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Kultur Rätsel um Kaspar Hauser bleibt ungelöst
Nachrichten Kultur Rätsel um Kaspar Hauser bleibt ungelöst
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18:55 27.04.2012
Von Simon Benne
Foto: So könnte er aufgetaucht sein: Kaspar Hauser in einer Radierung aus der Zeitschrift „Erinnerung an merkwürdige Gegenstände“.
So könnte er aufgetaucht sein: Kaspar Hauser in einer Radierung aus der Zeitschrift „Erinnerung an merkwürdige Gegenstände“. Quelle: dpa
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Hannover

Es ist ein starker Auftritt vor altfränkischer Kulisse: Am 26. Mai 1828, dem Sonnabend vor Pfingsten, wankt ein bleicher, verstörter Junge von etwa 16 Jahren über den Nürnberger Unschlittplatz. „A söchtener Reuter möcht i wern, wie mein Voater gwen is“, sagt er: „Ein solcher Reiter möchte ich werden, wie mein Vater gewesen ist.“ Ansonsten kann er kaum sprechen. Jemand bringt ihn zur Polizeiwache, wo er krakelig den Namen „Kaspar Hauser“ aufschreibt. Der Junge hat einen anonymen Brief an den Rittmeister des örtlichen Reiterregiments in der Hand: Der Verfasser gibt sich als armer Tagelöhner aus. Er habe den Jungen als Findelkind aufgezogen, jedoch nie vor die Tür gelassen. Jetzt solle der Knabe Dragoner werden, wie sein verstorbener Vater. Geboren sei dieser „Kasper“ am „30. Aperil 1812“.

Der Auftritt in Nürnberg ist die Geburtsstunde eines Mythos: Kaspar Hauser ist noch heute ein Sinnbild des modernen Menschen, der nicht weiß, woher er kommt, und der fremd ist in der Welt. Mehr als 200 Bücher wurden über ihn geschrieben, ungezählte Gedichte und Lieder verfasst, Tucholsky wählte seinen Namen als Pseudonym. Mit Kaspars Auftreten beginnt aber auch das, was der Historiker Golo Mann den „schönsten Krimi aller Zeiten“ nannte. Denn der Junge, den die Nürnberger zunächst in einem Gefängnis einquartieren, lernt langsam sprechen – und erzählt eine atemraubende Geschichte: Zeitlebens sei er bei Wasser und Brot alleine in einem dunklen Raum gefangen gehalten worden. Mediziner hegen zwar damals wie heute Zweifel an dieser Story. Doch bald ist Kaspar Hauser das Topthema in Europas Salons.

Gerade ist ja Rousseau groß in Mode. Der Philosoph lehrt, dass der Mensch von Natur aus gut ist und erst die Gesellschaft ihn schlecht mache. Hauser müsste demnach der gute, unverdorbene, edle Wilde sein. Ein gottesfürchtiger, arbeitsamer Naturmensch. Die Realität passt allerdings nicht ganz zur Theorie: Ausgerechnet in einem Gottesdienst bricht Hauser zuckend zusammen. Und ständig hängt er faul und gelangweilt auf Partys herum. Als öffentliche Attraktion kann er sich vor Einladungen kaum retten: „Jedermann wurde zu ihm gelassen, der ihn zu besehen Lust hatte“, notiert der Jurist Anselm von Feuerbach, der sich des Knabens annimmt: „Wirklich genoß Kaspar vom Morgen bis zum Abend kaum eines geringeren Zuspruchs als das Känguru und die zahme Hyäne in der berühmten Menagerie des Herrn van Aken.“

Bald ist in Paris das Morgenrockmodell „Kaspar Hauser“ en vogue. Schillernde Gestalten wie der englische Lord Stanhope umgarnen den Jungen: Der spleenige Aristokrat verwöhnt ihn mit kostbaren Geschenken, herzt ihn mit Küssen, liebkost ihn öffentlich – und zum Befremden prüder Zeitgenossen scheint die Inkarnation von Rousseaus Naturmenschen Gefallen daran zu finden.

Gerüchte über die Identität des rätselhaften Findelkindes mehren die Aufmerksamkeit für Kaspar. Es gibt keine bessere Projektionsfläche für alle möglichen Sehnsüchte als einen Menschen ohne Geschichte. Esoteriker erklären ihn zum „großen atlantischen Eingeweihten“. Und immer wieder wird kolportiert, der junge Mann sei in Wirklichkeit der Erbprinz von Baden, der im Zuge einer Erbschleicherei in der Wiege gegen ein anderes Kind ausgetauscht und dann in einem Kellerloch eingekerkert wurde. Eine Geschichte wie ein Märchen der deutschen Romantik: ein echter Prinz, verborgen in der Gestalt eines armen Waisenkindes.

Kaspar Hauser landet schließlich in der fränkischen Kleinstadt Ansbach, wo ein Gendarmerieoberleutnant ihn unter seine Fittiche nimmt. Er arbeitet als Aktenkopierer beim Gericht - und allmählich verliert die Welt ihn aus dem Blick. Am 14. Dezember 1833 kommt er blutend heim: Ein Unbekannter habe im Hofgarten mit einem Messer auf ihn eingestochen, berichtet er. Drei Tage darauf stirbt er an der Stichwunde. Tatsächlich findet sich im Park eine Art wirres Bekennerschreiben, verfasst in Spiegelschrift. Bayernkönig Ludwig I. schreibt 10000 Gulden Belohnung für die Klärung der Tat aus. Eine unvorstellbar hohe Summe. Doch ein Täter wird nie gefasst.

Kaspars mysteriöses Ende schürt erneut Gerüchte, er sei einer politischen Verschwörung zum Opfer gefallen. Kriminalwissenschaftler glauben heute indes eher, er habe sich die Verletzungen selbst beigebracht, zumal sich im Bekennerschreiben ganz ähnliche orthografische Fehler fanden, wie sie auch Kaspar Hauser gemacht hatte. Wollte der in die Provinz abgeschobene junge Mann nur das Interesse an seiner Person wieder anheizen – und hat dann aus Versehen zu tief zugestochen? War er nur ein eilter Schwindler und Aufschneider? Hatten sensationsgierige Zeitgenossen die düstere Kerkerstory vielleicht überhaupt erst in den zurückgebliebenen Jungen vom Lande hineingefragt, der schnell lernte, dass er davon profitiert, wenn ein Geheimnis ihn umweht?

„Hier ruht Kaspar Hauser, das Rätsel seiner Zeit, unbekannt seine Herkunft, dunkel sein Tod“ lautet die lateinische Inschrift auf seinem Grabstein. Der „Spiegel“ ließ in einer spektakulären Aktion 1996 verkrustetes Blut von der Unterhose des Erstochenen in einer DNA-Analyse untersuchen. Das Ergebnis: Ein badischer Prinz war Kaspar Hauser nicht.

Vom Mediziner Günter Hesse stammt die Theorie, Hauser habe an einer in Tirol verbreiteten Erbkrankheit gelitten. Zur Zeit seiner Geburt waren auch Reiter des Nürnberger Regiments als Besatzungssoldaten in Tirol stationiert. Der Junge könnte schlicht ein ungeliebtes, Besatzerkind gewesen sein, das die Tiroler nach Jahren der Verwahrlosung in der Heimatstadt seines Erzeugers absetzten. So liefert die moderne Forschung Stück für Stück banale Erklärungen für das „Rätsel seiner Zeit“. Und Kaspar Hauser wird noch einmal zum Sinnbild: für die Entzauberung der Welt.

Tatjana Riegler 26.04.2012
26.04.2012