Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Kultur Sandra Hüller spielt Hauptrolle im hannoverschen „Parzival“
Nachrichten Kultur Sandra Hüller spielt Hauptrolle im hannoverschen „Parzival“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:16 04.01.2010
„Schauspiel ist ein ständiges Wachsen an der Rolle“: Die Anti-Diva Sandra Hüller.
„Schauspiel ist ein ständiges Wachsen an der Rolle“: Die Anti-Diva Sandra Hüller. Quelle: Martin Steiner
Anzeige

Und bei fast jeder Frage formt ihr Mund zunächst ein kaum spürbares Seufzen zur Gegenfrage: „Ja?“

Eben noch wollte ein Fotograf sie zum Lächeln verführen, „aber warum soll ich lächeln?“, fragt Hüller und schaut etwas verlegen auf ihre silberfarbenen Turnschuhe. Dazu trägt sie eine Art blauen Blusen-Pulli mit rätselhafter Brosche, darunter silberfarbenen Strick, unter dem es violett blitzt. Das Gewand einer Anti-Diva, die lieber schnell über rote Teppiche hinwegläuft als das Blitzlichtgewitter zu genießen; eine erfolgreiche Schauspielerin, die das Spielen liebt – nicht den Glamour, ein unscheinbarer Star, der noch Bauchkribbeln beim Schreiben von Autogrammen verspürt. „Ich habe es nie darauf angelegt, berühmt zu werden“, sagt Hüller im lakonischen Tonfall. „Ich bin auch nicht dafür angetreten, zusätzliches Glück zum Glück des Spielens zu erfahren – ich möchte auf der Bühne nur etwas teilen, Momente und Stimmungen.“ In Hannover probt Hüller derzeit für den Parzival von Wolfram von Eschenbach, in der Bearbeitung von Lukas Bärfuss. Sie spielt die Hauptrolle.

Die Bühnenkarriere begann für die 1978 geborene Thüringerin früh. Direkt nach der Schule bewarb sie sich in Berlin und Leipzig bei Schauspielschulen. „Wenn das nicht geklappt hätte, wäre ich vermutlich Hebamme geworden“, sagt Hüller. Doch es klappte, mit 18 Jahren bekam sie eine Zusage der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. „Ich hatte kaum Lebenserfahrung“, so Hüller, was das Lernen nicht unbedingt erleichterte. „Ich zog mir die Kritik der Dozenten rein, ich hatte keine Filter und nicht gelernt, Dinge von mir fernzuhalten.“ Doch sie setzt sich durch, spielt in Kurzfilmen, übernimmt Engagements in Jena, Leipzig und Basel. Vor fünf Jahren spielt sie im Film „Requiem“ von Hans-Christian Schmid eine junge Frau, die an Epilepsie leidet und von einem Pfarrer so lang exorziert wird, bis sie an Entkräftung stirbt. Sandra Hüller gewinnt mit ihrer überzeugenden Darstellung zahlreiche Preise, darunter den Silbernen Bären der Berlinale. „Ich habe mich lange gefragt, was Talent ist, und weiß es bis heute nicht“, sagt sie nachdenklich auf ihrem Stuhl hin und her rückend. „Es gehört einfach viel Glück und Mut dazu.“

Nach dem Filmerfolg folgt die Erschöpfung. „Wenn man jung ist, möchte man über seine Grenzen hinausgehen und hält sich für unverwundbar“, sagt Hüller, die sechs Monate lang keinen Auftrag mehr annehmen konnte. Es sei eine gefährliche Zeit, denn Theatermacher suchen nach genau solchen jungen Schauspielern. „Ich musste mir meine Schwächen eingestehen.“

Nach der Auszeit spielt sie im „Prinz Friedrich von Homburg“ unter der Regie von Johan Simons an den Kammerspielen München, beginnt wieder, Filme zu drehen. In Freiburg spielt sie die Ehefrau von Kurt Cobain, Courtney Love, und wagt sich erstmalig ans Tanztheater. In Berlin begeistert sie im Stück „Virgin Queen“ als singende Königin Elizabeth I., im Frühjahr erscheint mit „Brownien Movement“ von Nanouk Leopold der nächste Kinofilm. Und in eineinhalb Wochen ist Uraufführung von Bärfuss’ Parzival in Hannover. Der Terminplan ist nicht gerade leerer geworden. Ihre Zusage zum Parzival ist vor allem dem guten Verhältnis zu Intendant Lars-Ole Walburg geschuldet, der Regie führt, und dem Autor Lukas Bärfuss.

„Lukas hat eine klare und tiefe Sprache wie ein Bergsee.“ Er sei in der Lage den historischen Text klug, lustig und mit einer bestimmten Haltung zu beschreiben, während Walburg ein Faible für Mythen und große Stoffe habe. Bei jeder Probe würden neue Ideen entstehen. Sie freue sich auf den Parzival und die neue Herausforderung.

Und während sie mit leuchtenden Augen und kleinen Gesten der munter gewordenen Arme darüber sinniert, warum man nie Angst vor dem Theater haben sollte, warum sich Dinge immer entwickeln müssen, formuliert sie ihren Anspruch an die Kunst. „Schauspiel ist für mich ein ständiges Wachsen mit den Rollen.“ Es sei die Kunst, Gedanken sichtbar und Momente erfahrbar zu machen. Ein Stück Intensität. Premiere ist am 16. Januar.

von Jan Sedelies

Kultur „So wird’s nie wieder sein“ - Ulrich Tukur im Großen Sendesaal des NDR
Ronald Meyer-Arlt 02.01.2010