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Kultur „Wir sind alle mit verantwortlich“
Nachrichten Kultur „Wir sind alle mit verantwortlich“
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10:07 22.03.2014
Foto: Feo Aladag, Regisseurin des Afghanistan-Films „Zwei Welten“.
Feo Aladag, Regisseurin des Afghanistan-Films „Zwei Welten“. Quelle: dpa
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Frau Aladag, warum wollten Sie unbedingt einen Film über Afghanistan drehen?
Vor mehr als zehn Jahren habe ich ein Pressefoto von einem Bundeswehrsoldaten in Afghanistan gesehen. Damals war eigentlich schon klar, dass es da unten nicht nur ums Brücken- und Brunnenbauen geht. Und damals hat man es auch versäumt, der Gesellschaft die nötige Ehrlichkeit zuzumuten. In der Konsequenz haben die Soldaten und Soldatinnen in Afghanistan die Wut der Bundesbürger dafür abbekommen, dass ihr Einsatz unter falschen Vorgaben verkauft worden war. Das fand ich unfair.

Und dann?
Habe ich angefangen zu recherchieren. Man muss sich schon ein bisschen genauer umschauen als bei den üblichen Journalistenreisen, bei denen im Dingo ein paarmal ums deutsche Soldatencamp herumgefahren wird. Ich habe versucht, mich auf die Menschen vor Ort einzulassen. Wir wollten ein Brennglas auf sie richten, auf Deutsche und Afghanen gleichermaßen: Wie ist ihr Alltag dort? Wie fühlt sich das an, wenn du da unten im Einsatz bist?

Feo Aladag, 1972

Feo Aladag,1972 in Wien geboren, arbeitete zunächst als TV-Regisseurin und als Schauspielerin. Ihr erster Kinofilm „Die Fremde“ (2008) mit Sibel Kekilli erzählte von einer Deutsch-Türkin zwischen den Kulturen. „Zwischen Welten“ über den Einsatz von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan (mit Ronald Zehrfeld in der Hauptrolle) kommt am 27. März ins Kino.

Lässt sich da eine gewisse Wut über die Diskrepanz zwischen Darstellung und Wirklichkeit heraushören?
Es haben damals keine Menschenmassen auf deutschen Straßen protestiert, als die Politik entschied, Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Also sind wir alle als Bürger auch verantwortlich für das, was dort passiert.

Aber warum wollten Sie unbedingt in Afghanistan drehen: Sie hätten auch im sicheren Marokko filmen und das Land als Afghanistan ausgeben können.
Genau das wollte ich nicht. Ich wollte keine deutschtürkischen Schauspieler, die in Nordafrika eine Fantasiesprache sprechen. Ich wollte zeigen, dass das geht: mit Afghanen einen Film in Afghanistan zu machen. Ich wollte auch ein Signal damit setzen.

Warum hat das noch niemand vor Ihnen getan?
Das Thema ist politisch stark aufgeladen. Es ist ja kein Zufall, dass es hierzulande keinen Kinospielfilm gibt, der einen kämpfenden oder gar sterbenden deutschen Soldaten zeigt. Das Verhältnis unserer Gesellschaft zur Bundeswehr ist noch immer kein selbstverständliches – und es ist nachvollziehbar, warum das so ist. Dennoch ist es enorm wichtig, dass wir dazu Fragen stellen. Auch im Kino.

Sie brauchten Unterstützung vom Verteidigungsministerium. Hatte dort jemand Einblick ins Drehbuch?
Zu keinem Zeitpunkt. Umso mehr habe ich mich bemüht, meiner Sorgfaltspflicht beim Recherchieren nachzukommen.

Wie lief die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr in Afghanistan ab?
Mein Team hat im Camp Marmal bei Masar-e-Scharif gelebt. Die Basis im deutschen Feldlager war eine Riesenhilfe.

Ihr Team? Und wo waren Sie?
Ich habe außerhalb in einem Haus gewohnt, weil ich meine kleine Tochter dabeihatte. Teile der Politik und der Bundeswehr waren damals nicht an Bildern eines Kleinkindes im Camp interessiert. Das habe ich respektiert. Und ich  hatte besseren Kontakt zur Bevölkerung. 

Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten? Sie waren damals schwanger.
Angst nicht, aber Sorge, ob alles gut geht und mein Team alles gut übersteht.

Wie muss man sich das vorstellen: Stand bei den Dreharbeiten ein deutscher Panzer zu Ihrem Schutz parat?
Das Mandat der Bundeswehr ist ja nun nicht dazu da, um Straßensperren für ein Filmteam aufzubauen. Außerhalb des Camps kann die Bundeswehr nur operieren, wenn sie auch einen Auftrag hat. Mancher Soldat im Camp hat uns sogar beneidet: Wow, ihr kommt raus, wir sitzen hier drin. Die Bundeswehr war aber immer genau darüber informiert, wo wir uns gerade aufhielten. Wir hatten auch afghanische Sicherheitskräfte an unserer Seite.

Wie nahe sind Sie dem Dokumentarischen gekommen?
Ziemlich nahe. Wir mussten ja ständig auf das eingehen, was um uns herum passierte. Wir mussten unsere Vorstellungen an der Wirklichkeit überprüfen. Oft standen wir in einer Traube von Dorfbewohnern: Manche wollten als Komparsen dabei sein, andere brachten uns Teppiche als Requisiten.

Wo haben Sie Ihren afghanischen Hauptdarsteller gefunden, Mohsin Ahmady, der den jungen Dolmetscher spielt?
In Kabul hatte ich ein Casting veranstaltet, aber niemanden für die Rolle gefunden. Und dann stand Mohsin plötzlich in einem Dorf hinter mir. Ich habe mich umgedreht, schaute in seine schönen braunen Augen, und er sagte ,Hi’. Da wusste ich, dass er zumindest ein kleines bisschen Englisch spricht, ich war von Anfang an begeistert von ihm.

Wie sind Sie als Frau in dieser Männergesellschaft zurechtgekommen?
Wir Frauen sind nicht im T-Shirt und draußen nicht ohne Kopftuch herumgelaufen – schon weil die Hälfte unseres Teams aus Afghanen bestand. Umgekehrt wurde uns mit viel Respekt begegnet, auch in den Gesprächen mit Politikern oder Polizeichefs habe ich das so empfunden. Allerdings galt ich als Frau aus dem Westen und als Nichtmuslima als ein Wesen der dritten Art. Durch mich fühlten sich die Männer in ihrer Autorität vielleicht nicht so bedroht.

Ein wichtiger Punkt in Ihrem Film ist die Verantwortung für die afghanischen Mitarbeiter. Das Leben des Dolmetschers im Film wird von Taliban bedroht. Wie stellen Sie die Sicherheit für Ihre Mitarbeiter sicher? Könnte ja mal sein, dass es die Taliban nicht mögen, dass Mohsin Ahmady in einem Film auftritt.
Wir schauen sehr genau, ob es Anzeichen für eine Bedrohung gibt. Das gilt übrigens genauso für die Leute hinter der Kamera. Wir wissen nicht, wie die Wahl in ein paar Wochen ausgeht. Sollte sich die Lage in Afghanistan verschlechtern, müssen wir für die Menschen da sein. 

Was heißt das?
Ich würde mich dafür einsetzen, dass unsere Türen offen sind. Wäre Mohsin bedroht, würde ich mich sehr dafür engagieren, dass er nach Deutschland kommen kann.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Afghanistans?
Stabilität und Sicherheit. Die Weltgemeinschaft darf die Menschen dort nicht vergessen. Unsere eigentliche Verantwortung beginnt erst jetzt so richtig mit dem Rückzug. Ich wünsche mir mutige Investoren aus dem Ausland trotz aller Korruptionsbedenken, die zum Teil gewiss berechtigt sind. Das Bildungssystem muss gestärkt werden. Nur dann hat die nächste Generation wirklich eine Chance. Das wünsche ich mir von ganzem Herzen.

Interview: Stefan Stosch

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