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Kultur Per Gessle: „Bei Country fühle ich mich wohl“
Nachrichten Kultur Per Gessle: „Bei Country fühle ich mich wohl“
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11:01 17.09.2018
Country-Musiker: Per Gessle hat sich vom Roxette-Sound wegbewegt. Sein Album „Small Town Talk“ enthält unter anderem ein Duett mit dem Briten Nick Lowe. Quelle: Anton Corbijn
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Berlin

Das Coverfoto hat Per Gessles alter Freund Anton Corbijn geschossen, er kam rüber von New Orleans von einer Fotosession mit der Band Arcade Fire. Gessle trägt darauf einen Cowboyhut, Jeans und Stiefel und steht vor einer Rostlaube, die mal ein todschickes Auto gewesen sein muss, damals zu Zeiten von Bonnie und Clyde. „Ein DeSoto oder so“, mutmaßt der Roxette-Gründer, will von der Hülle der Platte aber nicht auf ihren Inhalt schließen lassen : „Nein, es gibt nur Einflüsse, ,Small Town Talk‘ ist kein richtiges Countryalbum.“

Gessle reiste für sein neues Album nach Nashville

Ist es aber weitgehend doch, und es fehlen eigentlich nur Lasso und Colt zur Klischeekomplettierung . Das Soloalbum des Schweden enthält zwar auch klassische Popsongs wie „Simple Sound“, aber selbst die klingen dezent nach Nashville, wo sie unter Beihilfe einiger Stars der Music City wie Geiger Stuart Duncan (Gessle nennt ihn „Maestro“) oder Pedal-Steel-Gitarrist Dan Dugmore eingespielt wurden. Und eigentlich, so räumt Gessle ein, war er doch schon immer Fan von Kris Kristofferson, Townes van Zandt und dem Country-verwandten Rock von Tom Petty und den Byrds.

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Der Aussage seines deutschen Kollegen Heinz Rudolf Kunze jedenfalls, wonach Country und Americana der Rock’n’Roll der reiferen Musiker seien, schließt sich der 59-Jährige an: „Damit hat Kunze den Nagel auf den Kopf getroffen, das gilt auch für mich. Es ist schwer, dem Top-40-Zeug von heute zuzuhören. Das ist keine Musik sondern eine Formel der Plattenfirmen, die niemanden mehr herausfordern wollen. Americana hält die Melodien hoch, erzählt Geschichten. Bei Country fühle ich mich wohl, wie sich auch Dylan und Springsteen dort wohl fühlen.“

Die Lieder nahm Gessle zunächst in schwedischer Sprache auf

Eigentlich hatte er soundmäßig nur woandershin gewollt - so weit weg wie möglich vom klassischen Roxette-Pop-Sound, nachdem seine Partnerin Marie Fredriksson die Band 2016 aus Gesundheitsgründen verlassen hatte. Die Lieder nahm Gessle zunächst in schwedischer Sprache auf. Dann, als er die Stärke des neuen Materials erkannte, übersetzte er sie ins Englische. Traurige Songs zumeist – solche über das gute Gestern und das verlorene Heute.

Typisch Country eben, möchte man meinen. Aber sie hängen eben irgendwie auch mit Gessles persönlichem Schicksal zusammen: In den vergangenen Jahren sind seine Mutter, sein Bruder und seine Schwester gestorben. Von der Familie ist jetzt nur noch er übrig. „Es verändert dich, ohne dass du es merkst“, sagt er fast flüsternd. „und dann machst du reflektivere Songs.“ Auf den Bildern im Booklet hat er seine Lieben alle versammelt, das Foto auf der Rückseite zeigt seine Mutter mit Buster, Pers Hund aus Kindertagen, in der Hängematte. „Das Leben geht weiter“, sagt Gessle dann. „Muss.“

Mit dem Briten Nick Lowe ist ein alter Held Gessles vertreten

In dem „Small Town“ Halstad, in dem er aufwuchs, lebt Gessle heute noch mit seiner Frau Asa. „Wenn du im Kleinen aufwächst, prägt das deine Schritte für den Rest deines Lebens“, sagt er, und erwähnt die ewige Bodenständigkeit ebenso wie den ewigen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Großstadtleuten.

Den Titelsong über den üblen Kleinstadttratsch sang der Brite Nick Lowe mit ihm ein, eines seiner Idole seit New-Wave-Zeiten, der in den 80er-Jahren selbst zur Countrymusik fand und eine Zeitlang Johnny Cashs Schwiegersohn war. „Ich liebte, was immer Nick machte – auch wenn er Dave Edmunds oder Wreckless Eric produzierte.“ Zwei Tage haben sie in Stockholm miteinander verbracht, das Duett gemacht, getafelt, Weine entkorkt, Geschichten erzählt. Zwei Glückliche der Musik. Gessle schwärmt: „Nick ist ein Gentleman durch und durch.“

Fünf Sängerinnen wechseln sich auf Marie Fredrikssons Platz ab

Einige der „Small Town“-Songs werden auch bei den kommenden Roxette-Konzerten im Oktober zu hören sein. Marie habe ihn gedrängt, allein weiterzumachen. Und nach langem Verneinen und Zaudern geht Gessle nun doch mit der Roxette-Band auf Tour. Sorgt er sich, dass ihm viele Roxette-Fans das möglicherweise als Verrat auslegen, wie es die Queen-Fans Brian May und Roger Taylor verübelten, als die nach Freddie Mercurys Tod mit Bad-Company-Sänger Paul Rodgers Konzerte gaben?

„Am Ende gab es nur zwei Optionen“, antwortet er seufzend. „Diese wunderbaren Songs nie mehr zu spielen oder es doch zu tun. Ich ersetze Marie nicht, ich bewahre nur unser Erbe. Wir spielen die Sachen zum Teil verändert – mit Violine und Pedal-Steel-Gitarre. Fünf Sängerinnen wechseln sich auf der Bühne auf dem Platz von Marie ab. Es wird ganz anders als diese Queen-Sache damals.“

Seit Samstag laufen die Proben für die Tour. Wird er weitermachen mit Nashville-Klängen? „Vielleicht gehe ich ja für mein nächstes Album nach New Orleans“, überlegt er und lacht. Könnte er sich vorstellen, dylaneske Protestsongs gegen Populisten und Neonazis zu schreiben? „Ich habe immer mal kleine Anspielungen in meine Texte gestreut. Aber politisch in voller Songgröße? Ich glaube, da sind andere besser.“ Kurzes Schweigen. „Aber auch wenn du nicht gut darin bist, Position zu beziehen, kannst du es derzeit nicht vermeiden. Wir sind alle mittendrin.“

Per Gessle: „Small Town Talk“ (Elevator/BMG), bereits erschienen Per Gessle’s Roxette live: Leipzig, Haus Auensee – 9. 10.; Hamburg, Laeiszhalle – 11. 10.; Berlin, Admiralspalast – 22. 10.; Köln , E-Werk – 23. 10.

Von Matthias Halbig / RND

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