrscher war der Schauspieler Gert Voss dennoch. Seine Sprache war nicht unbedingt königlich, aber immer machtbewusst. Sein Ton war angeraut, als wolle er alle Glätte vermeiden.

Seine Bühnenpräsenz war bemerkenswert. George Tabori, der mit ihm in der Titelrolle Shakespeares „Othello“ inszenierte, sagte über ihn: „Er ist ein gefährlicher, nackter Schauspieler, ein unheimlicher Clown, ein wilder Stier, aus dem Käfig ausgebrochen.“ Der Dramaturg und Wiener Burg-Kodirektor Hermann Beil, ein langjähriger Weggefährte, schrieb: „Gert Voss gefährdet sich selbst wirklich bis zum Äußersten“ - und er meinte damit nicht nur die Herzprobleme, mit denen der Schauspieler in den letzten Jahren zu kämpfen hatte. „Voss verwandelt die Bühne, indem er um sein Leben spielt.“

Aber vor der Gefahr, als Rampensau zu enden, bewahrte ihn seine Reflektiertheit. „Ich bin kein Papagei“, nannte er seine Autobigrafie, die er im Untertitel „eine Theaterreise“ nannte. „Meistens weiß er mehr über das Stück und die ihm zugedachte Rolle als sein Regisseur“, schrieb ein Kritiker über ihn. Er selbst aber sah sich eher als Praktiker: „Ich bin kein theorieverliebter Mensch. Ich merke erst beim Probieren, wie gut ein Stück ist.“

Kaum eine große Rolle, die er sich nicht eroberte und einverleibte. Er spielte 1988 den Shylock im „Kaufmann von Venedig“ (Regie: Peter Zadek) als Wolf von der Wall Street und gab 1992 in Peter Steins Salzburger Sandalen-Inszenierung von „Julius Caesar“ den Marc Anton als Lehrmeister aller Demagogen.

Insgesamt sechsmal kürten ihn die Kritiker der Fachzeitschrift „Theater heute“ in ihrer jährlichen Umfrage zum Schauspieler des Jahres, die Londoner „Times“ nannte ihn 1995 den besten Schauspieler Europas. Aber wichtiger war nicht nur für seine österreichischen Verehrer, dass er im gleichen Jahr auch den „Jedermann“ in Salzburg verkörperte: nicht die stärkste Partie der Theaterliteratur, aber ein Repertoire-Muss für alle Theatermannsbilder, zumindest in den Augen der Festspielfans.

Er spielte Helden und Versager, war Despot und Mephisto, Feldherr und Figaro. Und einmal nur Voss: in Thomas Bernhards „Ritter, Dene, Voss“, dessen Titel die Wunschbesetzung des Autors festschrieb; die Rolle selbst heißt Ludwig und reflektiert den Philosophen Ludwig Wittgenstein.

Der Mann, der die Facetten liebte und die Undurchsichtigkeit schätzte, konnte auch anders: komisch sein, besonders gerne zusammen mit seinem Kollegen Ignaz Kirchner (die beiden gastierten 2000 als Genets „Zofen“ bei den Theaterformen in Hannover). Er war einer der „Sunshine Boys“ in Neil Simons Komikklassiker, und er spielte vor zwei Jahren in Helmut Dietls Filmkomödie „Zettl“ mit. Seine Filmografie ist überschaubar, wichtiger waren für ihn die Fernsehaufzeichnungen der wichtigsten Theaterinszenierungen.

Die und die Erinnerungen an seine großen Auftritte werden bleiben, und sie werden dafür sorgen, dass sich auch nach seinem Tod immer wieder seine Vision erfüllt, „dass der Zuschauer noch die ganze Nacht davon träumt oder noch Tage davon erzählt und sich damit beschäftigt“.

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